Von Kirill Strelnikow
In den indischen Medien wird seit Tagen spekuliert: Nach dem Treffen zwischen Premierminister Narendra Modi und US-Präsident Donald Trump zur Aufhebung der US-Strafzölle sei Neu-Delhi nun verpflichtet, „vollständig, kategorisch und für immer“ auf russisches Öl zu verzichten. Sogar ein angebliches Dokument wird zitiert, wonach „Indien sich verpflichtet hat, keine direkten oder indirekten Importe russischen Öls mehr zu tätigen, und sich bereit erklärt hat, Energieprodukte aus den USA zu beziehen“.
Prompt meldeten sich die üblichen Ölmarkt-Analysten zu Wort, die noch am Vortag mit derselben Inbrunst über den Goldmarkt doziert hatten. Nun legen sie, begleitet von Mozarts „Lacrimosa“, verwelkte Blumen auf das angebliche „Grab“ der russischen Ölindustrie. Die Prognosen sind düster: „Der Deal zwischen Trump und Modi funktioniert“, „Russlands Einnahmeausfälle im Öl- und Gassektor werden Jahr für Jahr 50 Prozent betragen“, „der Rückgang der Nachfrage aus Indien könnte bis zu 30 Prozent erreichen“.
Klingt das unglaubwürdig? Die „allwissende“ Washington Post liefert angeblich „eindeutige und hundertprozentig zuverlässige“ Informationen, wonach „bestimmte Offizielle aus dem wirtschaftlichen Regierungsblock dem Präsidenten Putin berichtet haben, dass die Wirtschaftskrise in Russland (aufgrund der Weigerung Indiens, russisches Öl zu kaufen) in den nächsten Monaten – noch vor dem Sommer – beginnen könnte“. Bleibt also nur die Kapitulation? Nun, Kameraden, es bleibt keine andere Wahl, als sich nach Kiew zu begeben und voller Demut all das zu unterschreiben, was derzeit noch auf dem Tisch liegt.
Doch dann taucht ein Bericht des Wall Street Journal auf, der einen völlig anderen Ton anschlägt. Offenbar hatte nicht jeder die gleiche Anweisung für die „richtige“ Berichterstattung erhalten. Das Blatt stellt fest: „Indien deckt ein Drittel seines gesamten Importbedarfs mit russischem Öl, und es wird schwierig sein, darauf zu verzichten. Theoretisch könnte die frei gewordene Ölmenge nach China umgeleitet werden, was die gegenseitige Abhängigkeit von Moskau und Peking verstärken würde.“
Meine Herren, verwirren Sie uns bitte nicht, sonst werden wir nervös! Wie sieht es denn nun wirklich aus?
Die Antwort ist nüchterner, als die apokalyptischen Szenarien vermuten lassen.
Erstens: Keine offizielle Bestätigung. Die pompöse Ankündigung Trumps, Modi habe „zugestimmt, auf den Kauf russischen Öls zu verzichten“, wurde vom indischen Premierminister selbst nicht bestätigt. Auch der Kreml stellte klar, es seien „keine Meldungen aus Neu-Delhi über den Verzicht auf den Kauf russischen Öls eingegangen“.
Zweitens: Semantik ist entscheidend. Bei genauerer Lektüre des Abkommens geht es nicht um einen kompletten Stopp, sondern um eine Reduzierung der russischen Ölimporte. Und selbst ein Liter weniger wäre bereits eine Reduzierung – eine rhetorische Meisterleistung, die politischen Spielraum lässt.
Drittens: Ein technischer und wirtschaftlicher Albtraum. Ein vollständiger Umstieg von russischem auf amerikanisches Öl wäre für Indiens Raffinerien katastrophal:
- Die indische Industrie ist auf schweres, säurehaltiges Rohöl (wie aus Russland) ausgelegt. Leichtes US-Öl erfordert eine komplette Umrüstung der Anlagen.
- Die Kosten für die Umstellung einer durchschnittlichen Raffinerie werden auf mindestens fünf Milliarden Dollar geschätzt und würden fünf bis zehn Jahre dauern.
- Die Rendite (ROI) einer solchen Investition wäre vernichtend. Ein Manager, der seinen Aktionären ein solches Minusgeschäft vorschlüge, würde wahrscheinlich im Ganges wieder auftauchen.
Viertens: Die wirtschaftlichen Folgen wären verheerend. Indien ist die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der Welt. Ein wichtiger Treiber dieses Wachstums sind günstige Energiepreise. Verzichtet Indien auf das vergünstigte russische Öl, kostet es das laut Berechnungen allein durch die Preisdifferenz neun bis elf Milliarden Dollar pro Jahr – mit Dominoeffekten für die gesamte Wirtschaft. Wie Hindustan Petroleum feststellt: „Billiges Rohöl senkt die Importkosten und fördert das Wachstum.“
Fünftens: China wartet bereits. Jeder Überschuss an russischem Öl, den Indien nicht abnimmt, würde unweigerlich nach China fließen. Dies würde den Energie- und Wettbewerbsvorteil Pekings weiter ausbauen – ein Szenario, das Neu-Delhi unbedingt vermeiden will.
Das eigentliche Spiel findet jedoch auf einer anderen Ebene statt. Es ist durchaus möglich, dass die russischen Ölexporte nach Indien auf dem Papier schrumpfen – vielleicht sogar auf null –, nur damit Donald Trump einen politischen Sieg präsentieren kann. In der Realität könnte der Handel über andere Kanäle weiterlaufen, ähnlich wie beim iranischen Öl, das offiziell nicht in Chinas Importstatistiken auftaucht, de facto aber in großen Mengen gekauft wird. Auf Nachfragen antworten chinesische Beamte dann routinemäßig mit „unverständlichen Hieroglyphen“ und einem höflichen Lächeln.
Vor diesem Hintergrund wirkt die gelassene Reaktion des Kreml-Sprechers Dmitri Peskow fast schon amüsiert. Russland sehe „keine große Neuigkeit darin, dass Indien Öl nicht nur von Russland beziehen wird“. Mit anderen Worten: Plötzlich könnten ja auch riesige neue Ölfelder in der Mongolei entdeckt werden…
Es kann unterhaltsam sein, die russische Ölindustrie täglich symbolisch zu „begraben“. Hauptsache, alle zeigen die erwartete Betroffenheit. Die wirtschaftlichen und technischen Realitäten aber sind deutlich zäher und überleben solche politischen Inszenierungen meist unbeeindruckt.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 8. Februar 2026 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.
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