Ein Krieg gegen Iran würde den Westen in den Abgrund stürzen – ein unkalkulierbares Inferno

Von Michael von der Schulenburg

In westlichen Ländern ist derzeit eine erschreckende Tendenz zu beobachten: Zahlreiche Politiker und Medien rechtfertigen oder begrüßen sogar den militärischen Angriff der USA und Israels auf die Islamische Republik Iran. Getragen von einer vertrauten Selbstgerechtigkeit, sehen viele darin erneut einen Kampf des vermeintlich „Guten“ gegen das „Böse“. Genau deshalb ist es dringend geboten, innezuhalten und die Lage nüchtern zu betrachten. Denn dieser Krieg stellt ein Verbrechen ungeheuren Ausmaßes dar – nicht nur gegenüber Iran, sondern letztlich auch gegenüber den Angreifern selbst und der gesamten Weltgemeinschaft. Er könnte ein Tor zur Hölle aufgestoßen haben, an dessen Ende der Westen als Verlierer dasteht.

Ein langer und blutiger Konflikt zeichnet sich ab

Die Parallelen zum Beginn des Irak-Krieges 2003 sind unübersehbar. Damals war ein amerikanischer Präsident besessen von der Idee, den Irak von seinem Diktator zu „befreien“. Damals behauptete George W. Bush, das Regime verfüge über Massenvernichtungswaffen, die eine Gefahr für die Welt darstellten. Ein willfähriger britischer Premierminister, Tony Blair, behauptete sogar, Saddam Hussein könne London innerhalb von 15 Minuten angreifen. Nichts davon entsprach der Wahrheit.
Der Krieg sollte schnell vorüber sein; bereits einen Monat später verkündete Bush „mission accomplished“. Doch auch das war eine Illusion. Der Irak versank in einem brutalen Bürgerkrieg, und aus den Trümmern des Landes erwuchs der sogenannte Islamische Staat, eine der gefährlichsten Terrororganisationen unserer Zeit. Viele der angeblich „Befreiten“ bezahlten mit ihrem Leben oder dem Verlust ihrer Heimat. Schätzungen gehen von bis zu einer Million Toten aus, manche sprechen sogar von zwei oder drei Millionen. Die Folgen lasten noch heute, über zwei Jahrzehnte später, schwer auf dem Land.
Diese Erinnerung ist wichtig, denn vieles scheint sich zu wiederholen. Die USA und Israel führen nun Krieg gegen Iran und begründen dies mit angeblichen Atomwaffen – im vollen Wissen, dass Iran keine Atombomben besitzt und auch nicht an deren Bau arbeitet. Wieder ist von „Befreiung“ die Rede, wieder soll alles schnell gehen. Doch die Folgen einer Invasion in Iran könnten noch verheerender sein als im Irak. Die Bevölkerung ist doppelt so groß, hochgebildet, und trotz interner Spannungen ist das Land organisatorisch stabiler. Es verfügt über eine stärkere Militärmacht, und sein politisches System würde nicht durch die Eliminierung einzelner Führungspersonen kollabieren. Zudem ist Iran heute Mitglied der BRICS und wird – wenn auch nicht offen – von Russland und China unterstützt.
Während die Bush-Regierung zumindest den Anspruch erhob, den Irak wiederaufzubauen, zielen die Maßnahmen der USA und Israels heute fast ausschließlich auf Zerstörung aus der Luft. Dies wird die Lage mit Sicherheit nicht verbessern.

Könnten die USA und Israel diesen Krieg verlieren?

Entgegen den Ankündigungen von Präsident Trump dürfte dieser Konflikt kaum rasch enden. Vieles spricht für einen langen, äußerst blutigen und verlustreichen Krieg – einen Krieg, den die USA und Israel sowohl militärisch als auch politisch-moralisch verlieren könnten. Die Folgen wären für den gesamten Westen äußerst gefährlich.
Der Ausgang könnte weniger auf dem Schlachtfeld entschieden werden als durch die innenpolitischen Entwicklungen in Iran, den USA, Israel und den arabischen Nachbarstaaten. Hier scheinen die USA und Israel im Nachteil. Ihre Strategie – wenn man von einer klaren Strategie sprechen kann – setzte auf einen „Enthauptungsschlag“. Die Hoffnung war, dass die rasche Ausschaltung der iranischen Führung zu massiven Aufständen und einem Seitenwechsel von Teilen des Militärs führen würde, was den Kollaps der Islamischen Republik zur Folge hätte. Zwar scheint der Schlag gelungen, doch weder ein Aufstand noch ein Putsch haben sich bislang ereignet – trotz wiederholter Appelle Trumps. Wir befinden uns bereits am vierten Kriegstag, und die iranische Führung hat den Angriff erstaunlich gut absorbiert. Von nennenswerten Spannungen zwischen den Machtzentren ist nichts bekannt. Mit jedem Tag sinkt die Wahrscheinlichkeit eines inneren Umsturzes. Damit wäre die US-israelische Strategie gescheitert.
In den USA ist der Krieg äußerst unpopulär – besonders unter den Wählern Trumps, die seinem Versprechen vertraut hatten, keine neuen Kriege zu beginnen. Mit jeder Meldung über Zerstörung, zivile Opfer – wie die 160 getöteten Schulmädchen – und gefallene US-Soldaten wächst der innenpolitische Widerstand. Hinzu kommt die Gefahr eines politischen Bruchs zwischen den USA und Israel, deren Interessen in diesem Konflikt weit auseinandergehen. Schon jetzt verliert Israel in den USA an Rückhalt, selbst unter evangelikalen Gruppen. Der drastische Anstieg der Energiepreise infolge der Sperrung der Straße von Hormus belastet die Stimmung zusätzlich. Trump steht vor den Zwischenwahlen im November. Gelingt es ihm nicht, den Krieg rasch siegreich zu beenden, könnten die Wahlen für ihn verheerend ausgehen. Ihm läuft die Zeit davon – während sie für Iran arbeitet. Es überrascht daher nicht, dass Trump inzwischen mehrfach die Möglichkeit neuer Verhandlungen mit Teheran ins Spiel gebracht hat. Doch Teheran dürfte darauf kaum eingehen.
Auch in den arabischen Golfstaaten, die dicht mit US-Militärbasen übersät sind, könnte ein Umdenken einsetzen. Iran greift nicht nur die dortigen US-Basen an, sondern zunehmend auch Ziele in den Golfstaaten selbst. Mit einfachen, kostengünstigen Drohnen zwingt er die USA und ihre Partner, teure und schwer ersetzbare Abwehrraketen einzusetzen. Viele Golfstaaten dürften sich deshalb fragen, wie belastbar die amerikanischen Sicherheitsgarantien tatsächlich sind – zumal die USA den iranischen Angriffen bislang wenig entgegensetzen konnten.
Für Israel stellt sich die Frage, wie lange es einem noch intensiveren iranischen Raketenbeschuss standhalten kann. Bereits jetzt durchbrechen iranische Raketen die Systeme Iron Dome, David’s Sling sowie Arrow 2 und 3. Die Lage könnte sich weiter zuspitzen. Israel hat sich mit diesem Krieg einem enormen Risiko ausgesetzt. Keinen seiner jüngeren Konflikte – weder in Gaza, der Westbank, in Syrien noch gegen die Hisbollah im Libanon oder die Huthi im Jemen – konnte es klar für sich entscheiden. Eine Niederlage im Krieg gegen Iran könnte den israelischen Staat daher vor bislang ungekannte existenzielle Herausforderungen stellen.

Der Krieg gegen Iran fügt dem Westen schweren Schaden zu

Der Krieg gegen Iran begann am 28. Februar mit einer kaum zu überbietenden Skrupellosigkeit. Noch während vielversprechender Verhandlungen und entgegen allen internationalen Normen tötete Israel durch einen massiven Raketenangriff einen Großteil der iranischen Führung – darunter den religiösen und staatlichen Führer sowie Mitglieder seiner Familie in deren Residenz. Die auf Al Jazeera gezeigten Bilder lassen nur pulverisierte Mauerreste erkennen; man wollte offenbar sicherstellen, dass niemand überlebt. Den Angriff als „Enthauptungsschlag“ zu bezeichnen, zeugt bereits für sich von einem tiefen moralischen Verfall. Dass auch die europäischen Regierungen zu diesem Vorgehen schweigen, wird den gesamten Westen auf lange Zeit schwer belasten.
Dabei hatten die iranischen Unterhändler am 26. Februar in Genf bedeutende Zugeständnisse gemacht. Ein hochrangiger US-Regierungsbeamter bestätigte dem Magazin Axios, dass erhebliche Fortschritte erzielt worden seien. Auch der omanische Außenminister, der als Vermittler fungierte, sprach von einem Durchbruch. Noch am 27. Februar erklärte Präsident Trump, er ziehe eine diplomatische Lösung einem Krieg vor. Allerdings musste zu diesem Zeitpunkt die Entscheidung zum Angam folgenden Tag bereits gefallen sein. War es also – wie viele Beobachter vermuteten – so, dass die USA und Israel die Verhandlungen nur zum Schein führten, um die iranische Regierung in Sicherheit zu wiegen? Ein solcher Vorgang wäre ein in der modernen Welt beispielloser Vertrauensbruch.

Dieser Krieg hat nicht nur das Vertrauen in die Aufrichtigkeit des Westens zerstört. Mit ihm wurde auch das auf der UN-Charta beruhende Völkerrecht endgültig ausgehebelt – jenes Recht, das der Westen einst selbst geschaffen hat. Das Verhältnis zur UN-Charta war schon immer angespannt, insbesondere in Israel und den USA. Doch der Bruch im Zusammenhang mit dem Angriff auf den Iran ist beispiellos. Hatte Präsident George W. Bush im Jahr 2003 noch – wenn auch vergeblich – versucht, ein Mandat des Sicherheitsrats für den Irak-Krieg zu erhalten, so hat Präsident Trump niemanden mehr gefragt, nicht einmal den eigenen Kongress. Damit hat er das Tor zu einer Weltordnung weit aufgestoßen, die sich ausschließlich auf das Recht des Stärkeren gründet. Dass all dies geschieht, ohne dass es in der westlichen Welt einen Aufschrei gibt, sagt viel über den geistigen und moralischen Zustand unserer Gesellschaften aus.

Der Krieg wird zudem alle Bemühungen untergraben, die Verbreitung von Atomwaffen einzudämmen. Obwohl die USA und Israel behaupten, mit diesem Krieg die Weiterverbreitung von Nuklearwaffen verhindern zu wollen, werden sie wohl das Gegenteil erreichen. Ihr Handeln wird in vielen Ländern die Überzeugung stärken, dass nur der Besitz von Atomwaffen vor solchen Angriffen schützt. Die USA und Israel – beide Nuklearmächte – konnten Iran nur angreifen, weil er eben keine Atomwaffen besitzt und auch nicht unmittelbar davorstand, welche zu entwickeln. Hätte Iran Atomwaffen, wäre es mit hoher Wahrscheinlichkeit nie zu diesem Krieg gekommen.

Und was bedeutet all dies für uns Europäer? Wieder einmal finden wir nicht die richtigen Worte und nicht die richtige Haltung. Wie schon im verlorenen Ukraine-Krieg übernehmen wir – ohne eigenen Einfluss – dieselbe kriegerische Rhetorik und dieselben hohlen Drohgebärden. Doch lange nachdem sich die Amerikaner über den Atlantik in Sicherheit gebracht haben, werden wir auf den Trümmern und den enormen Kosten eines verlorenen Iran-Krieges sitzen bleiben. Europa könnte so nicht nur für einen verlorenen Ukraine-Krieg, sondern bald auch für einen verlorenen Iran-Krieg die Rechnung bezahlen.

Einst hatten viele amerikanische Politiker bedauert, je in den Irak-Krieg gezogen worden zu sein. Den jetzigen Iran-Krieg werden wir alle schon bald als einen Kardinalfehler beklagen. Nur dann ist es zu spät. Das Unheil ist bereits angerichtet.

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