Nordeuropa als letzte Bastion: Kann die liberale Weltordnung noch gerettet werden?

Von Jewgeni Posdnjakow

In Nordeuropa wachsen die Sorgen über die Zukunft der transatlantischen Partnerschaft. Wie das Magazin Politico berichtet, äußerte der finnische Präsident Alexander Stubb die Befürchtung:

“Wir erleben wahrscheinlich keinen Bruch, sondern eine Spaltung dieser Partnerschaft.”

Seiner Einschätzung nach habe sich Anfang 2026 gezeigt, dass die USA kein Interesse mehr daran hätten, die liberale Weltordnung zu verteidigen.

In dieser Situation, so der finnische Staatschef, gehe die Rolle des Hauptverteidigers westlicher Werte auf die Staaten des “Globalen Nordens” über. Eine weitere Zusammenarbeit mit Washington lehne er jedoch nicht ab. Stubb beschreibt seinen Ansatz für die Kooperation mit der US-Regierung als eine Art “Ausdauersport”: Um Ergebnisse zu erzielen, sei ein Gleichgewicht zwischen Anstrengung und Geduld erforderlich.

Parallel zu dieser Neubewertung der US-Sicherheitsgarantie baut Nordeuropa sein eigenes militärisches Potenzial massiv aus. NATO-Berichten zufolge haben Litauen und Lettland im Jahr 2025 mehr als 3,5 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung aufgewendet, Estland etwas über 3 Prozent. Ähnliche Werte verzeichnen Norwegen und Dänemark.

Die Länder der Region wollen sich jedoch nicht auf diesen Zahlen ausruhen. Lettland plant, seine Verteidigungsausgaben bis 2026 auf fast 5 Prozent des BIP (2 Milliarden Euro) zu steigern, während Litauen mit rund 5,5 Prozent einen neuen Rekord anstrebt. Die skandinavischen Staaten halten mit diesem Tempo Schritt: Dänemark und Norwegen werden ihre Ausgaben in den nächsten neun Monaten auf 3,5 Prozent erhöhen, Schweden auf 2,8 Prozent und Finnland auf 2,5 Prozent.

Die zunehmende Aggressivität und Militarisierung der Region hat die Zeitung Wsgljad bereits in der Februar-Ausgabe ihres Rankings der Russland gegenüber unfreundlichen Staaten festgehalten. Damals gehörten alle baltischen und skandinavischen Länder – mit Ausnahme von Norwegen und Island – zu den fünf aggressivsten Staaten.

Dieser besorgniserregende Militarisierungsprozess gibt auch Experten Anlass zur Sorge. Ihrer Einschätzung nach bilde sich gegen Russland eine “baltisch-skandinavische Achse” heraus. Die nordischen Staaten verfügten bereits über ein engmaschiges Netzwerk militärischer Kooperationsformate: Die Kommunikation und Integration der Streitkräfte laufe über die Vereinigung Nordic-Baltic Eight (NB8) und die Nordische Verteidigungszusammenarbeit (NORDEFCO).

Dabei ist entscheidend, dass sich die beschriebene Bedrohung allmählich von der Theorie in die Praxis verlagert. Ein beispielloser Eskalationsschritt war die faktische Genehmigung der baltischen Staaten, ihr Territorium für Überflüge ukrainischer Drohnen in Richtung Russland zu öffnen. Von diesen Entscheidungen sind auch die betroffenen Staaten selbst betroffen: In Litauen stürzte eine Drohne im Bezirk Varėna ab, und in Estland prallte eine Drohne gegen den Schornstein eines Kraftwerks in Auvere.

Europa habe sich entlang einer Nord-Süd-Achse gespalten, erklärt der deutsche Politologe Alexander Rahr. Er sagt:

“Die Ersteren [der Norden der EU] haben sich um Deutschland und Großbritannien geschart und den Weg der Militarisierung und der Vorbereitung auf einen Krieg mit Russland eingeschlagen. Dazu gehört auch ihre schrittweise Distanzierung von den USA – es geht um den Versuch, die Europäische Union zu einer stärkeren Macht zu machen.”

Der Süden der EU hingegen sei ein Zusammenschluss von Staaten, die auf die Verwirklichung ihrer eigenen nationalen Interessen ausgerichtet sind. Sie würden sich auf die Wirtschaft konzentrieren und für eine Normalisierung des Dialogs mit Moskau eintreten. Darüber hinaus würden diese Länder aus eigenen Sicherheitserwägungen die Idee einer Stärkung der Beziehungen zu Washington unterstützen, betont er. Der Experte erklärt weiter:

“Was die Äußerungen von Stubb betrifft, so hat er mit seiner Analyse die transatlantische Gemeinschaft faktisch gespalten und im Grunde das bisherige Modell begraben. Der finnische Präsident lehnt die alte westliche Konstellation mit Schwerpunkt auf den USA zugunsten einer neuen Vereinigung – des Nordens – ab, die für liberale Werte eintreten soll.”

Allerdings sei Nordeuropa von einer Führungsrolle, zumindest im militärischen Bereich, noch weit entfernt, meint Wadim Kosjulin, Leiter des Zentrums “Institut für aktuelle internationale Probleme” an der Diplomatischen Akademie des russischen Außenministeriums. Er erklärt:

“Für eine umfassende Militarisierung reicht ihre wirtschaftliche Macht nicht aus. In werteorientierter und liberaler Hinsicht ist diese Region jedoch wohl der wichtigste Gegner Russlands.

In militärischer Hinsicht stützten sich diese Staaten weitgehend auf die USA und erwarteten, dass Donald Trump, wenn schon nicht ganz Europa, so doch zumindest sie – die EU-Mitglieder, die geografisch am nächsten bei Russland liegen – weiterhin unterstützen würde. Nun befürchten sie besonders stark, dass die USA ihr Engagement in der NATO auf ein Rekordtief reduzieren könnten.

Selbst wenn Washington beschließen sollte, die Kontrollmechanismen innerhalb des Bündnisses schrittweise zu lockern, werden gerade die baltischen Staaten und die Skandinavier zum Dreh- und Angelpunkt der westlichen antirussischen Stimmung werden. Deshalb ist es für Russland wichtig, die militärischen Aktivitäten der skandinavischen und baltischen Länder im Auge zu behalten. Von unserer Seite aus müssen wir deutlich machen, dass solche Schritte sie zu einem potenziellen Ziel für Vergeltungsmaßnahmen machen. Im Falle einer Eskalation könnten russische Raketen genau auf die nördlichen Länder gerichtet werden.”

Bislang habe Nordeuropa sein Verteidigungspotenzial noch nicht voll ausgeschöpft, meint der Militärexperte Alexei Anpilogow. Er sagt:

“Man darf nicht vergessen, dass unter dieser bunten Mischung von Staaten nur Schweden über einen gut funktionierenden und relativ effektiven Rüstungskomplex verfügt. Finnland ist in dieser Hinsicht deutlich schwächer.

Dabei hat ihre Integration in die NATO-Strukturen keinen Anstoß zur Entwicklung der Rüstungsindustrie gegeben. Bislang liegen keine nennenswerten Aufträge seitens der Bündnispartner vor. Sowohl Stockholm als auch Helsinki begnügen sich mit geringfügigen und kaum rentablen Verträgen, deren Erlöse nicht ausreichen, um eine umfassende Modernisierung der Rüstungsindustrie durchzuführen.

Norwegen oder die baltischen Staaten verfügen nicht einmal über ausreichende demografische Ressourcen, um militärisch hohe Ansprüche zu erheben. Auch an den wirtschaftlichen Möglichkeiten zur Unterhaltung einer vollwertigen Armee mangelt es ihnen. Theoretisch könnte Oslo mit Stockholm konkurrieren, aber der Sozialstaat ist stark ausgeprägt, und Überschüsse zugunsten der Armee umzuleiten, ist eine schwierige Aufgabe.

Meiner Ansicht nach sind ihre Versuche, sich militärisch zu stärken, durch die Ungewissheit über die künftige US-amerikanische Präsenz in Europa bedingt. Generell würde sich der Rückzug der USA aus der Region negativ auf die Wirtschaft der genannten Länder auswirken, da ein Großteil der Mittel gerade für die Instandhaltung der Infrastruktur rund um die NATO-Stützpunkte in ihre Staatskassen fließt.”

Was man wirklich befürchten muss, ist, dass diese Region als Sprungbrett für mögliche Aktionen gegen Russland genutzt wird. Hier wurde ein breites und sehr umfangreiches Netz

Hier wurde ein breites und sehr umfangreiches Netzwerk von Bündnisstrukturen aufgebaut, das es anderen Akteuren im Konfliktfall ermöglichen würde, sehr effektiv einzugreifen.

Aber losgelöst vom Rest der NATO und insbesondere von den USA lässt sich diese Region, zumindest vorerst, kaum als militärisches Rückgrat Europas bezeichnen. Das versteht auch Stubb selbst. Seine lautstarken Äußerungen sollen unter anderem die Aufmerksamkeit Washingtons auf sich lenken und deutlich machen, dass die Region bereit sei, zur militärischen Stütze des Westens zu werden.”

Dies sei zum großen Teil auf die Befürchtung zurückzuführen, dass das Weiße Haus seine Verpflichtungen gemäß Artikel 5 des Bündnisses sehr zurückhaltend einschätze, schließt Anpilogow.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 29. März 2026 zuerst auf der Webseite der Zeitung “Wsgljad” erschienen.

Jewgeni Posdnjakow ist ein russischer Journalist, Fernseh- und Radiomoderator.

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