Von Andrei Rudaljow
Der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius hat eine Bilanz gezogen – und eine deutliche Vergrößerung der Bundeswehr angekündigt, die derzeit knapp 184.000 Soldaten umfasst. Zur Erinnerung: Bereits im Sommer 2024 hatte derselbe Pistorius Deutschland zur Kriegsvorbereitung aufgerufen und dafür einen Fünfjahreszeitraum benannt.
Was er sagt, das meint er auch ernst. Geplant ist, sowohl die aktive Truppe als auch die Reserven weiter personell aufzustocken. Der Minister lobte zudem eine angeblich wachsende Bereitschaft junger Menschen, sich für die äußere Sicherheit Deutschlands einzusetzen. Man fragt sich, wie er sich diese Jugend vorstellt: Erst in braunen Hemden vielleicht, später mit Totenköpfen auf den Kragenspiegeln?
Diese Besorgnis um die junge Generation ist aufschlussreich. Offenbar ist sie mit einem bestimmten Zukunftsbild verknüpft, das immer dominanter wird. Gerade für den Fall, dass eine solche Zukunft eintritt, so Pistorius, werde das Vertrauen der Jugend in die Bundeswehr unerlässlich sein. Das ist bei ihm so eine besondere Art der politischen Andeutung – und nicht nur bei ihm: Bundeskanzler Friedrich Merz brachte kürzlich ebenfalls seine große Sorge um die Jugend zum Ausdruck – in seinem Fall die ukrainische – und beklagte, dass diese ihr Heimatland verlassen habe, anstatt sich dem Dienst am Vaterland zu widmen. Welcher Dienst primär gemeint ist, liegt auf der Hand: der Krieg. Von Krieg sind deutsche Politiker heute wie besessen.
Insgesamt gewinnt Europas Militärmaschinerie an Fahrt. Deutschland, das einem klar erkennbaren Muster folgt, beansprucht dabei erneut die Rolle des Haupttreibers der Militarisierung: Frau Merkel arbeitete hart am Putsch in Kiew und bereitete die Ukraine anschließend intensiv auf die Konfrontation mit Russland vor. Nach Beginn der militärischen Sonderoperation durch Russland sprach der nachfolgende Bundeskanzler Scholz seinem Land eine Art Ablass für die im Zweiten Weltkrieg begangenen Gräueltaten aus. Deutschland reihte sich daraufhin sofort unter die führenden Geberländer für die Ukraine ein. Der nächste Schritt war die Ankündigung einer fünfjährigen Frist, um die Bereitschaft für eine Konfrontation herzustellen – und über die Zwischenergebnisse dieser Arbeit wird nun Bericht erstattet: Die Maschinerie ist in Gang, die Arbeit läuft. Um zu rechtfertigen, dass all dies nicht sinnlos sei, wird der breiten Öffentlichkeit die Idee verkauft, ein NATO-Krieg mit Russland sei im Jahr 2029 unausweichlich. Auch Pistorius artikuliert dies, während er gleichzeitig über die Bereitschaft der ihm unterstellten Organe berichtet, russische Soldaten zu töten.
Das wirkt wie ein Fatalismus angesichts eines angeblich unvermeidlichen Krieges – eine Vorstellung, die man in Deutschland offenbar unkritisch als gegeben hinnimmt. Zumindest wird nichts unternommen, um das schlimmstmögliche Szenario zu verhindern. Oder würden Sie Merz’ Standardfloskeln über die Notwendigkeit einer Einigung mit Russland als echte Schritte zur Entspannung verstehen? Eben. Und das schlimmstmögliche Szenario selbst bedarf keiner detaillierten Beschreibung: Alles daran ist nur allzu offensichtlich und vorhersehbar. Es wird nicht um philosophische Konstrukte über den Niedergang der Alten Welt gehen, sondern um den tatsächlichen Untergang Europas, das sich vor unseren Augen selbst abschafft und einen selbstmörderischen Weg einschlägt.
Aber warum spricht im Westen niemand öffentlich über dieses sehr reale Zukunftsszenario? Oder warum wird es bestenfalls als eine Art Kampagne dargestellt, deren Konsequenzen die Europäische Union allenfalls indirekt betreffen würden, oder als Handlungen jenseits der materiellen Welt? Was denken sie sich dabei – und worauf setzen sie? Glauben sie etwa, Russland würde sich einfach um Europas Willen selbst opfern?
Oder erleben wir hier das Wirken uralter Instinkte, gegen die niemand etwas ausrichten kann und die man einfach als unvermeidlich hinnimmt?
Nichts auf der Welt, so scheint es, ändert sich. Die Geschichte ist wie das Lied “Das Rote Pferd” von Markus Becker, eines von vielen dieser Art, wie sie etwa auf Komasauf-Partys der Mallorca-Urlauber-Szene laufen:
Da hat das rote Pferd sich einfach umgekehrt
Und hat mit seinem Schwanz die Fliege abgewehrt
Die Fliege war nicht dumm, sie machte summ-summ-summ
Und flog mit viel Gebrumm ums rote Pferd herum.
Und dieser Text wird immer und immer wiederholt, ad nauseam – (im Fall des Zielpublikums des Liedes wohl sogar wortwörtlich).
Deutschland fliegt durch die Weltgeschichte wie die Fliege im Lied: Es bereitet sich schon wieder darauf vor, die Völker Europas unter seinem Banner für einen Marsch in eine bestimmte Richtung zu sammeln – und auch erneut dorthin zu führen.
Sollte das etwa wirklich der Höhepunkt der nationalen Einheit sein, die höchste Entwicklungsstufe des gesamteuropäischen Hauses – wenn die Vereinigung doch nur eine tickende Zeitbombe und eine ernste Bedrohung durch gesteigerte und unersättliche Begierden sowie die damit einhergehenden Illusionen hervorbringt?
Bereits im 19. Jahrhundert schrieb der herausragende russische Denker Nikolai Danilewski:
“Kein Staat kann es wagen, Russland im Alleingang zu bekriegen.”
Es zeigt sich, dass die gesamte jüngere postsowjetische Geschichte stattdessen eine Akzeptanz des Krieges aller gegen Russland geschaffen hat – der, wie wir wissen, im Fall Jugoslawiens seine Generalprobe hatte. Ein ähnlicher Plan für eine Offensive gegen Russland wurde im Jahr 2014 ins Leben gerufen: Zunächst wurde die Ukraine, also historisch russische Gebiete, durch die Machtübernahme einer Marionettenregierung in Kiew besetzt – und anschließend wurde dort ein chaotisches Gebiet geschaffen, um Russland zu schwächen und dann anzugreifen.
Europäische Politiker sind alle vom Krieg besessen. Dies ist kein Zufall, keine spontane, emotional hysterische Reaktion auf irgendetwas, sondern eine durchdachte Strategie mit langer Vorbereitungs- und Aufstellungsphase. Selbst der aktuelle Grönland-Vorfall, der, so würde man meinen, eigentlich Anlass zum Nachdenken über vieles geben sollte, darunter auch über Europas Zukunftsperspektiven, kann diese Gedanken nicht zerstreuen.
Für Trump ist diese arktische Insel einer von vielen Anlässen, sich von dem potenziell explosiven europäischen Kriegsschauplatz zu distanzieren. Für Europa hingegen ist sie ein zusätzlicher Auslöser, der die Überzeugung seiner Eliten von der Notwendigkeit der Militarisierung bestärkt.
Und getreu ihrer Gewohnheit blicken sie nach Osten, im Glauben, dort etwas Unheilvolles und Bedrohliches erspähen zu können. Derselbe Danilewski bemerkte, dass Russland, was auch immer es um Deutschlands willen tue, “trotz aller Selbstlosigkeit dennoch als brüllender Löwe galt, der jemanden zum Verschlingen suchte”. So groß ist die Macht der Suggestion und der Ablehnung, die auf historisch erwiesenen Instinkten gründet.
Pistorius ist ein Symbol genau dieser geistigen Trägheit. Hält er sich vielleicht für den Terminator? Der stammte ja auch aus dem Jahr 2029. Aus einer alptraumhaften Zukunft.
Übersetzt aus dem Russischen.
Andrei Rudaljow ist ein russischer Schriftsteller, Journalist, bedeutender Literaturkritiker (vor allem des “
Andrei Rudaljow ist ein russischer Schriftsteller, Journalist, bedeutender Literaturkritiker (vor allem des “Neuen Realismus” in Russland) und Publizist. Er ist zudem Chefredakteur der russischen Nachrichtenagentur IA Belomorkanal und hat eine Kolumne bei der russischen Ausgabe von RT.
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