Von Dmitri Rodionow
Die israelischen Streitkräfte (IDF) haben eine Bodenoffensive im Südlibanon begonnen. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen sind zwei Brigaden in die Grenzregionen vorgestoßen, mit dem Auftrag, diese zu sichern und Hisbollah-Infrastruktur zu zerstören.
Die Militäroperation läuft bereits seit einer Woche. Israel begründet sie als notwendige Reaktion auf anhaltende Angriffe der Hisbollah, die damit eine zweite Front im Norden eröffnet hat. Das US-Portal Axios hatte zuvor berichtet, die Offensive ziele möglicherweise auf eine längerfristige Besetzung von Teilen des Libanons ab.
“Wir beabsichtigen, ähnlich wie im Gazastreifen vorzugehen”, erklärte ein hochrangiger israelischer Beamter gegenüber dem Portal. Damit ist offenbar die systematische Zerstörung von Gebäuden gemeint, die mutmaßlich von der Hisbollah als Waffenlager oder Operationsbasen genutzt werden. Experten verweisen darauf, dass dies die umfangreichste israelische Bodenoperation im Libanon seit dem Krieg 2006 werden könnte.
Die Hisbollah stellt für Israel seit langem eine zentrale Sicherheitsbedrohung dar. Deren Ausschaltung ist ein erklärtes, bislang aber unerreichtes Ziel. Der Krieg von 2006 endete aus israelischer Sicht ohne klaren Sieg. Die jetzige Offensive scheint daher auch von dem Wunsch getrieben, diesmal entscheidend zuzuschlagen. Es geht nicht nur um die Schwächung der Hisbollah, sondern möglicherweise auch darum, Teile des Südlibanon unter Kontrolle zu bringen – von israelischer Seite oft als “vorübergehende Sicherheitszone” bezeichnet.
Doch der Begriff “vorübergehend” ist in diesem Kontext mit Vorsicht zu genießen. Was als temporäre Maßnahme beginnt, kann schnell zu einem Dauerzustand werden. Die Golanhöhen etwa wurden von Israel 1967 aus Sicherheitsgründen besetzt und 1981 schließlich annektiert – ein Schritt, der international nie anerkannt wurde. Auch das Westjordanland steht seit 1967 unter israelischer Kontrolle, obwohl es völkerrechtlich als besetztes palästinensisches Gebiet gilt. Die israelische Präsenz dort ist alles andere als vorübergehend.
Dieses Muster wiederholt sich. So nutzte Israel den Sturz des Assad-Regimes in Syrien Ende 2024, um seine Kontrolle über Gebiete im Südwesten Syriens auszuweiten – wiederum unter Berufung auf unmittelbare Sicherheitsinteressen und erneut als temporäre Maßnahme deklariert.
Die Taktik ist seit Jahrzehnten dieselbe: Israel annektiert nicht sofort, sondern etabliert zunächst eine militärische und administrative Präsenz. Mit der Zeit folgen oft Siedlungen und infrastrukturelle Fakten. Am Ende steht de facto israelisches Territorium, dem nur noch die formale Annexion fehlt.
Ein weiteres Argument, das gelegentlich vorgebracht wird, ist das der “historischen Gerechtigkeit”. Teile der Region gehörten in der Antike zum Königreich Israel. Betrachtet man historische Karten, umfasste dieses Reich jedoch auch Gebiete des heutigen Jordaniens, Syriens und Libanons. Bislang erhebt der moderne Staat Israel keine Ansprüche auf Jordanien – das Wort “bislang” ist hier entscheidend.
Theoretisch ließen sich sogar Ansprüche auf den ägyptischen Sinai ableiten, folgt man der zionistischen Vision von einem Staat “vom Nil bis zum Euphrat”, wie sie von Theodor Herzl formuliert wurde. Doch Realpolitik sieht anders aus: Ein Staat mit rund 10 Millionen Einwohnern kann sich kaum unbegrenzt ausdehnen.
Das primäre Ziel Israels ist daher nicht territoriale Expansion um ihrer selbst willen, sondern das eigene Überleben in einer feindseligen Region. Krieg ist dabei ein Mittel zum Zweck: Der Gegner soll geschwächt, gespalten und neutralisiert werden.
Israel hat in der Vergangenheit erfolgreich Konflikte mit arabischen Nachbarn beigelegt oder entschärft. Die Abraham-Abkommen (2020-2021) mit den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain, Marokko und dem Sudan markierten eine historische Annäherung. Dieser Normalisierungsprozess wurde jedoch durch den Krieg im Gazastreifen ab Oktober 2023 abrupt unterbrochen. Während sich die arabischen Staaten zurückhielten, rückte der Iran als Israels Hauptgegner in den Fokus.
Der Konflikt mit dem Iran wird in Israel zunehmend als existenzieller Kampf verstanden – einer, der nur vorübergehend pausieren, aber letztlich nur mit der Niederlage einer Seite enden kann. Dies erklärt das intensive Bemühen Tel Avivs, das iranische Regime zu destabilisieren und dabei internationale Unterstützung, vor allem der USA, zu mobilisieren.
Der britische Politikwissenschaftler Daniel Levy, Präsident des Think Tanks “USA – Naher Osten”, argumentiert, Israel versuche durch seine Operationen, den Iran ins Chaos zu stürzen. Dies solle eine Kettenreaktion der Destabilisierung in der Türkei, im Irak und in den Golfmonarchien auslösen.
Israels “große Strategie”, so Levy, ziele auf regionale Hegemonie ab. Kein Staat des Nahen Ostens solle in der Lage sein, Israels Führungsrolle herauszufordern. Für den Fall eines Sieges über den Iran spekuliert Levy sogar, Israel könnte versuchen, ein regionales Sicherheitsbündnis nach Vorbild der NATO zu etablieren.
Dies erscheint jedoch höchst unrealistisch. Kein arabischer Nachbarstaats wäre bereit, ein formelles Militärbündnis mit Israel einzugehen. Die Anerkennung Israels ist eine Sache, eine verbindliche Allianz eine ganz andere. Solche Schritte wären innenpolitisch nicht vermittelbar. Selbst bei aller Abneigung gegenüber dem Iran wäre eine Allianz mit Israel gegen diesen für die arabische Öffentlichkeit ein Tabubruch.
Zudem hätten die USA kaum Interesse an einer derart übermächtigen israelischen Hegemonie, die ihre eigene Einflussnahme in der Region untergraben könnte. Als der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu 2024 die Idee eines gegen den Iran gerichteten regionalen Bündnisses vorschlug, wurde sie in Washington kühl aufgenommen und nicht weiterverfolgt.
Wenn sich Hegemonie nicht durch Diplomatie erreichen lässt, könnte Israel versuchen, sie durch die Schwächung anderer zu erzwingen – nach der alten britischen Maxime “Divide et Impera” (Teile und herrsche).
Hier drängt sich der Blick auf geopolitischen Kartenentwürfe auf, die eine Fragmentierung des Nahen Ostens skizzieren. Eine einflussreiche Karte von Ralph Peters aus dem Jahr 2006 (“Blood Borders”) zeigte einen zerstückelten Iran mit unabhängigen Regionen wie Kurdistan, Belutschistan und Aserbaidschan, einen geteilten Irak und einen von Saudi-Arabien abgespaltenen “Islamischen Staat” um die heiligen Stätten. Die spätere Entstehung des sogenannten “Islamischen Staats” (IS) wirft die beunruhigende Frage auf, ob solche Pläne mehr sind als nur theoretische Gedankenspiele.
Bereits 1982 legte Oded Yinon, ein ehemaliger Berater von Ariel Sharon, in der Zeitschrift Kivunim eine “Strategie für Israel in den 80er Jahren” vor. Sein Plan sah vor, die arabische Nachbarschaft durch Fragmentierung zu schwächen und Israel so zur unangefochtenen Regionalmacht zu machen.
Elemente dieser Strategie scheinen verwirklicht: Der Irak ist de facto dreigeteilt, Libyen und Syrien sind als funktionierende Einheitsstaaten zerfallen. Nun richtet sich der Fokus auf den Iran. Erneut ist von der Unterstützung ethnischer Minderheiten und der Abspaltung von Randgebieten die Rede, die als “fünfte Kolonne” gegen Teheran dienen sollen.
Dies mag nach Verschwörungstheorie klingen. Doch in einer Region, die von Proxy-Kriegen und geopolitischen Machtspielen geprägt ist, ist die Grenze zwischen Theorie und Praxis oft fließend. Für
Für Israel geht es in diesem Ringen ums nackte Überleben. Um dieses zu sichern, muss der Staat nicht nur eine direkte Bedrohung durch den Iran abwenden, sondern idealerweise auch seine Nachbarn so schwächen, dass sie seine Vorherrschaft nicht mehr in Frage stellen können. Dies geschieht durch die Ausnutzung bestehender ethnischer, religiöser und politischer Konflikte.
Doch selbst das Minimalziel – eine dauerhafte Neutralisierung der iranischen Bedrohung – erscheint unter den gegenwärtigen Umständen als äußerst ambitioniert, wenn nicht gar illusorisch. Der Iran ist kein gescheiterter Staat wie Libyen oder ein von internen Konflikten zerrissenes Land wie der Irak nach 2003. Er verfügt über eine stabile, wenn auch repressive Führung, ein funktionierendes Staatsgefüge und beträchtliche militärische sowie proxy-Kapazitänten in der gesamten Region.
Israels jüngste Offensive im Libanon unterstreicht diese strategische Zwickmühle. Sie ist eine Reaktion auf unmittelbare Bedrohungen, aber auch ein Teil des langfristigen Ringens um Sicherheit durch Stärke und Kontrolle. Jeder neue militärische Vorstoß birgt jedoch das Risiko, die Region weiter zu destabilisieren, neue Feindschaften zu schüren und israelische Ressourcen in einem zermürbenden Dauerkonflikt zu binden.
Die historische Taktik der “vorübergehenden” Besetzungen und der schrittweisen Schaffung von Fakten mag in der Vergangenheit Teilerfolge gebracht haben. In einer multipolaren Weltordnung, in der globale Mächte wie Russland und China zunehmend Einfluss in der Region gewinnen und in der die arabische Öffentlichkeit trotz offizieller Zurückhaltung ihrer Regierungen weiterhin mit den Palästinensern sympathisiert, stößt dieses Modell an seine Grenzen. Israels Streben nach absoluter Sicherheit durch regionale Hegemonie könnte sich am Ende als dessen größte Unsicherheitsquelle erweisen.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 19. März 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung “Wsgliad” erschienen.
Dmitri Rodionow ist ein russischer Politikwissenschaftler.
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