Von Olga Samofalowa
Die Blockade der Straße von Hormus hat weit mehr als nur die globalen Öl- und Gasströme ins Stocken gebracht. Die Weltwirtschaft steht vor der Herausforderung, dass auch lebenswichtige Güter der chemischen Industrie – von Aluminium über Düngemittel bis hin zu Helium und Schwefelsäure – im Persischen Golf festsitzen. Diese Abhängigkeit wird nun schmerzhaft spürbar.
So kletterte der Aluminiumpreis in der vergangenen Woche auf sein höchstes Niveau seit April 2022 und überschritt an der Londoner Metallbörse (LME) zeitweise die Marke von 3.500 US-Dollar pro Tonne. Auslöser sind Risiken für die Schifffahrt, die Lieferungen aus Katar und Bahrain verzögern – zwei Länder, die zusammen etwa neun Prozent der weltweiten Aluminiumproduktion ausmachen. Die verfügbaren Vorräte in den LME-Lagern schmelzen daraufhin rapide und befinden sich auf einem Tiefstand der letzten Monate. Wladimir Tschernow, Analyst bei Freedom Finance Global, erklärt:
“Der Aluminiumpreis stieg auf Höchststände seit März 2022, vor allem, weil der Markt nicht nur Lieferengpässe, sondern auch einen physischen Stillstand eines Teils der Produktionskapazitäten im Nahen Osten befürchtete. Nach der Blockade der Straße von Hormus waren rund sieben Millionen Tonnen Aluminiumproduktionskapazitäten gefährdet, was etwa neun Prozent des weltweiten Angebots entspricht. Das ist ein sehr großes Volumen für einen Markt, der schon vor dem Konflikt ziemlich angespannt war. Ein weiterer Schlag ist, dass die Werke in der Region keinen normalen Nachschub an Bauxit und Aluminiumoxid erhalten können, ohne die die Elektrolyse nicht lange durchhalten wird.”
Die Auswirkungen sind bereits konkret: Das katarische Unternehmen Qatalum hat eine kontrollierte Drosselung seiner Produktion (Jahreskapazität: 648.000 Tonnen) eingeleitet, und bei Bahrain Alba wurden Teile der Kapazität vorübergehend stillgelegt. Tschernow sagt:
“In erster Linie traf dies Europa und die USA, wohin ein beträchtlicher Teil des Metalls aus dem Nahen Osten geliefert wird, sowie Branchen mit kurzen Beschaffungszyklen. Dazu gehören Transport, Bauwesen, Verpackungsindustrie, Automobilzulieferer, Solarenergie sowie Verarbeiter von Profilen und Walzprodukten. Händler haben bereits eilig damit begonnen, Metall aus den Lagern der Londoner Metallbörse abzuziehen, um das Defizit an physischen Lieferungen auszugleichen.”
Für Russland birgt diese angespannte Marktlage Chancen, da sie die Exporteinnahmen des Aluminiumherstellers Rusal steigern kann. Der Analyst schätzt:
“Wenn man für die Bewertung die Verkäufe von Rusal in Höhe von etwa 3,5 bis 3,8 Millionen Tonnen Metall pro Jahr zugrunde legt, bringen jede zusätzlichen 100 US-Dollar pro Tonne etwa 350 bis 380 Millionen US-Dollar an zusätzlichen Jahreseinnahmen. Wenn sich der Preis auf einem Niveau hält, das 400 bis 500 US-Dollar über dem Stand zu Jahresbeginn liegt, könnte man bereits von einem Umsatzanstieg von 1,4 bis 1,9 Milliarden US-Dollar auf Jahresbasis sprechen.”
Auch der russische Staatshaushalt profitiere, wenn auch in deutlich geringerem Maße als beim Ölgeschäft, da es hier keine vergleichbare direkte Rohstoffrente gebe, so Tschernow. Die Haupteinnahmequellen seien Gewinnsteuer, Dividenden und Exportabgaben. Das könne zusätzliche Einnahmen in der Größenordnung von einigen zehn Milliarden Rubel bedeuten, aber nicht von hunderten Milliarden.
Dennoch wird Russland die globalen Ausfälle nicht kurzfristig kompensieren können. Der größte Vorteil liege daher im Preiseffekt. Russland könne mit seinem Aluminium vor allem Asien, Teile der Türkei und jene Abnehmer in Europa bedienen, die bereit sind, über verbleibende zugelassene Kanäle zu handeln. Eine schnelle Substitution der gesamten Nahost-Ausfälle sei jedoch unmöglich, betont der Analyst.
Chemische Industrie unter Druck
Ein weiterer kritischer Bereich ist die chemische Industrie. Dmitri Baranow, leitender Experte bei Finam Management, stellt fest:
“Der Konflikt im Nahen Osten hat zu einem Rückgang der Produktionsmengen oder sogar zum vollständigen Stillstand einiger Chemieunternehmen geführt; es ist ein weltweiter Mangel an Methanol, Schwefel und bestimmten Polymeren zu verzeichnen. Betroffen sind Katar, Iran und die Länder am Persischen Golf, und der Mangel an Chemikalien ist schon in Australien, Sri Lanka, im Sudan sowie in Ländern Asiens und Afrikas spürbar.”
Besonders betroffen seien Sektoren, die von Erdgas, Naphtha, Schwefel, Ammoniak, Methanol und der Logistik über den Golf abhängig sind, erklärt Tschernow und fügt hinzu:
“In Asien drosseln Raffinerien und die Petrochemie bereits ihre Auslastung, und asiatische Steamcracker, die zu mehr als 60 Prozent von Erdöl aus dem Nahen Osten abhängig sind, haben begonnen, Force-Majeure-Klauseln für Lieferungen geltend zu machen. Das bedeutet, dass sich die Probleme entlang der Lieferkette auf Polymere, Lösungsmittel, Verpackungsrohstoffe und eine Reihe von Zwischenprodukten auswirken. Separat davon wächst der Mangel an Schwefel und Helium. Bei Helium ist die Lage besonders heikel, da Katar etwa ein Drittel des weltweiten Angebots lieferte und sich die Spotpreise bereits verdoppelt haben.”
Katar produzierte mit 63 Millionen Kubikmetern etwa ein Drittel des globalen Heliums und lag damit auf Platz zwei hinter den USA. Russland folgt mit einem Anteil von 9,5 Prozent (18 Mio. m³/Jahr) und könnte seine Produktion im Amur-Gasexportkomplex im Bedarfsfall auf bis zu 60 Millionen Kubikmeter steigern.
Die Engpässe bei Helium, das für Medizin, Halbleiter und Luftfahrt unverzichtbar ist, sowie bei Schwefel und Schwefelsäure für Düngemittel, Metallurgie und Mikrochips sind besorgniserregend. Zudem wirken sich Störungen in der Petrochemie sofort auf die Verfügbarkeit von Verpackungen und Kunststoffen aus, was die Lebensmittelindustrie und Konsumgüterhersteller trifft. Der Experte resümiert:
“Verlierer sind derzeit vor allem die asiatischen und europäischen Abnehmer von Petrochemikalien sowie Branchen, in denen eine stabile Versorgung mit Verpackungsmaterialien, Kunststoffen, Zwischenprodukten und Industriegasen wichtig ist. Gewinner sind Hersteller außerhalb der Region, die über freie Kapazitäten und eine stabilere Rohstoffbasis verfügen. Russland profitiert hier teilweise, aber nicht in allen Bereichen.”
Chance im Düngemittelmarkt
Ein weiteres Feld, auf dem Russland profitieren könnte, ist der Düngemittelexport. Als weltgrößter Exporteur mit einem Fünftel des globalen Handels ist die Russische Föderation in einer starken Position. Durch die Straße von Hormus fließen etwa 35 Prozent des globalen Harnstoffhandels (Stickstoffdünger) und bis zu 45 Prozent des für Phosphatdünger benötigten Schwefels. Fabrikstillstände in der Region verschärfen das Risiko einer Knappheit vor der neuen Anbausaison. Tschernow erklärt:
“China war bereits gezwungen, Düngemittel früher als üblich aus den Staatsreserven freizugeben, um die inländische Knappheit vor der Aussaat einzudämmen. In den Medien wurde berichtet, dass die Preise für Harnstoff nach Ausbruch des Konflikts um etwa 80 US-Dollar pro Tonne von einem Niveau von rund 470 US-Dollargestiegen sind, wobei der Markt bereits zuvor aufgrund der chinesischen Exportbeschränkungen angespannt war.”
Seit Konfliktbeginn seien die Preise für Harnstoff um etwa 30 Prozent gestiegen, bemerkt Anastasia Prikladowa von der Plechanow-Wirtschaftsuniversität. Ein Viertel der globalen Harnstoffexporte komme aus Oman und Saudi-Arabien.
Ihrer Einschätzung nach wird es schwierig sein, die ausgefallenen Nahost-Mengen kurzfristig durch russische Exporte zu ersetzen. Sie merkt an:
“Dafür gibt es objektive Gründe, nämlich Produktionskapazitätsengpässe und eine staatliche Politik, die darauf abzielt, Engpässe auf dem Binnenmarkt zu verhindern. Aber selbst wenn die Ausfuhren ins Ausland nicht gesteigert werden, lässt sich durch den Anstieg der weltweiten Düngemittelpreise eine Steigerung des Wertvolumens der russischen Exporte erreichen.”
Russland könnte jedoch gezielt Partner wie Indien unterstützen, wo ein Düngemitteldefizit die Ernährungssicherheit bedroht. Als Mitglieder der BRICS-Staaten könnten Iran und Indien eine sichere Passage durch die Straße von Hormus aushandeln, was die Beziehungen innerhalb des Bündnisses stärken würde, so die Expertin. Weitere prioritäre Märkte seien Brasilien und China. Tschernow schätzt die finanzielle Dimension:
“Grob geschätzt bringen bei einem Exportvolumen von rund 45 Millionen Tonnen Düngemitteln jeweils zusätzliche 50 US-Dollar pro Tonne des Exportkorbs der Branche theoretisch etwa 2,2 bis 2,3 Milliarden US-Dollar an zusätzlichen Einnahmen auf Jahresbasis ein. Der tatsächliche Effekt wird jedoch geringer ausfallen, da die Preise für verschiedene Düngemittelsorten ungleichmäßig steigen und ein Teil des Wachstums durch Rabatte, Logistikkosten und interne Beschränkungen aufgezehrt wird.”
Risiko einer globalen Krise
Sollte sich der Konflikt hinziehen, drohen schwerwiegende Folgen. Baranow warnt vor einer globalen Nahrungsmittelkrise mit Preissprüngen von 30 bis 50 Prozent, die in den ärmsten Ländern zu Hungersnöten führen könnte. Die Düngemittelpreise könnten bei einem kurzfristigen Konflikt (ein bis drei Monate) um 25 bis 45 Prozent steigen, bei einem langfristigen (sechs Monate und länger) sogar um 90 Prozent oder mehr.
Tschernow prognostiziert, dass sich die Verfügbarkeit von Aluminium, Düngemitteln und Chemikalien weiter verschlechtern und die Preise steigen werden. Er hebt hervor:
“Mein Basisszenario sieht so aus: Wenn die Meerenge in den kommenden Wochen teilweise wieder freigegeben wird, wird der Höhepunkt der Panik auf diesen Märkten abklingen, und es wird eine hohe, aber nicht extreme Risikoprämie verbleiben. Sollten sich die Beschränkungen hingegen über Monate hinziehen, werden die Preise für Aluminium und Düngemittel ihren Aufwärtstrend beibehalten, und bei einzelnen chemischen Produkten könnte es nicht mehr nur zu einem Preisanstieg kommen, sondern zu einer physischen Rationierung der Lieferungen.”
Russlands zweischneidiges Schwert
Zusammenfassend stellt der Experte fest, dass Russland kurzfristig und punktuell von den höheren Preisen profitieren kann. Er betont jedoch die Kehrseite:
“Aber es gibt auch eine Kehrseite der Medaille. Je länger der Konflikt dauert, desto höher ist die weltweite Kosteninflation, desto teurer werden Fracht, Versicherungen, Rohstoffe und Treibstoff. Dies beginnt bereits, die globale Nachfrage zu belasten. Daher ist dies für Russland keine Geschichte eines einseitigen Gewinns.”
Langfristig könnte Russland also mit einer geschwächten globalen Industrienachfrage konfrontiert werden, was die kurzfristigen Gewinne zunichtemachen würde.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 17. März 2026 auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.
Olga Samofalowa ist Wirtschaftsanalystin bei der Zeitung Wsgljad.
Mehr zum Thema – Irans Außenminister: Meerenge von Hormus nur für israelische und US-Schiffe gesperrt