Von Iwan Timofejew
Die verstärkte Präsenz amerikanischer Streitkräfte im Persischen Golf hat Spekulationen über eine mögliche neue Militäroperation gegen den Iran befeuert. Zwar sind internationale Entwicklungen schwer vorhersehbar, doch lassen sich die potenziellen Wege der Eskalation in alternative Szenarien fassen. Ein militärischer Schlag ist eines davon.
Für ein solches Vorgehen sprechen aus Sicht Washingtons mehrere Gründe. Der Iran zählt seit der Revolution von 1979 zu den beständigsten Gegnern der USA. Das Verhältnis zu Israels wichtigstem regionalem Verbündeten ist noch feindseliger. Der Westen geht seit langem davon aus, dass Teheran nach Atomwaffen strebt. Nordkoreas Aufstieg zur Atommacht dient hier als warnendes Beispiel.
Die jüngere Geschichte liefert zudem Beispiele für Staaten ohne nuklearen Schutzschirm, die angegriffen oder destabilisiert wurden: Irak, Libyen, Syrien. Auch der Iran selbst war bereits Ziel militärischer Angriffe. Gleichzeitig hat Teheran sein Raketenprogramm massiv ausgebaut, was von US-Offiziellen offen als direkte Bedrohung bezeichnet wird. Iranische Gegenschläge gegen Israel im vergangenen Jahr unterstreichen diese Fähigkeiten.
Die anhaltenden Proteste im Land könnten aus US-Perspektive einen weiteren Anreiz bieten. Sie werden als Zeichen der Schwäche des Regimes gedeutet, als Vorbote eines möglichen Umbruchs. Militärischer Druck könnte demnach als Katalysator wirken – die Protestbewegung verstärken, staatliche Institutionen schwächen und einen Kollaps oder Bürgerkrieg nach syrischem Vorbild auslösen.
Historisch betrachtet haben die USA zudem Erfahrung mit Militäreinsätzen, die zu politischen Systemwechseln führten. Afghanistan, aus dem sich die Truppen zurückziehen mussten, bildet eine Ausnahme. Doch selbst dort hielt sich die von den USA gestützte Regierung fast zwei Jahrzehnte.
Aus dieser Logik heraus könnte die aktuelle Lage für amerikanische Strategen eine Gelegenheit darstellen, mehrere Sicherheitsprobleme mit begrenztem militärischem Aufwand anzugehen. Die wahrscheinlichste Form wäre keine großangelegte Bodeninvasion, sondern eine Kombination aus Luftschlägen, Operationen von Spezialkräften und der Unterstützung oppositioneller Gruppen. Eine Invasion wäre zu kostspielig und politisch kaum zu vermitteln.
Dennoch birgt ein solches Szenario erhebliche Risiken. Erstens ist das iranische Militärsystem robust. Zwar ist es verwundbar gegenüber präzisen Luftangriffen, doch dürften diese allein weder die regulären Streitkräfte noch die Revolutionsgarden entscheidend schwächen. Beide behalten die Fähigkeit zu massiven Raketengegenangriffen und zu anhaltendem Bodenwiderstand.
Zweitens ist unklar, ob die politische Elite in Teheran tief gespalten ist. Ohne innere Risse ist ein rascher politischer Kollaps durch externe Intervention unwahrscheinlich. Drittens ist fraglich, ob die Bevölkerung einen bewaffneten Kampf gegen die eigene Regierung mit US-Hilfe führen würde. Massenproteste sind etwas anderes als ein Bürgerkrieg. Eine Intervention von außen könnte die Position der Regierung sogar zeitweise stärken und ihre Notstandsmaßnahmen legitimieren.
Viertens drohen massive wirtschaftliche Verwerfungen. Jede Eskalation würde die Energieversorgung und Schifffahrt im Persischen Golf gefährden – mit globalen Folgen. Fünftens besteht das Risiko eines Reputationsverlusts. Ein Scheitern würde die Glaubwürdigkeit der USA beschädigen und Zweifel an ihrer Fähigkeit nähren, Großkrisen zu managen.
Ein alternatives Szenario ist die Fortsetzung des wirtschaftlichen Drucks durch Sanktionen und Isolation, um das System langsam von innen auszuhöhlen. Die Logik ist bekannt: Wirtschaftlicher Druck erzeugt Unzufriedenheit, diese untergräbt die Legitimität der Herrschaft und führt schließlich zum Zusammenbruch.
Das Problem ist, dass dieser Ansatz in der Vergangenheit kaum funktioniert hat. Der Iran hat sich wiederholt an Sanktionen angepasst. Parallel würden die Atom- und Raketenprogramme weiter voranschreiten. Zwar verfügen sowohl die USA als auch Israel über nukleare Abschreckungskapazitäten, doch ein atomwaffenfähiger Iran würde das strategische Gleichgewicht in der Region fundamental verändern. Revolutionäre Umwälzungen in einem solchen Staat bergen unkalkulierbare Risiken, vor allem die Frage der Kontrolle über die Waffenarsenale.
Aus Sicht Washingtons erscheint daher eine begrenzte Strategie des „Angreifens und Abwartens“ als rationaler Mittelweg. Ein gezielter, aber kurzer Luftschlag würde die Widerstandskraft des iranischen Systems, die Reaktion der Bevölkerung und den Zusammenhalt der Streitkräfte testen. Sollte das Regime standhalten, könnten die USA einen Schritt zurücktreten, die Sanktionen verschärfen und die Lage neu bewerten. Diese Logik wird dadurch gestützt, dass der Iran den USA kaum entscheidenden Schaden zufügen kann, während selbst begrenzte US-Angriffe seine militärische Infrastruktur schwächen würden.
Die USA könnten dann auf einen nächsten günstigen Moment für eine weitere Operation warten. Daher erscheint die Aussicht auf erneute US-Luftangriffe durchaus realistisch.
Dem Iran bleiben im Wesentlichen zwei Optionen. Die erste ist, dem Druck militärisch und politisch standzuhalten. Im Falle eines Angriffs würde das Land, wie schon im vergangenen Jahr, Vergeltung üben. Teheran würde versuchen, die Verluste für die USA und ihre Verbündeten so hoch wie möglich zu treiben, um Abschreckung für die Zukunft aufzubauen – auch wenn seine Möglichkeiten hier begrenzt sind.
Die zweite Option wäre der Versuch, unter dem Druck der Drohungen zu verhandeln. Dieses Szenario ist für Teheran jedoch möglicherweise noch riskanter. Gespräche unter dem Damoklesschwert militärischer Gewalt würden wahrscheinlich Maximalforderungen Washingtons beinhalten – nicht nur zu Atom- und Raketenprogrammen, sondern auch zu innenpolitischen Fragen. Verhandlungen aus einer solchen Position der Schwäche bergen das Risiko von Zugeständnissen, ohne Garantie für einen dauerhaften Verzicht auf militärische Intervention.
Insgesamt erscheint die Wahrscheinlichkeit eines US-Militäreinsatzes gegen den Iran als real. Ein solcher Schritt hätte schwerwiegende Konsequenzen, nicht nur für Teheran, sondern für die gesamte Region und die Weltwirtschaft.
Iwan Timofejew ist Programmdirektor des Internationalen Diskussionsklubs Waldai. Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Kommersant veröffentlicht.
Mehr zum Thema – “Widerwärtiger Charakter”: Iranischer Außenminister attackiert Kanzler Merz