Burkina Fasos Präsident schockiert: “Diese Demokratie tötet uns – wir wollen sie nicht!

Von Nicholas Mwangi

Ein kürzlich ausgestrahltes Interview mit Ibrahim Traoré, dem Präsidenten von Burkina Faso, hat weltweit für Diskussionen gesorgt. Vor allem westliche Mainstream-Medien interpretierten seine Aussagen pauschal als Absage an die Demokratie und unterstellten ihm das Ziel einer dauerhaften Militärherrschaft.

Diese Darstellung ist nicht nur reißerisch, sondern verfehlt den Kern der Aussagen. Sie blendet den politischen und historischen Kontext aus, der für das Verständnis von Traorés Position und der aktuellen Entwicklung im Sahel unerlässlich ist.

Eine Frage des Modells

Das Gespräch kreiste fast eine halbe Stunde lang um die existenziellen Sicherheitsherausforderungen in der Sahelzone – die Bedrohung durch dschihadistische Gruppen und die Fragilität des Staates. Erst auf die konkrete Nachfrage nach Wahlen und einer möglichen Verlängerung seiner Amtszeit kam Traoré auf das Thema Demokratie zu sprechen.

Seine Antwort war klar: In einer Phase, in der das Überleben des Staates auf dem Spiel stehe, hätten Wahlen keine Priorität. Die unmittelbaren Aufgaben seien die Abwehr der Bedrohungen und der Wiederaufbau des Landes. Vor diesem Hintergrund ist seine vielzitierte Aussage zu verstehen: “Die Menschen müssen die Demokratie vergessen.”

Er präzisierte: “Wir müssen die Wahrheit sagen. Demokratie ist nichts für uns, die Art von Demokratie, die uns diese Leute vorführen. Daran haben wir kein Interesse.”

Traorés Kritik zielt nicht auf das Prinzip der Volksherrschaft an sich, sondern auf ein spezifisches Modell: die westliche liberale Demokratie, die aus seiner Sicht historisch oft durch Interventionen und an Bedingungen geknüpfte Hilfe nach Afrika exportiert wurde. Als warnendes Beispiel nannte er Libyen, ein Land, das im Namen der “Demokratie” zerstört wurde und in Chaos versank.

“Wir sind gekommen, um die Art und Weise, wie Dinge funktionieren, grundlegend zu ändern. Aber vor allem, um Denkweisen zu ändern, damit die Menschen ihre Augen öffnen, die Welt sehen und damit wir nie wieder in diese Falle tappen. Die Menschen sind hier. Demokratie ist Sklaverei. Es gibt keine Demokratie auf dieser Welt. Sie tun so, als gäbe es sie. Sie tun, was immer sie wollen. Und um sie zu errichten, töten sie. Eine Demokratie, die tötet. Wir wollen keine Demokratie. Möge Gott uns vor dieser Art von Demokratie bewahren. Wir konzentrieren uns auf unsere Errungenschaften, auf unseren Wiederaufbau und auf die Revolution. Das ist der einzige Weg zur Entwicklung.”

Seine drastische Formulierung, “Demokratie tötet”, ist somit als Anklage eines geopolitischen Instruments zu verstehen. Er kritisiert einen Prozess, bei dem der Begriff “Demokratie” zur Rechtfertigung für Regime-Change, ausländische Dominanz und gewaltsame Umgestaltungen dient – ein Muster, das sich auch in anderen Ländern wie Venezuela oder dem Iran beobachten lässt.

Der Kampf um Souveränität

Traorés Position ist eingebettet in eine breitere Krise der staatlichen Souveränität in der Sahelzone. Länder wie Mali, Niger und Burkina Faso haben lange Phasen der Instabilität, ausländischer Militärpräsenz und wirtschaftlicher Abhängigkeit durchlebt. Der Aufstieg militärgeführter Regierungen in der Region ist auch Ausdruck einer populären Abkehr von als neokolonial empfundenen Beziehungen, insbesondere zu ehemaligen Kolonialmächten wie Frankreich.

Von diesem politischen Terrain aus argumentiert Traoré. Seine Betonung von “Revolution”, “Wiederaufbau” und der “Veränderung der Denkweise” zielt auf einen Bruch mit einem Regierungsmodell ab, das als von außen aufgezwungen und innerlich hohl betrachtet wird.

Das Problem enger Deutungsrahmen

Viele Kommentatoren aus liberal-demokratischen Gesellschaften beurteilen Traorés Aussagen anhand eines statischen, textbook-artigen Demokratieverständnisses. Dieser enge Rahmen kann jedoch Situationen kaum erfassen, in denen die grundlegende Staatlichkeit bedroht, das Territorium fragmentiert und die Innenpolitik stark von externen Akteuren beeinflusst wird.

Das Ergebnis ist ein bekanntes Muster der Fehldeutung: Komplexe politische Äußerungen werden auf autoritäre Impulse reduziert, und Debatten über nationale Souveränität pauschal als undemokratisch abgestempelt.

Interessanterweise stellen sich ähnliche Grundsatzfragen der Prioritätensetzung auch in anderen Kontexten. So hat etwa der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Wahlen mit Verweis auf den Kriegszustand und das nationale Überleben verschoben. Während die Umstände völlig unterschiedlich sind, ist das zugrundeliegende Prinzip vergleichbar: die Neuordnung politischer Prozesse in existenziellen Krisenzeiten. Die internationale Reaktion auf solche Entscheidungen fällt jedoch selten einheitlich aus.

Damit soll nicht gesagt sein, dass der eingeschlagene Weg im Sahel frei von Risiken oder Problemen ist. Die Region steht vor immensen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen.

Traorés Position jedoch schlicht als “Ablehnung der Demokratie” zu etikettieren, verkennt die eigentliche Dimension. Es geht hier weniger um ein simples “Demokratie versus Autoritarismus”, sondern vielmehr um einen tiefgreifenden Konflikt über Souveränität, Entwicklung und das Recht von Gesellschaften, ihren politischen Weg selbst zu bestimmen – frei von externen Vorgaben.

Ob man seinen Schlussfolgerungen zustimmt oder nicht: Eine ernsthafte Auseinandersetzung muss die historischen Realitäten berücksichtigen, die den Sahel prägen.

Aus dem Englischen übersetzt von Olga Espín

Nicholas Mwangi aus Kenia ist Autor und Mitglied der Ukombozi-Bibliothek in Kenia. Er schreibt regelmäßig Beiträge für People’s Dispatch. Mwangi ist Mitherausgeber des Buches “Breaking the Silence on NGOs in Africa”.

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