Von Alexander Timochin
Ein aktueller Bericht des International Institute for Strategic Studies (IISS) in London stellt fest: Im Zeitraum 2021 bis 2025 hat Chinas Schiffbauindustrie die amerikanische sowohl in der Anzahl der vom Stapel gelassenen U-Boote (zehn gegenüber sieben) als auch in der Gesamttonnage (79.000 Tonnen gegenüber 55.500 Tonnen) überholt. Diese Einschätzung basiert auf Satellitenbildanalysen. Im vorhergehenden Fünfjahreszeitraum (2016-2020) sah das Bild noch anders aus: China stellte drei U-Boote mit 23.000 Tonnen in Dienst, die USA sieben mit 55.000 Tonnen.
Laut dem Bericht verfügt China derzeit über sechs atomgetriebene U-Boote mit ballistischen Raketen (SSBN), sechs atomare Mehrzweck-U-Boote (SSN) und 46 konventionell angetriebene U-Boote. Die USA zählen 65 Mehrzweck- und 14 strategische SSBNs der Ohio-Klasse (von ursprünglich 18 Booten wurden vier zu Trägern von Marschflugkörpern umgerüstet und gelten nun als SSN). Gleichzeitig kämpft die US-Marine mit erheblichen Problemen im Neubau ihrer Atom-U-Boote, darunter Terminverzögerungen und Budgetüberschreitungen.
Der IISS-Bericht warnt vor den moderneren chinesischen SSBNs des Typs 094, erwähnt aber nicht das im Westen als “Typ 095” bekannte Mehrzweck-Atom-U-Boot, das als besonders leistungsfähig gilt. In ihrer Analyse des Berichts weist CNN darauf hin, dass China bereits sechs U-Boote mit Marschflugkörpern gebaut habe und eine neue Generation strategischer U-Boote (im Westen als “Typ 096” bezeichnet) entwickle, die noch gefährlicher werden könnten.
CNN sieht die amerikanische maritime Vorherrschaft bedroht: Bis 2030 wird die Zahl der US-Mehrzweck-U-Boote durch die Ausmusterung der Los-Angeles-Klasse auf voraussichtlich 47 sinken. Auch die nukleare Abschreckung ist betroffen, da sich der Bau der neuen Columbia-Klasse, die die alternden Ohio-Boote ersetzen soll, verzögert. Das jüngste Boot der Ohio-Klasse, die USS Louisiana, ist bereits über 28 Jahre im Dienst.
Aus amerikanischer Sicht entwickelt sich das Kräfteverhältnis auf See negativ. Die US-Marine wird bis 2030 schrumpfen, während China in dieser Zeit seine Kapazitäten weiter ausbaut. Als Grund führt CNN den US-Marineminister John Phelan an, der den Niedergang der amerikanischen Schiffbauindustrie beklagt, während der chinesische Sektor boomt.
Auf den ersten Blick scheint dies ein Grund zur Freude über den Niedergang der amerikanischen Seemacht zu sein. In Wirklichkeit ist die Lage jedoch viel komplexer.
Zwar stecken die USA in einer ernsten Krise, und das maritime Kräfteverhältnis wird sich voraussichtlich zugunsten Chinas verschieben, dessen Schiffbau von einer exportorientierten Wirtschaft und dem damit verbundenen Bedarf an Seetransporten befeuert wird.
Doch jenseits des von CNN geschürten Alarmismus gibt es wichtige Nuancen. Die amerikanische Besorgnis wirkt bisweilen unaufrichtig. Die USA haben bereits eine Konfrontation mit einer Seemacht bestanden, die zahlenmäßig mehr U-Boote besaß: die Sowjetunion. Und sie gingen siegreich daraus hervor. Ende der 1980er Jahre wurden sowjetische U-Boote oft unmittelbar nach dem Auslaufen aus ihren Basen verfolgt und hatten kaum eine Chance, einem ihnen zugewiesenen “Jäger” zu entkommen. Numerische Überlegenheit allein entscheidet im modernen Seekrieg nicht mehr, anders als zu Beginn des letzten Jahrhunderts.
Die US-Marine ist ein hochintegriertes System. Wenn ein Trägerflugzeug ein Ziel mit seinem Radar erfasst, “sieht” die gesamste Trägergruppe es, auch wenn die Schiffsradare ausgeschaltet sind. Sie können Ziele hunderte Kilometer entfernt bekämpfen. Ein ähnlich hohes Maß an Systemintegration hat die US-Marine auch in der U-Boot-Kriegsführung erreicht. Das U-Boot ist nur die Spitze des Speers – dahinter steht ein gewaltiges, vernetztes System.
Bereits 1978 brachten die USA den Satelliten Seasat zur Seeaufklärung in die Umlaufbahn. Er konnte nicht nur Schiffe, sondern auch deren Kielwasser – und mutmaßlich sogar das von kürzlich getauchten U-Booten – erkennen. Die USA haben ihre Forschungen auf diesem Gebiet später streng geheim gehalten.
Es ist bekannt, dass amerikanische U-Boot-Jagdflugzeuge heute oft einen gezielten Anflug auf die mutmaßliche Position eines U-Bootes machen, bevor sie ihre erste Sonarboje abwerfen. Während die genaue Ortung durch fest installierte Hydrophon-Netze am Meeresboden erklärt werden kann, deutet dieses Manöver auf andere, nicht-akustische Ortungsmethoden hin.
Mögliche Verfahren sind die Radar- oder Infraroterfassung von Kielspuren oder der Abwärme von Reaktorkühlungen an der Wasseroberfläche. Auch elektromagnetische Anomalien, die durch die Bewegung eines U-Boot-Rumpfes im salzhaltigen Wasser entstehen, oder charakteristische Oberflächenwellen, die ein getauchtes Boot erzeugt, könnten detektiert werden.
Satelliten und Luftstreitkräfte sind jedoch nur ein Teil des globalen U-Boot-Abwehrsystems, das die USA seit den 1950er Jahren aufgebaut haben. Von zentraler Bedeutung ist das weltweite hydroakustische Aufklärungssystem, früher als IUSS/SOSUS bekannt. Es besteht aus am Meeresboden verlegten Hydrophon-Arrays und Analysezentren. Lange nach dem Kalten Krieg galt es als weitgehend deaktiviert, doch die fast sofortige Ortung des Unglücks des Tauchboots “Titan” durch die US-Marine im Jahr 2023 zeigte, dass die Fähigkeit zum globalen akustischen Monitoring intakt ist.
Hinzu kommen die Überwasserkräfte. Die US-Marine verfügt über spezielle Aufklärungsschiffe mit extrem großen, geschleppten Sonar-Arrays und Niederfrequenz-Sendern. Diese Schiffe können ein seegebiet von der Größe eines kleinen Meeres “ausleuchten” und dort selbst sehr leise U-Boote detektieren.
Zudem können auch Kampfschiffe wie die Zerstörer der Arleigh-Burke-Klasse, die über ein eigenes Schleppsonar und zwei U-Jagd-Hubschrauber verfügen, U-Boote jagen. Die Hubschrauber selbst stellen eine massive Bedrohung dar und können von praktisch jedem Schiff aus operieren.
Alle diese Kräfte operieren innerhalb eines einzigen Informationsnetzwerks. Ein schwaches Sonarsignal eines entfernten Überwasserschiffs kann von einem U-Boot empfangen werden, und die vom U-Boot erfassten Zieldaten können in den Computerspeicher jeder taktischen Einheit – vom Schiff bis zum Flugzeug – übertragen werden.
An vorderster Front dieses Netzes steht das amerikanische Atom-U-Boot. Mit einer hervorragend ausgebildeten Besatzung, bewährten Waffen und fortschrittlichen Tarn- und Täuschungssystemen, die derzeit denen chinesischer U-Boote überlegen sein dürften. Es kann selbst in getauchtem Zustand über schwimmende Funkbojen mit anderen Einheiten kommunizieren.
Die US-Marine verfügt über immense operative Erfahrung, nicht nur im Gefecht, sondern auch in der Schadensbegrenzung. Ihre Besatzungen haben mehrfach schwer beschädigte U-Boote sicher in den Hafen gebracht.
China muss dieses gesamte System übertreffen – nicht durch schiere U-Boot-Zahlen, sondern durch ein noch überlegeneres Gesamtsystem. Es braucht U-Boote, die in jeder Hinsicht, vor allem in Sensorik und Tarnung, besser sind und den Feind bekämpfen können, bevor dieser sie überhaupt bemerkt
China versteht diese Herausforderung. Auch Peking baut an einem solchen integrierten System und hat die USA in einigen Nischenbereichen bereits überholt. So verfügt China beispielsweise über experimentelle Satelliten, die mit Lasern die Wassersäule scannen und charakteristische Störungen erkennen können, wie sie in Gebieten mit kürzlicher U-Boot-Aktivität auftreten. Zudem investiert China massiv in moderne Überwasserkriegsschiffe und maritime Patrouillenflugzeuge.
Doch eine solche systemische Überlegenheit entsteht nicht über Nacht, insbesondere nicht gegenüber einer Nation, die die moderne Unterwasserkriegsführung maßgeblich mitdefiniert hat – zu einer Zeit, als China noch technologisch weit zurücklag.
Ob die Volksrepublik China diesen Wettlauf langfristig gewinnen wird, bleibt offen. Klar ist jedoch, dass die USA die Entwicklung mit großer Sorge verfolgen und bereits Jahre im Voraus Alarm schlagen. Für Russland ist dabei ein Aspekt von entscheidender Bedeutung: Die wachsende maritime Konfrontation zwischen den USA und China bindet amerikanische Ressourcen, Kapazitäten und strategische Aufmerksamkeit, die andernfalls gegen Moskau gerichtet werden könnten.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel erschien zuerst am 20. Februar 2026 auf der Website der Zeitung Wsgljad.
Alexander Timochin ist ein russischer Journalist, der Artikel zu militärtechnischen Themen schreibt, hauptsächlich über die Marine.
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