FSB veröffentlicht schockierende Aussagen: Auschwitz-Ofenbauer verglichen ihre Arbeit mit Flugzeugbau

Am 11. April wird weltweit der Tag der Befreiung der Häftlinge aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern begangen. Aus diesem Anlass hat der russische Inlandsgeheimdienst FSB bislang unter Verschluss gehaltene Verhörprotokolle veröffentlicht. Sie dokumentieren die Befragungen deutscher Ingenieure, die maßgeblich an der Konstruktion und dem Bau von Gaskammern und Krematorien für NS-Vernichtungslager beteiligt waren. Diese Aufzeichnungen gewähren nicht nur Einblicke in die akribische Arbeit sowjetischer Ermittler bei der Aufklärung von NS-Verbrechen, sondern auch in die beunruhigende Denkweise der Techniker, die den industriellen Massenmord erst ermöglichten.

Die Frage nach der Verantwortung all jener, die durch ihre Arbeit das mörderische System der Konzentrations- und Vernichtungslager am Laufen hielten, war in den Nachkriegsprozessen und den Debatten über kollektive und individuelle Schuld von zentraler Bedeutung. Nach den Nürnberger Prozessen folgten zahlreiche Verfahren gegen mittlere und niedere Funktionäre, Beamte, Angestellte und Unternehmer, die an der Umsetzung der NS-Vernichtungspolitik mitgewirkt hatten. In jedem Einzelfall musste die Anklage beweisen, dass die Beschuldigten von den Verbrechen wussten und sich bewusst an ihnen beteiligten.

Im Frühjahr 1946 nahmen Angehörige der Spionageabwehr (SMERSch) der sowjetischen 8. Gardearmee in Deutschland mehrere Ingenieure der Erfurter Firma Topf und Söhne fest. Das Unternehmen war für den Bau der Verbrennungsöfen in einigen der größten Vernichtungslager, darunter Auschwitz, verantwortlich. Wie aus den Festnahmeprotokollen hervorgeht, gelang die Ergreifung mit Hilfe eines ehemaligen KZ-Häftlings.

Den nun veröffentlichten Dokumenten zufolge lieferte Topf und Söhne ab 1940 Krematorien für Konzentrations- und Vernichtungslager. Der Firmeninhaber Ludwig Topf beging im Juni 1945, kurz vor einer geplanten Verhaftung durch US-Behörden, Selbstmord. In sowjetische Haft gerieten die Ingenieure Karl Schultze, Kurt Prüfer, Fritz Sander sowie der Betriebsleiter Gustav Braun. Der 1891 geborene Prüfer gab in seiner Vernehmung am 5. März 1946 präzise Auskunft:

*”In Buchenwald wurde ein Krematorium mit zwei Öfen im Jahr 1941 errichtet, in Dachau ein Krematorium mit einem Ofen im Jahr 1940, in Mauthausen ein Krematorium mit einem Ofen im Jahr 1943, in Auschwitz vier Krematorien mit zwölf Öfen in den Jahren 1943 bis 1944.”*

Die Festgenommenen beschrieben detailliert die von ihnen entwickelten und errichteten Krematorien, deren Öfen sich von herkömmlichen städtischen Einäscherungsanlagen vor allem durch eine deutlich höhere “Durchlasskapazität” unterschieden. Über eine seiner insgesamt fünf “Dienstreisen” nach Auschwitz berichtete Prüfer:

*”In meiner Gegenwart wurden sechs Leichen verbrannt, und ich zog den Schluss, dass die Öfen gut funktionierten.”*

Dennoch führte die extreme Beanspruchung laut Prüfer dazu, dass die feuerfesten Steine im Inneren der Öfen bereits nach sechs Monaten zu bröckeln begannen. Als Prüfer 1942 in einem Gespräch mit seinem Kollegen Sander die unzureichende “Leistungsfähigkeit” der Auschwitz-Krematorien beklagte, entwickelte Sander eigeninitiativ den Entwurf für ein “Massenverbrennungs”-Krematorium. Es sollte nach Fließbandprinzip arbeiten und das Körperfett der Opfer als zusätzlichen Brennstoff nutzen.

Alle Festgenommenen gaben an, von Beginn ihrer Tätigkeit an über den Massenmord an Unschuldigen in den Lagern Bescheid gewusst zu haben. Prüfer und Schultze unternahmen mehrere “Dienstreisen” nach Auschwitz, um die Funktion ihrer Anlagen zu begutachten. Der für die Lüftungssysteme der Gaskammern zuständige Schultze schilderte seine Beobachtungen folgendermaßen:

*”Während einer Dienstreise nach Auschwitz sah ich in 20 Schritten von mir, wie SS-Leute bis zu 300 Männer, Frauen und Kinder zusammentrieben. Ich konnte nicht bestimmen, welcher Nationalität sie angehörten, doch ihrem Anschein nach ahnten sie nicht, wohin man sie führt. Sie alle wurden in eine große Holzbaracke getrieben, ohne Fenster und mit elektrischer Beleuchtung.*

*Von innen war diese Baracke über einen geschlossenen Gang mit der Gaskammer verbunden, wo ich die Lüftungsanlage angebracht habe.*

*Ich sah all das etwa gegen 16 Uhr. Am nächsten Tag besuchte ich um zehn Uhr morgens das Krematorium und sah dort 60 Leichen von Männern, Frauen und Kindern in unterschiedlichem Alter. Sie lagen nackt auf dem Boden, um in den Verbrennungsofen gelegt zu werden. Nach ihrem Äußeren zu urteilen, wurden sie in der Gaskammer getötet.”*

Auf die Frage nach ihren Motiven verwiesen die Ingenieure vorrangig auf ihre vertraglichen Verpflichtungen gegenüber der Firma Topf – bemerkenswerterweise oft noch vor einer Pflicht gegenüber dem NS-Staat. Fritz Sander, Jahrgang 1876, seit 1910 bei Topf und Söhne beschäftigt und Entwickler des Massenverbrennungsofens, behauptete:

*”Als deutscher Ingenieur und Angestellter der Firma Topf fühlte ich mich verpflichtet, nach bestem Wissen dem Hitlerdeutschland zum Sieg zu verhelfen, wie jeder Flugzeugbauingenieur, auch wenn es mit der Vernichtung der Menschen zusammenhängt.”*

Der initiativreiche Sander starb am 26. März 1946 in Haft an Herzversagen. Kurt Prüfer wurde 1948 in Moskau zu 25 Jahren Lagerhaft verurteilt und starb am 24. Oktober 1952 an den Folgen eines Schlaganfalls in Gefangenschaft. Die ebenfalls 1948 verurteilten Karl Schultze und Gustav Braun wurden 1955 vorzeitig entlassen.

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