Krieg und Geld: Eine unheilige Allianz, die die Welt beherrscht

Von Rainer Rupp

Zentralbanken präsentieren sich gern als neutrale Wächter der wirtschaftlichen Stabilität. In ihrer Selbstdarstellung sind sie Schiedsrichter, Thermostat und Notarzt des Finanzsystems in einem. Ihre historische Geburtsstunde erzählt jedoch eine andere, nüchternere Geschichte: Sie wurden geschaffen, um Staaten die finanzielle Ausdauer für langwierige Kriege zu verleihen. Das ermöglichte es Regierungen, Konflikte zu führen, ohne sofort in die Insolvenz zu schlittern. Je länger der Krieg dauert, desto mehr Geld muss gedruckt, geliehen oder per Mausklick aus dem Nichts geschaffen werden. Dieses Muster zieht sich mit brutaler Konsequenz durch die Geschichte und findet seine aktuelle Bestätigung in der Zwickmühle der US-Notenbank Federal Reserve (Fed). Ihre Entscheidungen werden schwerwiegende Folgen für die US-Wirtschaft haben – ganz gleich, welchen Weg sie einschlägt.

Die Blaupause für dieses Modell entstand 1694 in London. Großbritannien befand sich im erbitterten Krieg gegen Ludwig XIV., und König Wilhelm III. war dringend auf Geld angewiesen. Die Lösung war die Gründung der Bank of England – einer privaten Institution, die dem Staat Kredite gewährte, Banknoten druckte und Anleger mit Staatsanleihen versorgte. Das Modell war so erfolgreich, dass es bald auf dem europäischen Kontinent Schule machte.

Während der Napoleonischen Kriege (1793–1815) setzte die Bank of England 1797 die Golddeckung für das Pfund aus, um die immensen Militärausgaben zu stemmen. Papiergeld überschwemmte das Land, die Inflation explodierte, und der Wert des Papierpfunds brach ein. Doch die Royal Navy und Wellingtons Armeen blieben kampffähig. Ohne diese geldpolitischen Manipulationen hätte Großbritannien den Krieg aus Mangel an liquiden Mitteln verloren.

Auf der anderen Seite des Atlantiks wiederholte sich die Geschichte. Die Fed wurde 1913 offiziell gegründet, um Bankenpaniken wie jene von 1907 zu verhindern. Nur vier Jahre später traten die USA in den Ersten Weltkrieg ein. Die Fed finanzierte ihn mit. Die Regierung emittierte “Liberty Bonds” in Milliardenhöhe, die Fed hielt die Zinsen niedrig, pumpte Liquidität in das Bankensystem und kaufte die vom Markt nicht absorbierten Anleihen auf. Kurz gesagt: Ein Teil der Kriegskosten wurde durch die Notenpresse finanziert.

Das gleiche Spiel folgte im Zweiten Weltkrieg. Um die Achsenmächte zu besiegen, explodierte die Staatsverschuldung von 49 auf 259 Milliarden US-Dollar, was das Verhältnis von Schulden zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) auf 113 Prozent trieb. Die Fed kappte die langfristigen Renditen bei 2,5 Prozent und kaufte Anleihen, wann immer der Markt zögerte – erneut eine klassische Kriegsfinanzierung durch die Notenpresse.

Heute liegt das Verhältnis der US-Bundesverschuldung zum BIP laut Fed bei etwa 125 Prozent. Berücksichtigt man jedoch alle Schulden in der US-Volkswirtschaft – also von Bundesstaaten, Haushalten und Unternehmen –, steigt diese Quote auf über 700 Prozent des BIP. Ermöglicht hat dies die Zentralbank.

Sogar der Amerikanische Bürgerkrieg liefert ein Lehrstück. 1862 führte der Norden die “Greenbacks” ein – reines Fiat-Geld, das weder durch Gold noch Silber gedeckt war. So wurden 450 Millionen Dollar Papiergeld gedruckt. Die Inflation schnellte in die Höhe, aber die Union konnte Soldaten bezahlen und Waffen kaufen. Die Konföderierten im Süden versuchten dasselbe, stürzten jedoch in eine Hyperinflation. Die Lehre war klar: Wer effizienter drucken und leihen konnte, gewann den Krieg.

Heute läuft dieses Spiel mit Billionenbeträgen noch schneller und gefährlicher ab. Der aktuelle Konflikt im Nahen Osten verschlingt schätzungsweise “eine Milliarde US-Dollar pro Tag”. Das sind reale Ausgaben für Munition, Logistik, Flugzeugträgergruppen in sicherer Entfernung zum Iran, zerstörte Radarsysteme und die ständige Nachrüstung von Flugabwehrraketen. Um die bereits verbrauchten Ressourcen im unprovozierten, völkerrechtswidrigen US-Angriffskrieg gegen den Iran zu ersetzen, hat Kriegsminister Pete Hegseth den Kongress kürzlich um einen dringenden Nachtragshaushalt von 200 Milliarden Dollar für das Pentagon ersucht.

An der Richtung der Energiepreise wird das nichts ändern: Öl- und Gaspreise explodieren, und die Inflation wird sich Monat für Monat tiefer in die westlichen Volkswirtschaften hineinfressen. Sie wird das gesamte Preisniveau nach oben treiben und die Kaufkraft der breiten Masse der arbeitenden Bevölkerung weiter aushöhlen – nicht primär in den USA, sondern in Europa, und hier insbesondere in Deutschland, das selbst seine modernen und zuverlässigen Atomkraftwerke mutwillig entsorgt hat.

Die jüngste Sitzung des US-Zentralbankausschusses offenbarte pure Lähmung: Sieben Mitglieder plädierten dafür, die Zinsen bis Jahresende unverändert zu lassen, zwölf träumten sogar von einer weiteren Zinssenkung. Gleichzeitig wurden die Inflationserwartungen leise nach oben korrigiert.

Abschließend gab Fed-Chef Jerome Powell auf der Pressekonferenz eine ultimative Prognose ab, die mit absoluter Sicherheit eintreffen wird – und sie war nicht als Witz gemeint:

“Laut Fed-Chef Powell könnte der Effekt des Öl-Schocks ‘größer, kleiner, viel größer oder viel kleiner’ ausfallen. Absolut genial! Und wie ist es mit der sich ankündigenden Stagflation? ‘I wo! Nein! Auf gar keinen Fall wie in den 1970er Jahren.'”

Die Gurus der Fed werden einen anderen, harmlos klingenden Namen für die moderne Variante desselben Giftcocktails aus stagnierendem oder rückläufigem Wachstum bei hartnäckig steigenden Preisen erfinden. Nein, es wird nicht wie in den 1970ern sein. Darin haben sie recht – es wird viel schlimmer. Denn die US-Volkswirtschaft steht heute wesentlich labiler da als 1970.

Gleichzeitig sitzt die Fed in einer ausweglosen Zwickmühle fest:

– Zinserhöhungen würden die Rezession vertiefen, die Refinanzierung der Billionen schweren Kriegsschulden verteuern und die ohnehin fragile Wirtschaft weiter beschädigen.

– Zinssenkungen oder eine lockere Geldpolitik (Quantitative Easing), um das Wachstum anzukurbeln, wären Benzin auf die Inflationsflamme – zumal der Ölpreis hoch bleibt und Washington täglich weitere Milliarden verpulvert.

– Nichts zu tun bedeutet, dass sich beide Probleme verschärfen: Das Wachstum bricht ein, die Preise steigen weiter, und der Staat muss dennoch neue Schulden zu höheren Zinsen aufnehmen.

Die wahrscheinlichste Antwort der Fed auf dieses Dilemma wird eine versteckte Monetarisierung der US-Bundesschulden sein, die derzeit alle zwei Monate um eine weitere Billion wachsen. Der Trick, mit dem die Fed die ahnungslose Öffentlichkeit bereits in der Vergangenheit getäuscht hat, ist das Bekenntnis, “datenabhängig” zu handeln. Das klingt gut und wissenschaftlich. In Wirklichkeit werden die anfallenden Wirtschaftsdaten durch allerlei “Anpassungen” kreativ massiert und passend gemacht.

Genau wie 1917/18 und 1941–45 in den beiden Weltkriegen wird die Fed bei Bedarf US-Staatsanleihen (Treasuries) kaufen, um die Refinanzierungskosten der Regierung erträglich zu halten. Die Inflation wird erneut als “vorübergehend” bezeichnet werden – bis sie es nicht mehr ist. Diemonatlichen Billionen-Rechnungen der Bundesregierung werden dann nicht mehr hauptsächlich durch Steuern oder Ausgabenkürzungen finanziert, sondern durch die Notenpresse und den stillen Verfall der Kaufkraft des Dollars.

Das ist die nüchterne historische Wahrheit: Zentralbanken wurden nie als neutrale Konjunkturpolizisten erfunden. Sie entstanden, um Staaten die finanzielle Ausdauer zu verleihen, länger, härter und teurer kämpfen zu können als der Gegner. Die Bank of England bewies dies im 18. Jahrhundert, die Fed im 20. Heute, im 21. Jahrhundert, funktioniert der Mechanismus identisch – nur in einem nie dagewesenen Maßstab und mit global verheerenden Folgen.

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