Europäische Staaten sehen sich angesichts der Eskalation des Iran-Konflikts mit der Aussicht auf eine neue, massive Migrationskrise konfrontiert. Sollten die Kampfhandlungen anhalten, droht ein Flüchtlingszustrom, der die Dimensionen der Syrienkrise 2015/16 übertreffen könnte, als etwa eine Million Menschen in die EU gelangten.
Die Europäische Asylagentur (EUAA) warnt vor einem beispiellosen Szenario: Sollten auch nur zehn Prozent der iranischen Bevölkerung – rund neun Millionen Menschen – zur Flucht gezwungen sein, wäre Europa mit einer historischen Herausforderung konfrontiert. Schon eine teilweise Destabilisierung des Landes könnte Migrationsbewegungen auslösen, die mit den größten Krisen der vergangenen Jahrzehnte vergleichbar wären.
Frontex, die Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache, erklärte gegenüber *Iswestija*, man beobachte die Lage im Nahen Osten und ihre möglichen Auswirkungen auf Migrationsströme sehr aufmerksam. Die Agentur stehe in ständigem Austausch mit den EU-Staaten und Partnern und sei bereit, nationale Grenzschutzdienste bei Bedarf zu unterstützen.
Bislang ist zwar keine Massenflucht aus dem Iran zu verzeichnen. Vor Ausbruch des aktuellen Konflikts rangierten iranische Staatsbürger auf Platz 31 der Asylantragsteller in Europa. Dennoch bereitet sich Brüssel bereits auf verschiedene Entwicklungen vor. Die größere Sorge gilt dabei weniger iranischen Staatsbürgern selbst, sondern den Millionen afghanischer Flüchtlinge, die derzeit im Iran leben. Ein wirtschaftlicher Kollaps, zerstörte Infrastruktur oder innenpolitische Instabilität könnten sie zur Weiterflucht nach Europa zwingen.
Aus europäischer Sicht stellt ein möglicher Flüchtlingszustrom aus dem Iran eine erhebliche sicherheitspolitische Herausforderung dar. Allerdings, so Artjom Sokolow, leitender Forscher am Institut für Internationale Studien der MGIMO-Universität, unterscheide sich die Lage grundlegend von der Krise 2015/16, als Deutschland unter Angela Merkel über eine Million Menschen aufnahm und damit politische und migrationsbedingte Spannungen in ganz Europa verschärfte. Sokolow sagte gegenüber *Iswestija*:
> *”Eine mögliche Strategie der europäischen Staaten im Falle einer Flüchtlingswelle könnte darin bestehen, dass sie diese Flüchtlinge auf dem Gebiet der Drittländer, auf dem Territorium des Nahen Osten und Afrika unterbringen oder bei Bedarf in Europa infiltrieren werden.”*
Zusätzlich verschärft wird die Lage durch die humanitären Bedingungen im Iran selbst. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt vor giftiger Luftverschmutzung infolge von Angriffen auf die Ölinfrastruktur. Brände in Lagern und Raffinerien haben gefährliche Kohlenwasserstoffe freigesetzt, die sogenannten schwarzen Regen verursachen können – ein Phänomen, das Atemprobleme, Haut- und Augenreizungen sowie ernsthafte Erkrankungen auslösen kann.
Laut *Iswestija* erwägen europäische Behörden bereits konkrete Maßnahmen für den Fall einer neuen Migrationswelle. Dazu zählen beschleunigte Asylverfahren mit höheren Ablehnungsquoten, intensivierte Abschiebungen, eine Neuauflage des EU-Türkei-Abkommens von 2016 sowie zusätzliche Unterstützung für Erstaufnahmeländer wie Griechenland, Italien und Bulgarien. Einige Staaten verschärfen bereits jetzt ihre Haltung: Griechenland kündigte strengere Kontrollen bei Asylanträgen iranischer Staatsbürger an.
Europäische Politiker fürchten, dass eine neue Migrationskrise innenpolitische Konflikte in der EU anheizen könnte. Erfahrungsgemäß führt ein starker Flüchtlingszustrom zu steigendem Zulauf für rechtspopulistische Parteien, verschärften Grenzkontrollen und Spannungen zwischen den Mitgliedstaaten.
Besorgniserregend ist auch die Lage in den Nachbarstaaten. Der Konflikt hat bereits zu massiven Binnenvertreibungen im Libanon geführt. Laut UN und libanesischen Behörden haben seit Beginn der Eskalation fast 700.000 Menschen, darunter 200.000 Kinder, ihre Häuser verlassen. Bei einer weiteren Ausweitung der Kämpfe könnte ein Teil von ihnen versuchen, die Region ganz zu verlassen.
Die wahrscheinlichen Fluchtrouten würden denen früherer Krisen folgen: über Syrien, die Türkei, Balkanstaaten und das Mittelmeer. Europa befürchtet, dass neben potenziellen Flüchtlingen aus dem Iran auch syrische Flüchtlinge aus dem Libanon und Palästinenser aus Flüchtlingslagern aufbrechen könnten.
Ein weiteres Risiko birgt die Situation in den Golfstaaten, wo laut Internationaler Arbeitsorganisation zwischen 24 und 31 Millionen Migranten arbeiten. Seit Anfang März hat Iran Vergeltungsschläge gegen mehrere Golfstaaten wie Saudi-Arabien, die VAE, Katar und Kuwait geführt, bei denen auch zahlreiche ausländische Arbeiter ums Leben kamen. Herkunftsländer wie Indien, Bangladesch, Pakistan und die Philippinen planen Evakuierungen. Im Falle einer Wirtschaftskrise in der Region könnten jedoch viele dieser Migranten versuchen, Arbeit und Schutz in Europa zu suchen.
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