Jerusalem und Washington: Wie ihre widersprüchlichen Kriegsziele den Nahen Osten ins Chaos stürzen

Von Rainer Rupp

Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg der USA und Israels gegen den Iran befindet sich nicht im schnellen Siegesrausch, wie einst prophezeit, sondern hat sich zu einem zähen, verlustreichen Konflikt entwickelt, der nun in seinen zweiten Monat geht. Je länger er andauert, desto prekärer werden die Aussichten für die Trump-Administration und für die Sicherheit Israels selbst. Der ehemalige Chef des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6 brachte es kürzlich auf den Punkt: Schon nach einer Woche sei klar gewesen, dass Israel diesen Krieg trotz amerikanischer Hilfe nicht gewinnen könne.

Entgegen den anfänglichen Siegesmeldungen der Kriegsparteien hat sich der erbitterte Widerstand der iranischen Bevölkerung und Streitkräfte als robust erwiesen. Jahrelange strategische Vorbereitungen ermöglichen dem Iran anhaltende Vergeltungsschläge, die die Angreifer zunehmend in die Defensive zwingen. Washington und Tel Aviv reagieren nur noch – die Initiative ist längst verloren.

Die zunehmend verzweifelten und wahllosen Militärschläge der USA offenbaren die tiefe strategische Zwickmühle, in der sie stecken. Zugleich treten die fundamental unterschiedlichen Kriegsziele der beiden Verbündeten immer deutlicher zutage.

Die US-Regierung hatte von Beginn an Schwierigkeiten, ihren Angriff mit der langjährigen amerikanischen Strategie am Persischen Golf in Einklang zu bringen. Diese basiert auf der Carter-Doktrin von 1980, die jede Bedrohung der Kontrolle über die Region als Angriff auf vitale US-Interessen definiert und deren Abwehr mit allen Mitteln fordert. Genau diese Stabilität hat die Trump-Regierung durch ihre Eskalation untergraben. Die von ihr provozierte faktische Sperrung der Straße von Hormus für pro-westliche Schiffe ist das Gegenteil dessen, was die US-Politik jahrzehntelang zu verhindern suchte.

Für Israel wiederum stellt der Iran den Kern der sogenannten “Achse des Widerstands” dar – eines Bündnisses aus Iran, der libanesischen Hisbollah, den Huthis im Jemen und der Hamas im Gazastreifen. Deren erklärtes Ziel ist es, den US-Einfluss in der Region zurückzudrängen und den palästinensischen Widerstand zu unterstützen. In der israelischen und westlichen Darstellung wird diese Bedrohung jedoch systematisch zu einer existentiellen Frage für den Fortbestand des Staates Israel hochstilisiert.

Netanjahu: Der Wahlkämpfer im Krieg

In einem israelischen Wahljahr ist dieser Konflikt für Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ein politisches Geschenk. Nach dem Debakel der Hamas-Angriffe im Oktober 2023, das sein Image als “Beschützer Israels” ruinierte, sucht er nun vor den Wahlen im Oktober einen außenpolitischen Triumph. Sein Kalkül: Sich als Sieger über Hamas, Hisbollah und Iran zu präsentieren, um den gegen ihn laufenden Korruptionsprozess zu überstehen und seine politische Karriere zu retten. Ein Sieg ist für den vom Internationalen Gerichtshof wegen Kriegsverbrechen gesuchten Netanjahu von persönlich existenzieller Bedeutung.

Doch diese Rechnung geht nicht auf. Die innenpolitische Unterstützung für Netanjahu in Israel ist brüchig und hängt ausschließlich an militärischen Totalsiegen. Sobald Gerüchte über Waffenstillstandsverhandlungen aufkommen, bricht seine Zustimmung ein. Ein von den USA vermittelter Deal, der auch die Hisbollah einbezieht, wäre ein politischer Todesstoß.

Gleichzeitig bröckelt die internationale Unterstützung für Israel, selbst in den USA. Umfragen zeigen eine wachsende Sympathie für die Palästinenser in der amerikanischen Bevölkerung. Die republikanische Basis ist in der Israel-Frage tief gespalten. Auch in Europa erreicht die Unterstützung historische Tiefststände. Diese Entwicklung ist keineswegs marginal: Israels aggressive Außenpolitik und seine Wirtschaft sind von den jährlichen 3,8 Milliarden Dollar US-Militärhilfe und dem privilegierten Waffenzugang abhängig. Ohne diese Unterstützung wäre das Land handlungsunfähig.

Hinzu kommt der juristische Druck: Der Internationale Strafgerichtshof ermittelt gegen Netanjahu und mehrere seiner Minister wegen des Verdachts auf Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Jede Verurteilung würde die internationale Isolation Israels vertiefen.

Bilanz: Schwächung statt Stärkung

Selbst wenn man den propagandistischen Erfolgsmeldungen der Angreifer Glauben schenkt, bleibt eine ernüchternde Realität: Für Iran, Hamas und Hisbollah bedeutet das schiere Überleben angesichts der erdrückenden militärischen Übermacht des Gegners bereits einen strategischen Sieg. In Iran entsteht zudem eine jüngere, radikalere und technologisch versiertere Führungsgeneration, die auf Rache sinnen wird. Die “Achse des Widerstands” wird durch diesen Krieg nicht zerstört, sondern erneuert, gestählt und aggressiver daraus hervorgehen.

Anstatt mehr Sicherheit zu schaffen, hat Netanjahu Israel in eine gefährlichere Lage manövriert: in die internationale Isolation, in die Abhängigkeit von unzuverlässiger US-Unterstützung und gegenüber einem gestärkten und auf Rache sinnenden Gegner.

Fazit:

Die Entwicklung folgt dem klassischen Muster gescheiterter militärischer Abenteuer: Kurzfristige taktische Gewinne münden in langfristige strategische Desaster. Die US-Regierung hat mit ihrem Angriff die eigene Doktrin der Stabilität am Golf ausgehebelt und die globale Energiesicherheit riskiert. Statt Stärke zu demonstrieren, erscheint Washington als unberechenbarer Akteur.

Netanjahus Politik der maximalen Eskalation ignoriert, dass militärische Gewalt allein keine politischen Probleme löst. Die hohen zivilen Opferzahlen und die Zerstörung von Infrastruktur schaffen eine neue Generation von Gegnern, die nichts mehr zu verlieren haben.

Israels existenzielle Abhängigkeit von US-Hilfe macht das Land erpressbar. Sollte die unberechenbare Trump-Administration diese Unterstützung kürzen, stünde Israel vor einer schweren Wirtschafts- und Sicherheitskrise. Die anhaltende Missachtung des Völkerrechts untergräbt zudem die moralische und diplomatische Glaubwürdigkeit des Landes.

Kriege, die primär aus innenpolitischem Kalkül geführt werden, enden selten gut. Netanjahus Iran-Krieg ist kein Ausdruck strategischer Weitsicht, sondern ein kurzsichtiges und gefährliches Spiel mit dem Feuer, das für Israel katastrophal enden könnte.

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