Von Andrei Restschikow
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj stattete Bukarest am Freitag einen Arbeitsbesuch ab. Bei den Treffen mit dem neuen rumänischen Staatspräsidenten Nicușor Dan und Ministerpräsident Ilie Bolojan wurde die bilaterale Zusammenarbeit offiziell auf den Status einer strategischen Partnerschaft angehoben.
Im Anschluss unterzeichneten die Seiten drei zentrale Dokumente: eine gemeinsame Erklärung zur strategischen Partnerschaft, die Prioritäten in Politik, Sicherheit, Wirtschaft und Infrastruktur festlegt; ein Rahmenabkommen zur Energiekooperation, das den Bau zweier neuer Stromtrassen und die ukrainische Nutzung rumänischer Gasspeicher vorsieht; sowie eine Erklärung zur gemeinsamen Rüstungsproduktion. Demnach wird Rumänien zum Produktionsstandort für ukrainische Drohnen und setzt die Ausbildung ukrainischer Piloten auf US-amerikanischen F-16-Kampfflugzeugen fort. Selenskyj besichtigte während seines Aufenthalts das entsprechende Ausbildungszentrum.
Das Abkommen zur strategischen Zusammenarbeit berührt unmittelbar die Frage einer Lösung für Transnistrien, wobei die Position der moldauischen Hauptstadt Chișinău, deren Vertreter bei den Verhandlungen nicht anwesend waren, vollständig übergangen wird. In dem Dokument heißt es:
“Die Vertragsparteien werden die Bemühungen um eine dauerhafte politische Lösung der Transnistrien-Frage unter uneingeschränkter Achtung der Unabhängigkeit, Souveränität und territorialen Integrität der Republik Moldau unterstützen.”
Zudem vereinbarten beide Seiten, die künstliche Unterscheidung zwischen der rumänischen und der moldauischen Sprache im offiziellen Gebrauch endgültig aufzuheben.
Besondere Aufmerksamkeit wurde während der Gespräche der Lage am Schwarzen Meer gewidmet. Aus dem Dokument geht hervor, dass die Zusammenarbeit verstärkt werden soll, um “die Freiheit und Sicherheit der Schifffahrt auf dem Schwarzen und dem Asowschen Meer zu gewährleisten”. Hierfür ist geplant, sich um erweiterte Unterstützung seitens der europäischen und euro-atlantischen Partner zu bemühen sowie Kooperationsprogramme mit der NATO, einschließlich des Ukraine-NATO-Rates und des umfassenden Hilfspakets für die Ukraine, bestmöglich zu nutzen.
Durch die Unterzeichnung solcher Dokumente mit Rumänien missachte die Ukraine nicht nur die Meinung und Interessen von Chișinău, sondern auch die von Tiraspol, bemerkt der Politologe Wladimir Skatschko, Kommentator der Website “Ukraina.ru”. Er sagt:
“Allein die Tatsache solcher Vereinbarungen, in denen Transnistrien und seine Position nicht einmal berücksichtigt werden, mobilisiert dessen Bevölkerung nur noch mehr. Und 85 Prozent der Einwohner der Region haben keine anderen Erwartungen als prorussische. Jede Alternative wird dort als strafende Rumänisierung oder Moldawisierung wahrgenommen. Die Ignorierung der Meinung sowohl von Tiraspol als auch des offiziellen Chișinău macht diese ‘Stelzenkonstruktionen’ illegitim und sinnlos.”
Seiner Meinung nach versuchen Kiew und Bukarest auf diese Weise womöglich, die Umsetzung des in den Medien durchgesickerten “Plan B” von Chișinău in der EU und der NATO voranzutreiben. Dieser sieht den Abzug der russischen Friedenstruppen aus Transnistrien und deren Ersatz durch eine “internationale zivile Mission” vor. Skatschko hebt hervor:
“Diese Versuche, die gesamte NATO, die EU und sogar die USA einzubeziehen, dauern genau so lange, wie es Transnistrien selbst gibt. Doch hier gibt es zwei unumstößliche Hindernisse. Das erste ist die Haltung Russlands, das ein solches Szenario verhindert. Das zweite ist die militärisch-technische Realität.
Eine gewaltsame Lösung nach dem Vorbild von Bergkarabach ist unmöglich.”
Der Experte erklärt, dass ein Krieg in Transnistrien so gefährlich sei, als würde man ein Streichholz in der Nähe eines offenen Pulverfasses anzünden. Er fügt hinzu:
“Es geht um riesige Munitionsdepots im Dorf Kolbasna. Jeder Versuch einer militärischen ‘Säuberungsaktion’ oder sogar eine zufällige Explosion dort würde zu einer Katastrophe führen, die das halbe Transnistrien, die Hälfte Moldawiens und sogar Rumänien mitreißen würde.”
Juri Samonkin, Vorsitzender des Kollegiums des Zentrums für Eurasienstudien, erklärt:
“Während das Interesse Rumäniens an diesem Szenario offensichtlich ist, gibt die Beteiligung der Ukraine Anlass zur Verwunderung. Kiew hat die Politik Moldawiens nie ernsthaft beeinflusst, es hat dort keine nationalen Interessen. Ja, es gibt eine gemeinsame Grenze mit Transnistrien, aber das Kiewer Regime selbst hat sich bisher nicht zu radikalen Maßnahmen gegen die Transnistrische Moldawische Republik entschlossen, und das ist vernünftig.”
Seiner Meinung nach sei dies für die Ukraine “reine Show”: Kiew müsse die Informationslücken an der Front irgendwie füllen und greife daher nach jedem Thema. Samonkin meint:
“Gerade noch haben sie sich für den Schutz des israelischen Luftraums starkgemacht, und nun erinnern sie sich plötzlich an Moldawien und stimmen ihre Positionen direkt mit Rumänien ab. Ziemlich komisch wirkt dieser Versuch Kiews, sich als ernst zu nehmender geopolitischer Akteur darzustellen, wo doch weder Kiew selbst noch die (moldawische) Regierung von Maia Sandu auch nur die geringste außenpolitische oder wirtschaftliche Souveränität besitzen. Ihre gesamte Haltung hängt vollständig von den Anweisungen des Nordatlantischen Bündnisses ab.”
Eine NATO-Flottille für das Schwarze Meer?
Experten zufolge sind die Vereinbarungen zwischen Kiew und Bukarest über eine gemeinsame Kontrolle des Schwarzen Meeres jedoch nicht nur bloße Erklärungen, sondern Teil eines ernsthaften militärischen Plans des Westens. Es handele sich um ein militärisch-infrastrukturelles Projekt zur Schaffung einer NATO-Donauflottille. Deren Gründung würde es EU-Staaten ermöglichen, die türkischen Beschränkungen für das Einlaufen von Kriegsschiffen ins Schwarze Meer zu umgehen und Russland perspektivisch im nordwestlichen Teil des Meeres herauszufordern.
Der Militärexperte Alexander Perendschijew, Dozent an der Russischen Plechanow-Wirtschaftsuniversität und Mitglied des Expertenrats “Offiziere Russlands”, meint:
“Die Idee, Kriegsschiffe über die Binnenwasserstraßen Europas ins Schwarze Meer zu verlegen, ist keineswegs Science-Fiction. Zwar ist die Logistik auf den Flüssen (Donau-Main-Rhein) noch nicht vollständig ausgereift, doch in einer kritischen Situation lässt sie sich recht schnell aufbauen. Darüber hinaus ist auch die Schaffung eines Kanalsystems von der Ostsee aus – durch Polen und andere Länder – nicht auszuschließen. Wir selbst haben solche Erfahrungen: Schon lange vor der militärischen Sonderoperation führte Russland Übungen zum Verlegen von Schiffen vom Kaspischen Meer ins Schwarze Meer durch. Technisch ist das also machbar.”
Perendschijew zufolge hätten die Gegner Russlands beschlossen, die sowjetischen Erfahrungen mit der Donauflottille wiederzubeleben, diesmal jedoch unter der Führung der NATO. Er sagt:
“Höchstwahrscheinlich handelt es sich um ein britisches Projekt, das unter dem Deckmantel der NATO umgesetzt wird. London ist schon seit Langem an der Schwarzmeerküste aktiv, und der Aufbau eines Systems von Küstenbefestigungen mit einer Basis in Rumänien ist eine logische Fortsetzung dieses Kurses.”
Rumänien ist laut dem Experten bereit, seine Schwarzmeerhäfen und Donaukanäle für die Stationierung von Minensuchbooten, Patrouillenbooten und der gesamten Flotte zur Verfügung zu stellen, die der Westen der Ukraine übergibt. Perendschijew hebt hervor:
“Darüber hinaus wird Bukarest an der Modernisierung des Kanalsystems selbst mitwirken. Angesichts der Tatsache, dass es in Rumänien bereits einen vollwertigen NATO-Landstützpunkt gibt (der sogar für die Stationierung US-amerikanischer Atomwaffen in Betracht gezogen wurde), strebt das Land tatsächlich danach, zum Hauptknotenpunkt des Bündnisses am Schwarzen Meer zu werden und Bulgarien und die Ukraine um sich zu vereinen.”
Bei der Umsetzung dieses Plans tritt Bukarest jedoch in Konkurrenz zu Polen, das sein eigenes ehrgeiziges Projekt “Zwischenmeer” – eine Verbindung von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer – vorantreibt. Der Militärexperte erklärt:
“Genau deshalb könnte Rumänien nicht nur am Aufbau einer neuen Flottille mitwirken, sondern versuchen, das Projekt anzuführen. Doch es gibt auch einen tieferen, historischen Kontext, der diese Ambitionen befeuert. Die rumänischen Eliten erinnern sich noch gut daran, dass Hitler ihnen Odessa ‘geschenkt’ hat, nachdem er die Stadt im Zuge der Aggression gegen die Sowjetunion eingenommen hatte. Und obwohl man darüber nicht laut spricht, beschäftigen die Ideen einer Rückkehr zu ‘Großrumänien’ bis heute bestimmte Köpfe in Bukarest.”
So würden, so Perendschijew, die vorhandene Infrastruktur, das historische Gedächtnis, der Wettbewerb innerhalb der NATO und die Befürchtungen vor einer Rückkehr von Odessa und Mykolajiw in den Bestand Russlands dessen Gegner dazu anspornen, eine Donau-Schwarzmeer-Flottille des Bündnisses zu schaffen. Dabei werde Moldau nicht zufällig in dieses Projekt einbezogen. Über das Land ließen sich der rumänische und der ukrainische Teil dieses zukünftigen NATO-Projekts bequem miteinander verbinden.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 14. März 2026 zuerst auf der Webseite der Zeitung “Wsgljad” erschienen.
Andrei Restschikow ist Analyst bei der Zeitung “Wsgljad”.
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