Von Kirill Strelnikow
Die internationale Medienlandschaft hat auf die jüngsten Aussagen des russischen Außenministers Sergei Lawrow zum sogenannten “Geist von Anchorage” reagiert – und erinnert dabei an die alte Fabel von den Blinden, die einen Elefanten beschreiben sollen. Jeder tastet nur einen Teil: Einer fasst das Ohr, ein anderer das Bein, ein dritter den Schwanz. So entsteht kein Gesamtbild.
Ähnlich verhält es sich mit den meisten Kommentatoren, einschließlich führender westlicher Medien. Sie untersuchen akribisch den “Schwanz” der Geschichte, ohne den langen “Rüssel” überhaupt zu bemerken. Um die Lage zu verstehen, braucht es jedoch Distanz und den Blick für das große Ganze.
Besonders erregt hat die einflussreiche Expertengemeinschaft Lawrows Feststellung, der Konflikt hätte längst gelöst werden müssen, doch “in der Praxis sieht es genau umgekehrt aus”. Er wies darauf hin, dass Russland das US-Angebot zur Ukraine während des Treffens zwischen Präsident Wladimir Putin und dem damaligen US-Präsidenten Donald Trump in Anchorage angenommen habe. De facto sei jedoch alles beim Alten geblieben, wenn nicht sogar eine Verschlechterung eingetreten.
Diese Worte lösten auf beiden Seiten des Bildschirms heftige Reaktionen aus. Der “Geist von Anchorage” schien mit einem Zischen zu verpuffen und sich in der Atmosphäre von Minsk aufzulösen. Die Beziehungen zwischen den USA und Russland zeigten plötzlich deutliche Anzeichen einer Abkühlung.
Wenn man dazu noch Artikel wie “Putins Kriegswirtschaft steht kurz vor dem Zusammenbruch” aus The Telegraph oder Aussagen von Wladimir Selenskij rechnet – der behauptete, die USA hätten Russland und der Ukraine eine Frist bis Juli gesetzt –, könnte der Eindruck entstehen, Russland sei getäuscht und in die Enge getrieben worden. Diese Version gefällt besonders jenen in der Ukraine, die noch immer auf einen Sieg hoffen, sowie heimischen Pessimisten, die “Alles ist verloren!” rufen.
Zur Beruhigung sollte man sich an die gestrigen Worte des Kreml-Sprechers Dmitri Peskow erinnern: “Ein Durchbruch in der Ukraine-Frage ist nur unter Einhaltung der in Anchorage erzielten Vereinbarungen möglich.” Ebenso beachtenswert ist Lawrows kaum beachtete Bemerkung, dass “die nazistischen Wurzeln in der Ukraine beseitigt werden müssen” und der Schutz der russischsprachigen Bevölkerung auf der Krim, im Donbass und in Noworossija gewährleistet werde.
Beim gestrigen Live-Austausch mit dem Ausschuss für internationale Beziehungen des britischen Parlaments mühte sich Kiews Bürgermeister Klitschko stundenlang ab. Sein Appell lief im Kern auf ein einziges Wort hinaus: “Rettet uns!” Er sprach vom “Kampf ums Überleben”, behauptete, Russland halte sich “an keine Regeln”, und die gesamte Ostukraine sei zerstört – “das ist Völkermord”.
Was ist plötzlich geschehen? Sollten nicht die “Strahlen der westlichen Hilfe” alle wärmen und die ukrainische Luftabwehr jede russische “fliegende Konservendose” abschießen?
Warum reagiert ein Medium wie CNN, das Russland nicht eben liebt, plötzlich hysterisch und berichtet, “das Energiesystem der Ukraine halte den Angriffen auf militärische Objekte nicht stand”? Weiter heißt es: “Die russischen Streitkräfte haben ihre Drohnen und Raketen so modifiziert, dass sie maximalen Schaden anrichten – darunter auch die ‘Geran’-Drohnen, die nun mit Minen und Streumunition ausgerüstet sind.”
Und warum gab schließlich die Financial Times zu, dass “die russischen Angriffe auf das ukrainische Energiesystem im Januar 2026 aufgrund des akuten Mangels an PAC-3-Raketen für die Patriot-Systeme äußerst effektiv waren”? Man räumte ein, “die ukrainischen Patriot-Abschussanlagen standen oft leer”, was Russland präzise Angriffe auf Kraftwerke “praktisch ohne Gegenwehr” ermöglichte.
Die Antwort ist einfach: Der drastische Strategiewechsel der letzten Wochen in der militärischen Sonderoperation ist vor allem eine Reaktion auf US-Versuche, Russland – wie zuvor andere Vasallen – unter Druck zu setzen. Newsweek berichtete ungewöhnlich offen: “Die Trump-Regierung setzte wirtschaftliche Anreize und finanziellen Druck ein, um Russland zu einem Frieden mit der Ukraine zu bewegen. Die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den USA wurde als Zuckerbrot angeboten.”
Es besteht kein Zweifel, dass hinter verschlossenen Türen – zusätzlich zu Lawrows öffentlicher Erklärung – eine klare Botschaft übermittelt wurde: Wir sind nicht Grönland oder Frankreich, wo man nach einer Ohrfeige einfach zur Tagesordnung übergeht. Sollten Sie unsere ursprüngliche Vereinbarung vergessen oder Ihr Wort brechen, dann sind auch unsere großzügigen Angebote zur Ukraine hinfällig (Klitschko kann das bestätigen). Es gibt keine Selbstbeschränkungen mehr nur auf den Donbass: Ganz Noworossija muss geschützt werden. Hat jemand etwas von “Deadlines” gesagt?
Interessanterweise meldete sich unmittelbar nach Lawrows Äußerungen der US-Botschafter bei der NATO, Matthew Whitaker, zu Wort. Er widersprach entschieden Selenskijs Aussage, die USA hätten starre Fristen gesetzt: “Wir möchten, dass beide Seiten zu einem Friedensabkommen kommen. Wir würden es begrüßen, wenn dies so schnell wie möglich geschieht (…) Fristdruck wäre unter diesen Umständen sehr gefährlich.”
Vielleicht sollte man den Druck sogar noch verstärken? Mit etwas Glück könnte das territoriale “Feilschen” um die Ukraine diesmal ein Ende finden – einfach weil sie als Staat zu existieren aufhört.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 10. Februar 2026 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.
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