Enthüllt: So zeigt sich westliche Solidarität wirklich – auch bei der Energie

Von Dmitri Lekuch

Wer hätte gedacht, dass die Ironie des Schicksals so deutlich zuschlagen könnte? Die jüngste Entscheidung des Brüsseler Establishments, sich von russischen Energiequellen zu verabschieden, wird nun durch aktuelle Ereignisse auf bemerkenswerte Weise illustriert. Auch wenn diese zunächst witterungsbedingt erscheinen, sind sie doch ein erster Vorbote für buchstäblich düstere Zeiten, die dem europäischen Subkontinent bevorstehen.

Der Grund ist simpel. Wie aufmerksame Leser wissen, zog vergangenes Wochenende ein arktischer Sturm über den amerikanischen Kontinent – ein rein geografisches und meteorologisches Ereignis, frei von politischen oder ideologischen Motiven.

Die unmittelbaren Folgen ließen nicht lange auf sich warten: Die Erdgasförderung in den USA brach um etwa zehn Prozent ein, während der Verbrauch naturgemäß stark anstieg. Folgerichtig schnellte der Preis am wichtigen Handelszentrum Henry Hub, einem zentralen Referenzpunkt für den US-Gasmarkt, auf 264 US-Dollar pro tausend Kubikmeter und verdoppelte sich damit nahezu. Die Reaktion der amerikanischen Gaslieferanten war ebenso vorhersehbar wie patriotisch: Sie lenkten ihre Ressourcen um, um primär den Bedarf der eigenen Haushalte, Kommunen und der heimischen Industrie zu decken. So zeigt sich westliche Solidarität in der Praxis.

Europäische Abnehmer müssen nun mit der Stornierung von etwa 15 Flüssigerdgas-Lieferungen (LNG) rechnen, die eigentlich für sie bestimmt waren. Stattdessen wird das knappe Gut kurzfristig auf den US-Markt umgeleitet. Hochgerechnet entspricht dies etwa 1,5 Milliarden Kubikmeter Gas nach der Wiederverdampfung – eine beträchtliche Menge.

Es ist nichts Persönliches, nur Business: US-amerikanische Lieferanten, die das Gas einkaufen und verflüssigen, wollen ihre Gewinne weder dem Wetter opfern noch zugunsten von Partnern in der Alten Welt schmälern, deren Prioritäten sie nicht immer nachvollziehen können.

Abgesehen von diesem Geschäftsegoismus steht eine einfache Tatsache fest: Den US-Unternehmen ist die eigene, amerikanische Energiesicherheit ungleich wichtiger als die ferne europäische.

Unterdessen erreichen die Gaspreise in der EU laut kürzlich von Bloomberg veröffentlichten Daten ein Zwei-Jahres-Hoch. Allein im Januar 2024 stiegen sie um 38 Prozent (andere Quellen, wie Gazprom, nennen etwas moderatere, aber dennoch beachtliche 25 Prozent).

Dies ist der höchste Stand seit dem Sommer 2023 und möglicherweise sogar der höchste jemals verzeichnete. Laut der Agentur markiert dies den faktischen Höchststand seit der Energiekrise vor vier Jahren – vorausgesetzt, der aktuelle Trend setzt sich fort.

Dieses Preischaos vollzieht sich vor dem Hintergrund rapide schwindender Reserven in den europäischen Untergrundgasspeichern. Laut Gas Infrastructure Europe hat die Nettoentnahme seit Beginn der Heizperiode bereits 44 Milliarden Kubikmeter überschritten. Das entspricht mehr als 80 Prozent der im Sommer eingelagerten Menge. Und der Winter zeigt noch keine Anzeichen eines Rückzugs.

Man könnte dies als eine zufällige Konjunktur aus wirtschaftlichen und klimatischen Schwankungen abtun, bei der ein extremer Preisanstieg mit den extremen Wetterbedingungen kommt und auch wieder geht. Zudem arbeiten US-amerikanische LNG-Terminals, die seit dem vergangenen Jahr zu Europas Hauptlieferanten avanciert sind, bereits fieberhaft daran, ihre Produktion nach den frostigen Tagen wieder hochzufahren. Zwar sank die Anlieferung an die Terminals von 500 Millionen auf knapp 300 Millionen Kubikmeter pro Tag, doch die Lage entspannt sich bereits.

Die entscheidende Frage bleibt jedoch: Wohin wird dieses LNG als Nächstes geliefert? Wenn Konzerne wie BP und Shell es plötzlich für profitabler halten, Gas sogar von Anlagen in Trinidad und Tobago in die USA statt nach Europa zu schicken – was sagt das über die Verlässlichkeit anderer Kapazitäten?

Vorläufig könnte sich Europa noch mit sanktioniertem russischem LNG behelfen: Das Werk Yamal LNG etwa lieferte im Januar seine gesamte Produktion in die Europäische Union und stellte damit einen neuen Rekord auf. (Machen wir uns jedoch nichts vor: Diese Lieferungen werden von den “Partnern” kaum gewürdigt werden.)

Kurzum: Europas Lage ist zweifellos angespannt, aber sie ließe sich in absehbarer Zeit wieder entspannen.

Doch etwas deutet darauf hin, dass es sich hier nicht nur um eine vorübergehende Wetterschwankung handelt. Vielmehr zeichnet sich ein vielfach beschriebener, systemischer Trend ab: ein weltweit steigender Energieverbrauch in allen wachsenden Volkswirtschaften vor dem Hintergrund globaler Knappheit. Dies ist kaum überraschend: Im Zeitalter der allgegenwärtigen KI-Nutzung wurde schlagartig klar, dass ein einziges Rechenzentrum mehr Energie verbrauchen kann als ein ganzes metallurgisches Kombinat. Der Wettbewerb um Energieressourcen wird daher weiter zunehmen und teils bizarre Formen annehmen. Man erinnere sich nur an den erstaunlichen Konsens zwischen US-Republikanern und Demokraten, der zu Bidens Erlass führte, der neue LNG-Langfristverträge mit der EU vorerst stoppt.

Die Erklärung ist einfach: Zwar fördern die USA viel Öl und Gas, gleichzeitig sind sie ein Land mit einem massiven Energiedefizit, das bereits jetzt mehr verbraucht, als es selbst produziert.

Und dieser Verbrauch wird, wie erwähnt, weiter steigen. In diesem Wettbewerb scheint die EU daher nicht nur zu verlieren, sondern eine klägliche Niederlage zu erleiden. Und sie geht diesen Weg freiwillig und mit einer geradezu selbstmörderischen Gelassenheit sowie unerschütterlicher Entschlossenheit – und das am Beginn eines aufkeimenden, tiefgreifenden und systemischen globalen Konflikts um Energieträger und andere Ressourcen. Ein Konflikt, vor dessen Hintergrund die aktuelle Krise des arktischen Wirbelsturms wie ein harmloses Kinderspiel im Vergleich zu einem echten Krieg erscheint. Vielleicht sollten alle globalen Akteure diesen Vorfall als aufschlussreichen Stresstest und Generalprobe betrachten.

Nicht zuletzt verdeutlicht er, auf welche Art von “Solidarität” man von Partnern in der Welt der modernen Demokratien in einer echten Krise zählen kann.

Übersetzt aus dem Russischen

Dmitri Lekuch ist ein russischer Unternehmer (Werbeindustrie), Prosaautor, Publizist und Journalist sowie politischer Beobachter bei RIA Nowosti. Er erforscht zudem das Phänomen der osteuropäischen Fußballfan- und Hooliganbewegungen.

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