Erdrutsch in Österreich: FPÖ stürmt nach oben, SPÖ verliert Macht

Die Gemeinderatswahl in St. Pölten markiert einen historischen Wendepunkt für die niederösterreichische Landeshauptstadt. Nach über sechs Jahrzehnten muss die SPÖ ihre absolute Mehrheit abgeben und kann die Geschicke der Stadt nicht länger im Alleingang bestimmen.

Zwar behaupten die Sozialdemokraten ihre Position als stärkste Kraft, doch das Ausmaß ihrer Verluste deutet auf einen tiefgreifenden Wandel im Wählerwillen hin. Der klare Profiteur dieser Entwicklung ist die FPÖ, der es gelang, ihren Stimmenanteil mehr als zu verdoppeln.

Historischer Einbruch für die SPÖ

Mit 42,5 Prozent fällt die SPÖ erstmals seit 1965 unter die 50-Prozent-Marke. Gegenüber der letzten Wahl büßte sie etwa 15 Prozentpunkte ein. Damit geht eine Ära zu Ende, die St. Pölten über Generationen hinweg geprägt hat. Die absolute Mehrheit, einst ein politisches Markenzeichen der Stadt, gehört der Vergangenheit an.

Bürgermeister Matthias Stadler versuchte, das Ergebnis positiv zu deuten. Die SPÖ sei erneut stärkste Kraft geblieben und habe mehr Stimmen erhalten als die beiden nachfolgenden Parteien zusammen. Dennoch ist unübersehbar, dass der Machtanspruch der Sozialdemokraten erheblich geschwächt wurde und Koalitionsgespräche nun unausweichlich sind.

FPÖ als Motor des politischen Umbruchs

Den mit Abstand größten Zuwachs verbuchte die FPÖ. Unter der Führung von Spitzenkandidat Martin Antauer erreichten die Freiheitlichen 19,8 Prozent und damit ihr bislang bestes Ergebnis in St. Pölten.

Ihr Stimmenanteil hat sich mehr als verdoppelt. Innerhalb der Partei wird dieses Resultat als klare Abrechnung mit der bisherigen Stadtpolitik gewertet.

Antauer sprach von einem deutlichen Signal gegen die langjährige sozialdemokratische Dominanz und kündigte an, die künftige Entwicklung der Stadt aktiv mitgestalten zu wollen. Zwischenzeitlich lag die FPÖ sogar vor der ÖVP, was die Dynamik und Unberechenbarkeit dieses Wahlabends unterstrich.

ÖVP behauptet Rang zwei, kleinere Parteien legen zu
Die ÖVP erreichte 21,4 Prozent und sicherte sich damit knapp den zweiten Platz. Der Vorsprung zur FPÖ beträgt lediglich ein Mandat. Spitzenkandidat Florian Krumböck sprach von einem politischen Beben, dem sich seine Partei erfolgreich entgegengestellt habe.

Auch die Grünen konnten zulegen. Mit 9,7 Prozent gewinnen sie ein weiteres Mandat hinzu und sind künftig mit vier Sitzen im Gemeinderat vertreten. Gewürdigt wurde vor allem ihre kontinuierliche Arbeit in der Opposition.

Eine Überraschung gelang der KPÖ, die mit 3,8 Prozent erstmals seit vier Jahrzehnten wieder in den Gemeinderat einzieht. Sie überholte damit die NEOS, die mit 2,7 Prozent den Einzug nur knapp schafften und weiterhin über ein Mandat verfügen.

Koalitionsgespräche mit offenem Ende

Die Wahlbeteiligung lag mit 59,1 Prozent nur geringfügig über dem bisherigen Tiefstwert. Politisch beginnt nun jedoch eine entscheidende Phase. Bürgermeister Stadler kündigte Gespräche mit allen demokratischen Parteien an und bekräftigte den Führungsanspruch der SPÖ.

Das Wahlergebnis hat die politische Landschaft jedoch grundlegend verändert. Die Zeit der Alleinregierungen ist vorbei, die Suche nach einer Mehrheit ist eröffnet. Eines steht fest: St. Pölten steht vor einem politischen Neuanfang, dessen konkrete Ausrichtung sich erst in den kommenden Wochen zeigen wird.

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