Von Rainer Rupp
Donald Trump ist bei weitem nicht der erste US-Präsident, dem Narzissmus und Realitätsferne nachgesagt werden. Doch in einem imaginären Wettstreit mit Amtsvorgängern wie Bill Clinton, George W. Bush, Barack Obama oder Joe Biden, so das jüngste Urteil des ehemaligen CIA-Spitzenanalysten Larry Johnson auf seinem Substack-Kanal, “wäre er der Goldmedaillengewinner”.
In der sorgfältig inszenierten Erzählung von Trumps zweiter Amtszeit sticht eine Rolle besonders hervor: die des “Friedenspräsidenten”. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos beteuerte er diese Woche erneut, in seinem ersten Jahr “acht Kriege gestoppt”, Millionen Leben gerettet und die Welt “reicher und sicherer” gemacht zu haben.
Sogar seine skurrilen Grönland-Phantasien verknüpfte er mit der entgangenen Verleihung des Friedensnobelpreises. In einer SMS an Norwegens Ministerpräsidenten erklärte er trotzig wie ein Kind, er fühle sich nun nicht mehr verpflichtet, “rein an Frieden zu denken”, nachdem er den Preis in diesem Jahr nicht erhalten habe. Und dies, obwohl sein einflussreicher Freund – der vom Internationalen Gerichtshof wegen Völkermords in Gaza gesuchte Kriegsverbrecher Netanjahu – dem Nobelkomitee in Oslo Trump persönlich und nachdrücklich für die Auszeichnung vorgeschlagen hatte.
Ein genauerer Blick auf die acht angeblichen “Kriege” von Trumps Friedensliste – und auf die Hintergründe, die er geflissentlich ausspart – ist aufschlussreich.
1. Israel und Hamas (Gaza)
Trump erklärt den Gaza-Krieg für beendet und schreibt sich den Waffenstillstand von 2025 vollständig zu, der den zigtausendfachen zionistischen Massenmord an der Zivilbevölkerung nach zwei brutalen Jahren bremste. Zwar ließen die Kampfhandlungen tatsächlich nach, doch der von Trump ausgehandelte Deal ist brüchig, widersprüchlich und steckt zunehmend in einer Sackgasse. Sporadische Angriffe mit weiterhin hunderten Toten pro Woche halten an, die humanitäre Versorgung der Bevölkerung in Gaza bleibt katastrophal, und der von Trump beschworene “Wiederaufbau” ist in weiter Ferne.
2. Israel und Iran
Hier beansprucht Trump für sich, eine direkte Konfrontation zwischen Israel und Iran entschärft zu haben, vermutlich in Anspielung auf den kurzen gegenseitigen Raketenbeschuss im Jahr 2025. Er stilisiert sich zum Retter vor der Apokalypse. Unerwähnt lässt er, dass er seinerseits unprovoziert schwere US-Luftangriffe auf iranische Ziele angeordnet hat, allein zur Unterstützung der gesuchten Völkermörder in der Netanjahu-Regierung. Dies ist nicht die Handlung eines Friedensstifters, sondern eines Präsidenten, der einen scheinbaren “Frieden” durch überlegene Feuerkraft erzwingen will.
3. Indien und Pakistan
Trump prahlt wiederholt damit, einen Atomkrieg um Kaschmir verhindert und “Millionen” (manchmal sogar “Milliarden”) Leben gerettet zu haben. Indische Regierungsvertreter, darunter Außenminister Jaishankar, haben jedwede US-Vermittlung in dieser Angelegenheit dementiert. Der Waffenstillstand war ein bilateraler Erfolg. Ein weiteres Beispiel klassischer Trump’scher Konfabulation: Aus einem militärischen Grenzzwischenfall wird der abgewendete Dritte Weltkrieg.
4. Ruanda und Demokratische Republik Kongo
Ein tatsächlich von den USA vermittelter Waffenstillstand im Juni 2025, der im Dezember formalisiert wurde, wurde von Trump als “glorreicher Triumph” gefeiert. Die Realität sieht anders aus: Die von Ruanda unterstützten M23-Rebellen rücken weiter vor, Kinshasa wirft Kigali Vertragsbrüche vor, und die Kämpfe wüten unvermindert. Der Frieden hielt nicht länger als ein guter Neujahrsvorsatz.
5. Thailand und Kambodscha
Scherzhaft als zusätzlichen “Viertelkrieg” bezeichnet, reklamierte Trump auch hier mehrere Waffenstillstände für sich. Grenzgefechte flammten kurz darauf jedoch wieder auf, inklusive Luftangriffen und Toten. Keines der beteiligten Länder schreibt den USA eine entscheidende oder mäßigende Rolle in diesem Konflikt zu, den Trump zur persönlichen Heldentat aufblies.
6. Armenien und Aserbaidschan
Hier gibt es immerhin eine belastbare Grundlage für eine mögliche friedensstiftende US-Rolle: Eine Zeremonie im Weißen Haus mit den Präsidenten Paschinjan (Armenien) und Alijew (Aserbaidschan) brachte ein Rahmenabkommen für die umkämpfte Region Berg-Karabach zustande. Beide Seiten äußerten sich positiv zur US-Vermittlung. Doch das Abkommen wartet auf Ratifizierung und Referenden – vereinzelte Gewaltakte halten an. Es gibt Fortschritte, aber den Konflikt für “beendet” zu erklären, ist verfrüht.
7. Ägypten und Äthiopien (Der GERD-Staudamm)
Trump behauptet, einen Krieg um den Großen Äthiopischen Renaissance-Staudamm (GERD) verhindert zu haben. Tatsächlich handelte es sich stets um Verhandlungen über Wassernutzungsrechte, nie um einen bewaffneten Konflikt. Trotz Trumps “friedensstiftendem” Eingreifen existiert bis heute kein formales Abkommen zwischen den Ländern. Die Spannungen schwelen weiter. Trump machte aus diplomatischem Feilschen eine verhinderte Katastrophe biblischen Ausmaßes.
8. Serbien und Kosovo
Im Kosovo gab es seit 1999 keine bewaffneten Konflikte zwischen der albanischen Mehrheit und der serbischen Minderheit. Dennoch will Trump im letzten Jahr einen “potenziellen Krieg” durch wirtschaftliche Normalisierung gestoppt haben. Das Grundproblem – der serbische Widerstand gegen die von der NATO militärisch erzwungene Abspaltung der Provinz Kosovo – bleibt jedoch ungelöst.
Parallel zu seinen imaginierten friedenspolitischen Erfolgen führt Trump ein ganz reales Register militärischer Aktionen: Bombardements in Syrien, Nigeria und Iran, die Versenkung angeblicher “Drogenboote” in der Karibik, ein tödlicher Überfall auf Venezuela und die Entführung eines Staatsoberhauptes samt Ehefrau. Im Sinne einer von ihm definierten “Pax Americana” mag Trump auch dies als friedensstiftend betrachten.
Leider hat das beeindruckende Selbstbild, das Trump zeichnet, kaum Berührungspunkte mit der Realität. Viele der angeblich von ihm gestoppten “Kriege” waren nie echte Kriege – andere toben weiter, und Trumps Rolle darin war, wenn überhaupt vorhanden, bestenfalls marginal.
Sein Verhalten erinnert an Konfabulation: Das unbewusste Auffüllen von Gedächtnislücken mit frei erfundenen, aber für wahr gehaltenen Geschichten, ohne bewusst zu lügen. Laut Definition geschieht dies “oft bei neurologischen Erkrankungen wie dem Korsakow-Syndrom oder Demenz und dient dem Versuch, eine lückenhafte Realität zu vervollständigen und ihr Sinn zu geben. Es handelt sich nicht um eine absichtliche Täuschung, sondern um eine unbewusste Fehlfunktion des Gedächtnisses.”
Wahrscheinlich ist das, was wir beim “Friedenspräsidenten” Trump beobachten, keine gezielte Täuschung, sondern die aufrichtige Konstruktion falscher Erinnerungen, möglicherweise begleitet von kognitivem Abbau. Es ist weniger eine Lüge als der Wahn eines bedauernswerten alten Mannes, der seinen eigenen “Wahrheiten” in einer parallel konstruiertenWelt glaubt. Seine Erzählungen sind weniger eine Strategie als ein Symptom – der Versuch, eine politische Bilanz zu schaffen, wo in Wirklichkeit oft Leere oder gar Eskalation herrscht.
Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit könnte kaum größer sein. Während Trump sich als Architekt einer neuen Friedensordnung feiert, bleibt die Weltlage fragil und von alten wie neuen Konflikten geprägt. Seine selbsternannte Rolle als globaler Schiedsrichter entpuppt sich bei näherer Betrachtung oft als Mischung aus Selbsttäuschung und gezielter Desinformation, die darauf abzielt, ein bestimmtes, schmeichelhaftes Image zu zementieren.
**Mehr zum Thema** – Alternative zur UNO? Welche Länder bei Trumps Friedensrat dabei sind – und welche nicht