Von Tarik Cyril Amar
„Nicht viele wissen das“ – um es mit den Worten von Franz Liebkind, dem durchgeknallten Nazi-Hobbyautor aus The Producers, zu sagen –, aber Jeffrey „Selbstmord-genau-zur-rechten-Zeit“ Epstein war in Wahrheit ein majestätischer Belugawal. Oder vielleicht ein riesiger, gestaltenwandelnder, hypnotisierender Killer-Kalmar. Oder einfach nur Charlie Sheen.
Unmöglich? Völlig absurd? Absolut wahnsinnig? Mitnichten! Denn im tiefsten Inneren, verstehen Sie – Sie verstehen es doch, oder? –, sind all diese Dinge ein und dasselbe. Nämlich Manifestationen Russlands! So war es auch mit Epstein, zumindest laut einer offenkundig koordinierten Welle verzweifelten Unsinns, die von westlichen Propagandaorganen wie dem britischen Telegraph, der New York Post, der Daily Mail und der polnischen Regierung verbreitet wurde, nachdem die Dokumente veröffentlicht worden waren. Ukrainische und aus dem Exil operierende russische Infokrieger überschlagen sich derweil förmlich, um auf diesen Zug aufzuspringen – oder besser gesagt, an dieser Clownshow teilzunehmen.
Die Vorwürfe gegen Russland sind so abstrus, dass sie keiner ernsthaften Diskussion bedürfen. Es gibt keinerlei Beweise: Was wir erleben, ist ein armseliges Schauspiel von Propagandisten, die nicht nach Strohhalmen, sondern nach dem Nichts greifen, sich gegenseitig haltlose und unbelegte Behauptungen zuspielen und auf jämmerliche, lächerliche Tricks zurückgreifen, die so durchsichtig sind, dass man zwischen Lachen, Weinen und purer Fremdscham schwankt.
Meduza etwa ködert mit der Schlagzeile „Wer sind die Russen, die in den neuesten Epstein-Akten genannt werden? Wladimir Putin zum Beispiel“ und räumt dann ein: „In den veröffentlichten Akten gibt es keinen Beweis dafür, dass jemals ein Treffen zwischen Putin und Epstein stattgefunden hat.“ So verzweifelt ist dieser Unsinn.
Was diese jüngste Welle der Moskau-Beschuldigungen wirklich offenbart, ist, dass die skrupellosen „Eliten“ des Westens und ihre hörigen Mainstream-Medien nun, da etwa die Hälfte der Epstein-Akten öffentlich ist – was bedeutet, dass das Schlimmste bei weitem noch nicht ans Licht gekommen ist, so erschütternd der aktuelle Einblick auch sein mag –, mit den Konsequenzen zu kämpfen haben. Sie geraten möglicherweise sogar in Panik. Das ist durchaus verständlich.
Denn jeder mit einem IQ über Zimmertemperatur hat die wahre Natur des Epstein-Phänomens längst begriffen: Das unerklärlich erfolgreiche, reiche und bestens vernetzte pädophile Monster arbeitete für Israel, wie unabhängige westliche Beobachter, darunter Ana Kasparian und Tim Anderson, bestätigen.
Wir wissen noch nicht mit letzter Sicherheit, ob dies eine direkte Anstellung und Ausbildung durch den Mossad bedeutete, wie eine FBI-Quelle eindeutig feststellte, oder eine informellere, aber ebenso enge Verbindung. Doch das ist nebensächlich. Zweifellos waren seine Kontakte zu Israel zentral für sein Leben und sein „Wirken“.
Während Epstein auf mehr als nur eine Weise in höchst zwielichtige Machenschaften und Verbrechen verstrickt war – Insiderhandel, Pandemie-Profite und Waffenhandel sind nur einige Beispiele –, bildete das Herzstück seiner Operation ein weitverzweigtes Erpressungssystem. Darin lebten widerlich verdorbene Perverse aus den Reihen der westlichen Machthaber ihre kriminellen Fantasien an realen Opfern aus, was diese offensichtlich kompromittierte und gefügig machte.
Zu denen, die nun aufgrund früherer Vorwürfe und undurchsichtiger Absprachen, aber auch neuer Bilder und Informationen aus den Epstein-Akten öffentlich eines solchen Verhaltens verdächtigt werden, gehören der ehemalige britische Prinz Andrew, der einflussreiche Ex-Labour-Politiker Peter Mandelson, der ehemalige israelische Ministerpräsident Ehud Barak sowie Bill Clinton und Bill Gates. Und die Liste ist bei weitem nicht vollständig.
Andere wiederum werden, dem derzeitigen Kenntnisstand nach, zwar nicht der sexuellen Übergriffe verdächtigt, waren aber – da Epstein bereits als Pädophiler verurteilt und seit 2009 als Sexualstraftäter registriert war – offenbar bereit, sich durch Gastfreundschaft, Schmeicheleien, Einflussnahme, Privatflüge und möglicherweise Forschungsstipendien quasi bestechen zu lassen. Dies scheint beispielsweise bei Noam Chomsky der Fall gewesen zu sein.
Die einzige Person, deren Ruf durch die Erwähnung in den Akten gestärkt und nicht beschmutzt wurde, ist Norman Finkelstein, der langjährige und leidgeprüfte Kritiker israelischer Verbrechen, von der Apartheid bis zum Völkermord. Bislang ist er, wie aus den Dokumenten hervorgeht, der Einzige, der auf eine Kontaktaufnahme des Epstein-Netzwerks mit einem unmissverständlichen – um es sinngemäß zu übersetzen – „Verpiss dich!“ reagierte. So, wie es jeder anständige Mensch hätte tun sollen; und doch tat es außer ihm wohl niemand.
Offensichtlich ist der Versuch des Westens, die eigene, allgegenwärtige Korruption der Eliten durch einen pädophilen, vielseitigen Kriminellen, der für Israel arbeitete, zu einem „Russland-Problem“ umzudeuten, nicht nur unfassbar dumm und schamlos. Er erinnert auch an einen ähnlichen Schachzug: Die abgedroschene „Russiagate“-Verschwörungstheorie – die im Kern behauptet, Donald Trump habe mit Russland kollaboriert oder gar als Agent gedient – basierte auf demselben Prinzip. Ein rein westliches Phänomen wurde Russland in die Schuhe geschoben.
Tatsächlich bilden „Russiagate“ und die Epstein-Akten ein bizarres Spiegelbild des westlichen Doppeldenkens: Trumps angebliche „Russland-Affäre“ war Fiktion, wurde aber von den westlichen Mainstream-Medien lange als unumstößliche Wahrheit verkauft. Der tiefgreifende moralische Verfall, den die Epstein-Akten offenbaren, ist real und wurde von denselben Medien lange geleugnet oder massiv verharmlost. Welch eine Ironie!
Die (noch immer unvollständigen) Epstein-Akten haben die westlichen Eliten als durchdrungen von Kriminalität, Sadismus und moralischem Nihilismus entlarvt. Viele derer, die uns beherrschen – nicht nur politisch –, sind nicht einfach nur gierig, karrierebesessen und machtgeil. Sie sind böse, im erschreckendsten Sinne des Wortes. Die westlichen Institutionen haben derweil gezeigt, dass sie diesem Übel nichts entgegenzusetzen haben. Im Gegenteil, selbst die Freigabe der Hälfte der Epstein-Akten war ein harter Kampf, der auf Schritt und Tritt behindert und verzögert wurde. Schwärzungen und Säuberungen dauern an. Echte Verantwortlichkeit ist nicht in Sicht.
Der Westen kämpft seit Langem mit massiven Glaubwürdigkeitsproblemen. Die Epstein-Akten liefern nun den endgültigen Beweis, dass substanzielle und enorm mächtige Teile seiner Eliten in einer Form der Verkommenheit leben, die selbst die pessimistischsten Vorstellungen übertrifft. Die Realität ist, wie sich herausstellt, schlimmer als viele sogenannte „Verschwörungstheorien“.
Wir leben zudem in einer Welt, in der dieser real existierende, bösartige Westen Israel beim Völkermord im Gazastreifen unterstützt und dabei internationales Recht sowie grundlegende ethische Prinzipien mit Füßen getreten hat. Aber die Tatsache, dass so viele westliche Eliten in erpressbarem Dreck ertrinken, den ein pädophiler Verbrecher im Dienste Israels angehäufthat, hat doch sicher nichts mit diesem historischen und entsetzlichen Versagen zu tun. Scherz beiseite. In Wirklichkeit liegen die Zusammenhänge auf der Hand. Und Epstein war natürlich nicht allein. Wofür er stand, ist noch nicht vorbei.
Dieselbe westliche Elite und ihre medialen Handlanger wollen, dass wir Russland, China, Venezuela, Kuba, den Iran und nicht zuletzt Palästina fürchten und hassen – und jeden, der gerade im Visier steht. Sie wollen uns weismachen, wir müssten den Iran bombardieren, um für die Rechte iranischer Frauen zu kämpfen, während sie selbst regelmäßig Mädchen vergewaltigen und – mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit – verschwinden lassen.
Der Westen *ist* ein Sumpf. Und jeder weiß es.
*Übersetzt aus dem Englischen.*
***Tarik Cyril Amar*** *ist Historiker an der Koç-Universität in Istanbul. Er forscht zu Russland, der Ukraine und Osteuropa, der Geschichte des Zweiten Weltkriegs, dem kulturellen Kalten Krieg und der Erinnerungspolitik.*
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