Von Olga Samofalowa
Drohnenangriffe der Ukraine auf russische Häfen an der Ostsee und im Schwarzen Meer könnten zu erheblichen Einbußen bei den russischen Ölexporten führen. Die Attacken treffen eine zentrale Schlagader der russischen Wirtschaft.
Während der Hafen von Noworossijsk im Süden mit reduzierter Kapazität weiterarbeitet, sind die strategisch wichtigen Ostseehäfen Ust-Luga und Primorsk seit Tagen außer Betrieb. Normalerweise werden dort täglich etwa 1,7 Millionen Barrel Öl umgeschlagen. Nach Schätzungen der Nachrichtenagentur Reuters sind derzeit insgesamt mindestens 40 Prozent der russischen Ölexporte betroffen – das entspricht rund zwei Millionen Barrel pro Tag.
Zu diesen Ausfällen tragen neben den Hafenstilllegungen auch andere Faktoren bei: Der Öltransit durch die Druschba-Pipeline in die Slowakei, nach Ungarn und Serbien wurde von der Ukraine bereits im Februar eingestellt. Zudem könnten bis zu 300.000 Barrel täglich ausfallen, weil Tanker mit russischem Öl aus Murmansk festgesetzt wurden – eine Folge des Sanktionskrieges, nicht von Infrastrukturschäden.
Die geopolitischen Risiken für Russlands Ölhandel nehmen weiter zu. Großbritannien kündigte an, sanktionierten Tankschiffen der sogenannten “Schattenflotte” die Durchfahrt durch den Ärmelkanal zu verwehren. Premierminister Keir Starmer gab den Sicherheitskräften entsprechende Befugnisse.
Experten wie Igor Juschkow von der Finanzuniversität und dem Fonds für nationale Energiesicherheit (FNES) sehen darin jedoch vorerst eine politische Ankündigung. “Es wäre interessant zu sehen, wie Großbritannien dies auf gesetzlicher Ebene umsetzen könnte, da London im Gegensatz zu den USA das Seerechtsübereinkommen ratifiziert habe, das einen solchen Ansatz verbiete”, so Juschkow. Bisherige Festhalten russischer Tanker dienten lediglich der Überprüfung der Flaggenauthentizität.
Die wirtschaftlichen Folgen der Hafenausfälle sind indes konkret und gravierend. Der Analyst Wladimir Tschernow von Freedom Finance Global rechnet vor: “Bei den aktuellen Ölpreisen von rund 100 US-Dollar pro Barrel belaufen sich die entgangenen Exporteinnahmen allein für die Ostseehäfen auf etwa 160 bis 170 Millionen US-Dollar pro Tag. Das sind Dutzende Milliarden Rubel täglich.”
Hinzu kommen höhere Kosten: “Die Ostsee bietet kurze und kostengünstige Logistikwege. Ihr Wegfall bedeutet längere Logistikrouten und damit teurere Frachtkosten sowie steigende Abschläge”, erklärt Tschernow. Bei einem geschätzten Gesamtausfall von zwei Millionen Barrel pro Tag summiert sich der monatliche Verlust auf etwa sechs Milliarden US-Dollar.
Eine schnelle Umleitung der Exportströme ist kaum möglich. Sergej Kaufman, Analyst bei Finam, stellt fest: “Eine schnelle Umstellung der Logistik auf alternative Häfen ist praktisch unmöglich, daher kann der Export zumindest vorübergehend zurückgehen.” Die Häfen und Pipelines in östliche Richtung seien bereits ausgelastet.
Langfristig könnte Russland die Krise jedoch zu seinen Gunsten wenden. Igor Juschkow argumentiert: “Wenn Russland eine Zeit lang seine Exporte reduziert und die Ölförderung drosselt, verschärft dies den Angebotsengpass auf dem Weltmarkt. Die Preise werden steigen, und mit den reduzierten Exportmengen werden wir genauso viel verdienen können wie zuvor.”
Wie lange die Unterbrechungen anhalten, hängt vom Ausmaß der Schäden ab. Kaufman gibt sich vorsichtig optimistisch: “Aus unserer Sicht ist es sehr schwierig, einen Hafen dauerhaft vollständig außer Betrieb zu setzen; daher gehen wir davon aus, dass der Großteil der Exporte in kurzer Zeit wieder aufgenommen werden kann.” Besorgniserregend seien mögliche Schäden an den Gasverarbeitungsanlagen in Ust-Luga, deren Reparatur komplexer sei.
Die globalen Auswirkungen sind bereits spürbar. Der Ölmarkt leidet ohnehin unter einem Defizit. Jeder weitere Rückgang der Liefermengen, insbesondere des in Asien stark nachgefragten russischen Öls, treibt die Preise in die Höhe. “Lieferunterbrechungen von russischem Öl werden sich in erster Linie auf dessen größte Importeure – China und Indien – auswirken. Aber auch für viele Länder Süd- und Ostasiens könnte russisches Öl lokal zu einer alternativen Importquelle werden”, so Kaufman.
Tschernow fasst zusammen: Ein Rückgang des weltweiten Angebots um fast zwei Prozent sei sehr spürbar. Neben steigenden Ölpreisen werde es zu einer Verteuerung von Erdölprodukten wie Diesel und Flugkraftstoff kommen. Dies löse einen verstärkten Wettbewerb um freie Ölmengen zwischen Asien und Europa aus und erhöhe die Marktvolatilität. Der “russische Faktor” treibe die geopolitische Risikoprämie damit weiter nach oben.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 27. März 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung Wsgljad erschienen.
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