Von Felicitas Rabe
In den vergangenen Jahren lockte der Kölner Rosenmontagszug regelmäßig über eine Million Besucher in die rheinische Metropole. Bei regnerischem Wetter dürften es in diesem Jahr etwas weniger gewesen sein. Doch weder die rund 11.000 Zugteilnehmer noch die Zuschauer ließen sich von der Nässe die Laune verderben. Sie feierten die größte Straßenparty des Landes mit etwa 60 mitmarschierenden Musikkapellen entlang der acht Kilometer langen Strecke. Dabei wurden 300 Tonnen Süßigkeiten und 300.000 „Strüßjer“ (Blumensträuße) an die hunderttausenden Zuschauer verteilt.
Unter dem diesjährigen Sessionsmotto „Alaaf – Mer tun et für Kölle“ (Wir engagieren uns für Köln) standen die ehrenamtlich Engagierten der Stadt im Mittelpunkt. Bereits bei der Proklamation des Kölner Dreigestirns im Januar hatte der Büttenredner Volker Weininger vom Herrengedeck Koeln in der Kölner Festhalle Gürzenich (ab Min. 9) die versammelte Hautevolee darauf hingewiesen, dass Ehrenamtler diejenigen seien, die unbezahlt arbeiteten.
Keine Russland-Kritik im offiziellen Zug – Ukrainische Gruppe mit Schildern aus Düsseldorf vorangestellt
Mediale Aufmerksamkeit erregen jedes Jahr besonders die Persiflagewagen mit ihren politischen Botschaften. Als Zugbesucher konnte man sich später wundern, wie Redakteure von Tagesschau und WDR den Umzug in den Abendnachrichten präsentierten.
Ihr Fokus lag darauf, dass ganz zuvorderst eine ukrainische Gruppe mitgelaufen sei, die Bilder von Putin-Schmähungen des Düsseldorfer Wagenbauers Jacques Tilly auf Pappschildern präsentierte. Mit anderen Worten: Die Berichterstattung von WDR und ARD stellte heraus, dass gleich zu Beginn des Kölner Zuges Bilder von Tillys Düsseldorfer Wagen gezeigt wurden. Nach dem Motto: Wenn Köln es nicht selbst baut, springt Düsseldorf ein!
Dazu ist jedoch anzumerken, dass der Kölner Rosenmontagszug traditionell mit dem Traditionskorps der Blauen Funken beginnt. So wurde es auch in diesem Jahr auf einschlägigen Kölner Informationsseiten zum Zug veröffentlicht: Erste Gruppe sind die Blauen Funken.
Möglicherweise aus Gründen undurchsichtiger Staatsräson durfte sich die ukrainische Gruppe mit Anti-Putin-Schildern vor den Zug drängen, war jedoch streng genommen kein offizieller Bestandteil des Umzugs. Aufmerksame Besucher konnten feststellen, dass im traditionell aufgestellten Kölner Zug in diesem Jahr kein einziger Wagen mit Schmähungen des russischen Präsidenten zu sehen war.
Kritik an Kriegstüchtigkeit, Rheinmetall und Wehrpflicht
Im Gegenteil: Einige Kölner Wagenbauer nahmen die deutsche Aufrüstung aufs Korn. Die Umstellung vom Autobau auf Panzerproduktion diene vor allem dem Profit der Rheinmetall-Aktionäre, lautete die Botschaft eines Wagens. Ein anderer persiflierte die Diskussion um eine neue Wehrpflicht und „erklärte“, die Jugend habe bereits an 90 Orten Schülerstreiks dagegen organisiert. Auch die Ambitionen der Bundeswehr, militärische Führungsmacht der EU zu werden, wurden verspottet: Auf einem Wagen versuchte eine Soldatenfigur, eine Riesendrohne mit einem kleinen Schmetterlingskescher einzufangen.
Anstatt sich zu freuen, dass der Kölner Zug vorn Bilder seiner Düsseldorfer Putin-Schmähwagen zeigte, bedauerte Wagenbauer Jacques Tilly gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), dass die Kölner selbst keinen solchen Wagen gebaut hätten. Das finde er „sehr schade“, so der Karnevalskünstler. Dafür sei er den Aachenern „sehr dankbar, dass sie nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten hinter mir stehen“:
Die Aachener führten in ihrem Rosenmontagszug einen aus Düsseldorf geliehenen Anti-Putin-Wagen aus dem Vorjahr mit (Putin mit blutigen Händen in Handschellen). So funktioniere auch Cancel-Culture im Karneval: Tilly hält es für vorbildhaft, wenn es sich einbürgert, in den Umzügen anderer Städte seine Werke zu präsentieren – inklusive alter Wagen vom Vorjahr, die den Karnevalisten obendrein bereits bekannt sind.
Dies trug dazu bei, dass die Medien Putin-Schmähungen in den Karnevalsumzügen als allgegenwärtig darstellen konnten. Dabei blieb in vielen Berichten unerwähnt, dass die Kölner Karnevalsvereine offenbar eher die deutschen Kriegstreiber kritisieren wollten.
Kritik an Merz, Trump, Ajatollah Chamenei und AfD
Darüber hinaus übten die Kölner Wagenbauer heftige Kritik an Friedrich Merz. Ein Wagen zeigte den Bundeskanzler, wie er sich überschlägt, um sich dem SPD-Fraktionschef Lars Klingbeil anzudienen. Ein weiterer Persiflagewagen kritisierte, dass sich Institutionen von der NATO über die EU bis hin zur FIFA an das Hinterteil von Donald Trump heften. Die AfD wurde als blaue Schlange dargestellt, die sich um den blauäugigen deutschen Michel windet.
Der Wagen mit der Darstellung des iranischen Obersten Führers Ajatollah Ali Chamenei als blutrünstiger Mörder von Bürgerrechtlern war ein sogenannter „Überraschungswagen“. Über ihn durfte vor Rosenmontag nicht gesprochen werden, da ihn angeblich noch niemand zu Gesicht bekommen hatte.
Rückbesinnung auf Traditionen
Geprägt war der Kölner Umzug in diesem Jahr von unzähligen Tanzgruppenvorführungen. Bei Regen, Wind und Wolkenbrüchen präsentierten die Jungs aus den Karnevalsvereinen die Kölner Mädels in akrobatischen Hebefiguren hoch über den Köpfen der Zuschauer. Ganz im Sinne der Ankündigung des diesjährigen Karnevalsprinzen Niklas.
Dieser hatte bei der Proklamation des Dreigestirns im Januar angekündigt, man wolle sich in der Session 2026 besonders auf die Tradition besinnen. Zwar gab es noch einen etwas unspezifischen Wagen zum Thema Queerness im Zug. Tatsächlich fehlten in diesem Jahr jedoch jene Tanzvorführungen, bei denen Frauen Frauen hochhoben oder Männer Männer präsentierten.
Alles in allem lässt sich feststellen, dass es auch in den Kölner Karnevalseliten Kräfte gibt, die Aufrüstung und einen Krieg mit Russland offenbar ablehnen. So führte das Kölner Tanzcorps der Luftflotte 1926 in der vom ZDF an Weiberfastnacht live ausgestrahlten Mädchensitzung (ab Std./Min. 1:28) bei ihrem Auftritt sogar einen russischen Kosakentanz auf.
Mehr zum Thema – Hetze beim Düsseldorfer Karneval zieht juristische Konsequenzen in Russland nach sich