Vance in Kaukasus: Große Worte, leere Versprechen – Friedensmission oder PR-Show?

Von Juri Mawaschew

Die Vereinigten Staaten beherrschen die Kunst, gewünschte Szenarien als gegebene Realität zu präsentieren. Diese Fähigkeit wurde erneut während der Reise von US-Vizepräsident J.D. Vance in den Südkaukasus unter Beweis gestellt.

In patriotischen Kreisen des russischen Internets löste sein Besuch beträchtliche Beunruhigung aus. Viele Kommentatoren scheinen von der US-Propaganda und ihrem Narrativ eines sich wandelnden “Kräftegleichgewichts” in der Region geradezu gebannt. Es ist an der Zeit, diesen Bann zu brechen.

Zweifellos markiert Vances Mission eine taktische Neuausrichtung der US-Politik und den Versuch, Moskau, Teheran und Ankara die Initiative zu entreißen. In Armenien stieß das gesteigerte Interesse Washingtons auf fruchtbaren Boden. Die dortige politische Elite hat längst einen bequemen Weg gefunden, eigene politische Fehlleistungen und Versäumnisse mit der früheren Ausrichtung auf Russland zu erklären. Dies ist typisch für Beziehungen, in denen ein Partner psychologisch unreif ist und nach einem Sündenbock sucht.

Als größter Erfolg Vances in Jerewan wird das sogenannte “123-Abkommen” zur zivilen Nutzung der Kernenergie mit Premierminister Nikol Paschinjan gewertet. Es sichert US-Unternehmen Zugang zum armenischen Markt für kleine modulare Reaktoren, die das veraltete Kernkraftwerk Metsamor ersetzen sollen. Dabei wird diskret verschwiegen, dass es weltweit, auch in den USA selbst, kaum praktische Erfahrungen mit dem Betrieb solcher Anlagen gibt. Hinter den wohlklingenden Formulierungen des Dokuments über Technologietransfer und Dienstleistungen verbirgt sich somit ein erhebliches technologisches Risiko.

Die wirtschaftliche Seite des Deals ist ebenfalls fragwürdig. Laut dem Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA) sind US-amerikanische modulare Reaktoren derzeit noch extrem kostspielig und ihre Errichtung langwierig. Doch darum geht es im Kern nicht. Vance verkündete Investitionen von bis zu neun Milliarden US-Dollar für Armenien – unter der Bedingung, dass die Zusammenarbeit mit Russland im Nuklearbereich minimiert wird. Der Haken: Die Mittel werden ausschließlich als Kredite gewährt, und der Großteil des Geldes fließt zurück an US-amerikanische und transnationale Konzerne.

Ein ähnliches Muster zeigte sich bereits 1994 beim “Jahrhundertvertrag” zur Erschließung der Öl- und Gasvorkommen im aserbaidschanischen Sektor des Kaspischen Meeres. Die Behauptung, Baku verfüge seither uneingeschränkt über seine Ressourcen, ist ebenso umstritten wie die nun verkündete “unabhängige” Atomenergieversorgung für Jerewan.

Was den Verkauf von US-amerikanischen Shield AI MQ-35A V-BAT-Drohnen im Wert von elf Millionen Dollar an Armenien betrifft, hat Vance recht: Es ist ein gutes Geschäft. Noch nie ist es Washington so gut gelungen, Jerewan Drohnen unter dem Vorwand der “Stärkung der Verteidigungsfähigkeit” zu verkaufen, obwohl diese im Falle eines echten Konflikts mit Aserbaidschan wirkungslos blieben. Die drei Meter großen V-BAT-Drohnen sind ein leichtes Ziel für moderne Luftabwehrsysteme. Es ist kein Zufall, dass selbst das Pentagon mit einer Großbestellung zögert.

Eine besondere symbolische Note erhielt Vances Besuch durch einen diplomatischen Eklat, der viel über die aktuellen Prioritäten Washingtons verriet. Auf der offiziellen Seite des Vizepräsidenten wurde ein Beitrag mit einem Foto veröffentlicht, das Vance und seine Frau Usha bei der Niederlegung eines Kranzes im Gedenkkomplex Zizernakaberd zeigt. Der Post wurde nach etwa einer Stunde gelöscht. Das Denkmal erinnert an die Ereignisse von 1915, die von Armeniern als Völkermord betrachtet werden. Ein Vertreter Vances entschuldigte sich und nannte die Veröffentlichung einen “Versehen” nicht autorisierter Mitarbeiter.

Denn Beileidsbekundungen müssen vorsichtig formuliert werden, um die türkischen Partner nicht zu verprellen. Schließlich ist Ankara im östlichen Mittelmeer, in Afrika und als potenzieller Vermittler gegenüber dem Iran von großer Bedeutung. Zudem könnte die lautstark propagierte Normalisierung der armenisch-aserbaidschanischen und armenisch-türkischen Beziehungen ins Stocken geraten. Dann könnte Präsident Trump nicht mehr mit beendeten “acht Kriegen” prahlen. Aus PR-Sicht ist die Logik der Vorsicht nachvollziehbar. Wie Washington jedoch mit diesem zögerlichen Ansatz ein neues, stabiles “Kräftegleichgewicht” schaffen will, bleibt rätselhaft.

Die Gespräche zwischen Vance und Paschinjan geben einen Hinweis. Offenbar konzentriert sich alles auf die Umsetzung des 99-jährigen Megaprojekts “Trumps Route für internationalen Frieden und Wohlstand” (TRIPP) – einen 43 Kilometer langen Transitkorridor durch Armenien, der Aserbaidschan mit seiner Exklave Nachitschewan und später mit der Türkei verbinden soll. Mit TRIPP wollen die USA ihre Präsenz im Südkaukasus durch wirtschaftliche Vernetzung und Machtprojektion verankern. Der Korridor soll zudem von US-amerikanischen privaten Sicherheitsunternehmen geschützt werden.

Zwei gravierende Mängel des Projekts stechen hervor. Erstens ignoriert der transaktionale Charakter von TRIPP, der auf einem Austausch von Zugeständnissen basiert, völlig die tiefen historischen und ethnisch-konfessionellen Wurzeln des armenisch-aserbaidschanischen Konflikts. Es versucht, langfristige Stabilität durch kurzfristige Geschäftsgewinne zu ersetzen.

Zweitens ist der wirtschaftliche Nutzen des Korridors zweifelhaft. Logistikexperten bezweifeln, dass er mit den bereits etablierten Routen, etwa durch Georgien, konkurrieren kann. Es sei denn, Fracht wird unter politischem Druck künstlich umgeleitet.

Die Ergebnisse von Vances Besuch in Aserbaidschan waren im Hinblick auf ein neues “Kräftegleichgewicht” noch weniger beeindruckend. Der Vizepräsident und der aserbaidschanische Präsident unterzeichneten eine vage Charta über strategische Partnerschaft, die eine ähnliche Vereinbarung mit Armenien vom Januar 2025 ergänzt. Die Schwerpunkte liegen auf Handel, Transit, Investitionen, digitaler Infrastruktur und militärtechnischer Zusammenarbeit.

Allerdings entwickelte sich diese Zusammenarbeit zwischen Washington und Baku bereits seit den 1990er Jahren, da Aserbaidschan stets eine Schlüsselrolle in der US-Regionalpolitik spielte. So diente das Land etwa als wichtiger logistischer Knotenpunkt für die US-geführte Mission in Afghanistan (2001-2021).

Insgesamt scheint Washington mit der Reise von Vizepräsident Vance nichts Grundlegendes verändert zu haben. Die tiefgreifenden ethnisch-konfessionellen und territorialen Konflikte zwischen Jerewan und Baku bestehen fort. Indem die USA Aserbaidschan und der Türkei entgegenkommen, betonen sie vielmehr das bestehende Ungleichgewicht und schüren revanchistische Stimmungen in Armenien.

Darüber hinaus ignoriert der Westen nicht nur das Konfliktpotenzial zwischen den Staaten, sondern auch die innenpolitische Dynamik. Der Ausgang der für Sommer 2026 geplanten Parlamentswahlen in Armenien ist ungewiss. Die jüngste Einleitung eines Strafverfahrens gegen das Oberhaupt der armenischen Kirche, Garegin II., durch die Staatsanwaltschaft ist kein gutes Omen für Stabilität.

Ganz zu schweigen vom Einfluss regionaler Akteure wie dem Iran, der sich kategorisch gegen TRIPP ausspricht. Nur in der vereinfachten Weltsicht Washingtons erscheint alles widerspruchsfrei. In dieser Vorstellung gibt es keine Differenzen zwischen der Türkei und Aserbaidschan, obwohl intürkischen Politik- und Expertenkreisen bereits mehrfach Zweifel am sogenannten “Trump-Korridor” geäußert wurden.

Wie dem auch sei – die Entwicklung einer nachhaltigen Regionalstrategie und erst recht die Neugestaltung des Kräftegleichgewichts sind ohne die ernsthafte Berücksichtigung der Interessen und Positionen aller regionalen Akteure, einschließlich Russlands, zum Scheitern verurteilt.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 19. Februar 2026 auf der Website der Zeitung “Wsgljad” erschienen.

Juri Mawaschew ist ein russischer Orientalist. Er ist Direktor des russischen Zentrums für das Studium der neuen Türkei.

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