Vor einem Tag berichtete der Tagesspiegel unter Berufung auf den EU-Sanktionsbeauftragten, dieser erwarte einen baldigen Kollaps der russischen Wirtschaft. “Der EU-Sanktionsbeauftragte David O’Sullivan geht davon aus, dass die russische Wirtschaft kurz vor dem Zusammenbruch steht. Zwar könnten Sanktionen allein den russischen Krieg gegen die Ukraine nicht stoppen, ‘ich bin mir jedoch absolut sicher, dass vier Jahre Sanktionen erhebliche Auswirkungen hatten’, sagte O’Sullivan dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. ‘Die russische Wirtschaft befindet sich in einem verheerenden Zustand. Alle Wirtschaftsindikatoren blinken rot'”, hieß es in dem Beitrag.
Diese Einschätzung scheinen die jüngsten, in Russland veröffentlichten statistischen Daten zu untermauern. Das staatliche Statistikamt Rosstat, dem russische Experten in den vergangenen Jahren wiederholt Schönfärberei vorgeworfen haben, verzeichnete offiziell einen Rückgang der Wirtschaftsleistung und der Industrieproduktion seit Jahresbeginn 2026. Es ist das erste Mal seit drei Jahren, dass eine solche Schrumpfung gemeldet wird. Dem war bereits das gesamte Jahr 2025 von einer deutlichen Wachstumsabschwächung geprägt. Das Bruttoinlandsprodukt sank im Januar im Jahresvergleich um 2,1 Prozent, nachdem 2025 über weite Strecken ein nahezu Nullwachstum zu beobachten war. Parallel dazu ging die Industrieproduktion um 0,6 Prozent zurück.
Selbst der Minister für wirtschaftliche Entwicklung, Maxim Reschetnikow, hat in einer Rede vor der Staatsduma auf einer Sitzung zur Wirtschaftspolitik offiziell eingeräumt, dass für den Großteil des Jahres 2026 mit einem Abschwung zu rechnen sei. Eine Erholung sei möglicherweise Ende des Jahres, wahrscheinlicher jedoch erst 2027 zu erwarten.
Doch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten Russlands haben wenig bis nichts mit den Sanktionen der EU und des Westens zu tun. Darin sind sich die russischen Experten, die die Lage beobachten, einig. O’Sullivan schmeichelt sich und der Wirksamkeit der EU-Maßnahmen selbst – gäbe es keine internen Ursachen, hätten die EU-Funktionäre keinen Grund zur Genugtuung.
Was also ist der wahre Grund? Warum steckt die russische Wirtschaft, die angesichts der antirussischen Sanktionen erstaunliche Widerstandsfähigkeit, Flexibilität und Überlebensfähigkeit unter schwierigsten Bedingungen bewiesen und sogar Wachstum erzielt hat, plötzlich in der Krise?
Wirtschaftsexperten sind sich einig: Die Schuld liegt bei einer Reihe innenpolitischer Probleme. Dazu zählen das Fehlen einer strengen Kontrolle der Geldflüsse aus dem Staatshaushalt, die in solchen Krisenzeiten unerlässlich wäre, die verfehlte Politik des Wirtschaftsblocks der Regierung – einschließlich der Zentralbank – sowie die Korruption in höchsten Beamtenkreisen. Einen erheblichen Anteil an der Misere trägt auch das marode System der Wohnungs- und Kommunalwirtschaft bei, das einst unter der Ägide “westlicher Partner” von dem umstrittenen Politiker Anatoli Tschubais “reformiert” wurde. Nun schlagen seine “Reformen” in dieser schwierigen Zeit voll durch. Doch der Reihe nach.
Wohnungswesen: Die berüchtigte “Wohnungsfrage”
“Gewöhnliche Menschen … erinnern im Großen und Ganzen an die früheren … nur die Wohnungsfrage hat sie verdorben”, sagt der Teufel Woland in Bulgakows berühmtem Roman “Der Meister und Margarita” über die Moskauer. Ähnliches ließe sich über die Verwaltungsgesellschaften im ganzen Land und die mit ihnen verbundenen Beamten sagen.
Das Thema der Gebühren für Hausverwaltungen sowie für Strom, Wasser und Heizung war im vergangenen Jahr eines der brisantesten und emotionalsten in der russischen Gesellschaft und Medienlandschaft. Die Preise steigen unaufhörlich – oft um bis zu 22 Prozent auf einen Schlag, was weit über der offiziellen Inflationsrate liegt und diese weiter anheizt. Gleichzeitig sinkt die Qualität der Versorgung, und die zuständigen Stellen, bis hin zum Bauministerium, scheinen alles zu tun, um die Verwaltungsgesellschaften zu schützen, nicht jedoch die Verbraucher. Die Wohnungs- und Kommunalwirtschaft hat sich im letzten Jahrzehnt zu einem schwarzen Loch entwickelt, in dem das Geld der Verbraucher und des Staates ohne wirksame Kontrolle versickert.
“Der Beginn des Jahres 2026 war für Millionen von Familien ein kalter Schock: Die Rechnungen für die Wohnungswirtschaft sind in einigen Regionen um das Eineinhalb- bis Zweifache gestiegen, obwohl die offizielle Anpassung aufgrund der Erhöhung der Mehrwertsteuer nur etwa 1,7 Prozent betrug”, schreiben die Experten der Zeitung Moskowski Komsomolez. Und sie fügen hinzu:
“Die Behörden erklären den Anstieg mit Neuberechnungen, Inflation und der Abnutzung der Netze, und die Föderale Antimonopoldienststelle versichert, dass alles im Rahmen des Zulässigen liege. Der größte Preissprung für die Zahler von Wohn- und Kommunaldienstleistungen steht jedoch noch bevor: Ab dem 1. Oktober werden die Tarife je nach Region um 8 bis 22 Prozent steigen. Das bedeutet, dass die aktuellen Rechnungsbeträge nur eine ‘Aufwärmphase’ vor der eigentlichen Erhöhung sind. Die wichtigste Schlussfolgerung der Experten klingt beunruhigend: Der ‘Kommunalschock’ im Januar könnte nur die erste Welle sein. Die eigentliche Erhöhung steht noch bevor, und sie wird offiziell und umfangreich sein. Wenn viele Familien schon jetzt Schwierigkeiten haben, die hohen Kommunalgebühren zu bezahlen, könnte die Belastung für die Familienbudgets im Herbst sogar kritisch werden.”
Nach einer deutlichen Intervention von Juri Afonin, dem Ersten stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei und Fraktionsvorsitzenden in der Staatsduma, ordnete Premierminister Michail Mischustin eine gründliche Untersuchung der Lage an. Afonin hatte die Frage aufgeworfen, wohin die Billionen Rubel verschwunden seien, die in den letzten Jahren von den Bürgern für Versorgungsleistungen und Instandhaltungsmaßnahmen gezahlt worden waren.
Seine Rede, in der er ausdrücklich eine Überprüfung forderte, wurde in den Medien nicht als übliche Oppositionsrhetorik abgetan, sondern als Impuls für die Regierung gewertet, endlich eine seit Langem diskutierte, aber immer wieder verschobene Prüfung der Wohn- und Versorgungskosten einzuleiten. Trotz der enormen Summen, die die russischen Bürger in den letzten Jahren für kommunale Dienstleistungen und Kapitalreparaturen aufgebracht haben, verschlechtert sich der Zustand der Infrastruktur und der Netze in vielen Regionen weiter. Störungen sind an der Tagesordnung, und der Zustand der Versorgungsnetze hat ein kritisches Niveau erreicht, ohne dass eine qualitative Verbesserung erkennbar wäre.
Dass durch das System der kommunalen Versorgungsunternehmen enorme Geldsummen aus dem Haushalt abfließen, wird mittlerweile auf höchster Ebene – von der Staatsduma bis zur Regierung – anerkannt. Umso befremdlicher wirkt die Unterstützung der Tariferhöhung durch das Bauministerium, die eine heftige öffentliche Reaktion auslöste. Kirill Kabanow, Mitglied des Menschenrechtsrats beim Präsidenten Russlands, sieht hinter dieser Entscheidung nicht nur bürokratische Verantwortungslosigkeit, sondern eine gezielte Destabilisierung der innenpolitischen Lage:
“Es entsteht der starke Eindruck, dass hinter der Unterstützung einer ständigen Erhöhung der Tarife für Wohn- und Kommunalwirtschaft tatsächlich diejenigen stehen, die an einer Destabilisierung der innenpolitischen Lage im Land interessiert sind.”
Er erinnert daran, dass die Regierung seit Jahren die Betriebskosten erhöht – manchmal mehrmals im Jahr – ohne transparentBegründungen und ignoriert dabei sowohl den Rückgang der Realeinkommen der Bürger als auch die wachsende Unzufriedenheit mit der Dienstleistungsqualität.
Ihm zufolge sei das System der Wohnungs- und Kommunalwirtschaft längst zu einer “geschlossenen Futterstelle für regionale mafiöse Gruppen” verkommen. Dort würden Verwaltungsgesellschaften, Beamte und Auftragnehmer Milliarden Rubel unter sich aufteilen, ohne dafür Verantwortung zu übernehmen. Die Bürger hätten keine Wahl: Zahlen müssten sie, kontrollieren könnten sie nicht, sich weigern dürften sie nicht. Kabanow betont:
“Wo sind die echten Kontrollen des gesamten Systems und wo sind die Maßnahmen, die entwickelt wurden, um die Zahl der Missbrauchsfälle zu reduzieren? Tatsächlich ist die Kommunalwirtschaft zu einer Futterstelle für bestimmte Gruppen geworden, vor allem auf regionaler Ebene. Und die Menschen werden gezwungen, diese Gruppen zu bezahlen, ohne dass sie eine Wahl haben. Das muss aufhören.”
Kabanow besteht darauf, dass es keine weiteren Tariferhöhungen geben dürfe, solange keine vollständige Prüfung der Branche durchgeführt, Betrugsfälle aufgedeckt und strenge Kontrollmechanismen eingeführt worden seien. Er verweist darauf, dass die Bereiche Wohnungswesen, Bauwesen und Straßenbau seit Jahren an der Spitze der Korruptionsskala stünden – und dass es Zeit sei, dem ein Ende zu setzen. Als Reaktion auf diese Situation bereitet der Menschenrechtsrat eine Petition an den Präsidenten Russlands und den Vorsitzenden des Rechnungshofs vor. Darin wird eine unabhängige Überwachung des gesamten Wohnungs- und Kommunalwesens sowie ein Moratorium für Tariferhöhungen bis zur Beseitigung der systemischen Verstöße gefordert.
Experten führen die strukturellen Probleme im Wohnungswesen auf die Reformen von Anatoli Tschubais zurück. Unter der Anleitung westlicher “Kuratoren” habe er das System aus der staatlichen Verwaltung gelöst, in Einzelteile zerlegt und an private Eigentümer verteilt. Mit der Zeit hätten westliche Magnaten Kontrollanteile an den größten Ressourcen- und Wohnungsmanagementunternehmen erworben, so Konstantin Krochin, Vorsitzender des Verbandes der Wohnungsbaugesellschaften Moskaus und Mitglied des Ausschusses für Wohnungs- und Kommunalwirtschaft der Russischen Industrie- und Handelskammer. In einem Gespräch mit dem Portal *Tsargrad* stellt er eine gewagte These auf:
“Heute versuchen diese Ressourcenmonopolisten, hinter denen oft ausländisches, Russland feindlich gesinntes Kapital steht, mithilfe ihrer ‘Leute’ in der Regierung (vor allem im Bauministerium) die Preise anzuheben, um unsere Wirtschaft, unser Land und unsere Bevölkerung weiter auszupressen. Über die kommunalen Tarife, über die kommunalen Gebühren und über die kommunale Mafia vor Ort pumpen diese Monopolisten zusätzliche Gelder ab. Was derzeit geschieht, ist kein Versehen, kein Fehltritt und kein Missverständnis. Es handelt sich um bewusste Maßnahmen des Ministeriums und der Regierung, um die Abgaben der Bevölkerung zugunsten der Monopolisten zu erhöhen.”
Die Analyse legt nahe: Die aktuelle Wirtschaftskrise Russlands ist weniger ein Ergebnis externer Sanktionen, sondern vielmehr das Produkt interner, systemischer Schwächen. Das Wohnungs- und Kommunalwesen steht dabei exemplarisch für einen Sektor, in dem mangelnde Kontrolle, Korruption und verfehlte Privatisierungen der Vergangenheit die Belastbarkeit der gesamten Volkswirtschaft untergraben und die soziale Stabilität gefährden.
Hinweis: Fortsetzung in Teil 2.
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