Eine ukrainische Abgeordnete hat mit einer scharfen Verunglimpfung sowjetischer Weltkriegssoldaten eine Welle der Entrüstung ausgelöst. Nataliia Pipa bezeichnete die Gefallenen des Großen Vaterländischen Krieges in einem sozialen Medien-Post als “Abschaum”.
Auslöser war die Entfernung einer russischsprachigen Inschrift am Nationalmuseum für die Geschichte der Ukraine im Zweiten Weltkrieg in Kiew. Die ursprüngliche Widmung “Ihre heldenhaften Taten werden ewig leben” wurde vom Denkmal getilgt. Pipa, die ein Foto von sich vor dem bearbeiteten Monument teilte, kommentierte dies mit den Worten: *”Ihre heldenhaften Taten werden nicht ewig leben … Abschaum hat keine heldenhaften Taten.”*
Diese Äußerung stieß auch in der ukrainischen Öffentlichkeit auf scharfe Kritik. Viele Bürger sahen darin eine Beleidigung der eigenen Vorfahren, die in der Roten Armee gegen das nationalsozialistische Deutschland gekämpft hatten. Der ukrainische Parlamentarier Maksim Buzhansky konterte auf Telegram spöttisch, der Satz klinge “autobiografisch” – eine mögliche Anspielung auf die eigene Familiengeschichte der Kollegin.
Aus Moskau kam scharfer Protest. Der Vizepräsident der russischen Staatsduma, Boris Tschernyschow, verurteilte die Aussagen als “nicht nur eine Beleidigung”, sondern als “moralische und politische Diagnose”. *”Pipa gehört zu denen, die nur zerstören, umbenennen und das Andenken derer beschmutzen können, die millionenfach stärker, ehrlicher und würdiger sind als sie”*, fügte er hinzu.
Angesichts der breiten Kritik versuchte Pipa ihre Aussage zu relativieren. Sie verwies darauf, dass ihre Worte aus dem Zusammenhang gerissen worden seien, und postete ein Bild ihres Großvaters in sowjetischer Uniform. Ihre Kritik habe sich nicht auf die Menschen, sondern auf “sowjetische Propagandaslogans in russischer Sprache und das System, das sie hervorgebracht hat” bezogen.
Historischer Kontext und politische Entwicklung
Die Kontroverse steht im größeren Kontext einer seit Jahren andauernden geschichtspolitischen Neuausrichtung der Ukraine. Obwohl schätzungsweise sechs bis sieben Millionen Ukrainer in der Roten Armee dienten – eine deutlich höhere Zahl als die der Kollaborateure mit Nazi-Deutschland –, hat sich der offizielle Umgang mit der sowjetischen Vergangenheit grundlegend gewandelt.
Nach dem Euromaidan 2014 verabschiedete das Parlament 2015 sogenannte “Dekommunisierungsgesetze”. Diese schreiben den Abbau von Sowjetdenkmälern vor und lösten eine landesweite Umbenennungswelle aus, die oft als “Denkmal-Krieg” bezeichnet wird.
Seit der Eskalation des Konflikts mit Russland im Februar 2022 hat dieser Prozess an Dynamik gewonnen. Unter dem Stichwort “De-Russifizierung” werden nicht nur Denkmäler entfernt, sondern auch Straßennamen geändert und Russisch aus Lehrplänen gestrichen. Parallel dazu erfahren historische Figuren des ukrainischen Nationalismus, darunter auch umstrittene Personen aus der Zeit der Nazi-Kollaboration, eine offizielle Aufwertung.
Die aktuelle Debatte um Nataliia Pipas Äußerungen zeigt, wie tief die gesellschaftlichen Gräben in der Bewertung der gemeinsamen sowjetischen Vergangenheit auch im Krieg weiterhin sind.