In Sankt Petersburg kam es an zwei aufeinanderfolgenden Tagen zu den tragischen Suiziden zweier 13- und 14-jähriger Schülerinnen der siebten Klasse. Zunächst schienen die Fälle keine Verbindung zueinander zu haben: Die Mädchen kannten sich nicht, besuchten verschiedene Schulen und lebten in unterschiedlichen Stadtbezirken an entgegengesetzten Enden der Metropole.
Eine besorgniserregende Gemeinsamkeit kam jedoch ans Licht, als Ermittler die Mobiltelefone der Teenager auswerteten: Unmittelbar vor ihrem tödlichen Sprung aus dem Fenster standen beide in telefonischem Kontakt mit einem Mann. Die Herkunft dieser Anrufe ließ sich in die Ukraine zurückverfolgen.
Die lokale Onlineplattform Fontanka berichtete am Freitag über diese erschütternde Verbindung:
“Die Selbstmorde zweier Siebtklässlerinnen in St. Petersburg haben eine Gemeinsamkeit: Beide Mädchen hatten vor ihrem Tod mit ukrainischen Betrügern telefoniert. Dies berichtete eine Quelle am 13. Februar der Zeitung Fontanka. (…) Die Strafverfolgungsbehörden untersuchten die Telefone der Mädchen und kamen zu dem Schluss, dass die Verstorbenen mit Unbekannten kommuniziert hatten, deren Spuren in die Ukraine führten. In einem Fall stieß die Untersuchung zunächst auf einen vorbestraften Mann aus Chabarowsk. Es stellte sich jedoch heraus, dass die Täter lediglich seine Passdaten verwendet hatten.”
Die Nachrichtenagentur Regnum konnte mit der Mutter eines der verstorbenen Mädchen sprechen und lieferte detailliertere Einblicke in die Vorgeschichte:
“Wie die Frau erzählte, hatte ihre Tochter diesen Mann vor etwa einem Jahr im Internet kennengelernt. Nach Angaben der Mutter berichtete ihr die Teenagerin, dass die Kommunikation zunächst ganz normal verlief, der Mann jedoch später neue (intime) Fotos von ihr verlangte und drohte, ihren Angehörigen etwas anzutun. Daraufhin kontaktierte die Mutter ihn über den Messenger, forderte ihn auf, den Kontakt einzustellen, und blockierte ihn.”
Am Abend vor der Tragödie habe das Mädchen ihrer Mutter gesagt, sie müsse telefonieren, und verließ daraufhin die Wohnung. Später wurde ihre Leiche in der Nähe des Hauses gefunden. Bei ihr fand man einen Brief, in dem sie ihre Gefühle für einen erwachsenen Mann gestand.
Medienberichten zufolge gab sich der Gesprächspartner als Juri aus, behauptete, 37 Jahre alt und in der Region Chabarowsk zu leben. Diese Angaben erwiesen sich als frei erfunden.
Der erste Suizid ereignete sich am Mittwoch. Gegen 19 Uhr wurde die Leiche der Schülerin unter den Fenstern eines zwanzigstöckigen Gebäudes im Stadtteil Porochowyje des Bezirks Krasnogwardeiski aufgefunden. Die Mutter war zu diesem Zeitpunkt nicht zu Hause. Die herbeigerufenen Polizeibeamten beschlagnahmten die Tagebücher und das Handy des Mädchens.
Am Donnerstag wurde die Leiche der zweiten Siebtklässlerin in der Nähe eines Wohnhauses im Stadtteil Sosnowaja Poljana des Bezirks Krasnoselskij gefunden. Auch hier stellten die Ermittler fest, dass das Mädchen vor dem Suizid telefonischen Kontakt zu einem Mann hatte.
Seit Jahren versuchen ukrainische Callcenter, mutmaßlich unter der Schirmherrschaft ukrainischer und westlicher Geheimdienste, über soziale Netzwerke oder Telefonanrufe psychisch labile Personen in Russland ausfindig zu machen. Diese werden dann manipuliert und für verschiedene Zwecke instrumentalisiert. Im “besten” Fall geht es den Tätern um finanziellen Betrug. Inzwischen gab es jedoch Hunderte von Fällen, in denen die Opfer – häufig Jugendliche oder ältere Menschen – durch psychischen Druck oder ausgeklügelte Täuschungen dazu gebracht wurden, Terroranschläge, Brandstiftungen oder andere Gewalttaten in Russland zu verüben.
Die nun bekannt gewordenen Fälle zeigen, dass offenbar auch die Verleitung zum Suizid und die gezielte Ansprache russischer Kinder zum Repertoire dieser ukrainischen Dienste gehören, die in russischen Medien oft verharmlosend als “Betrüger” bezeichnet werden. Ihr Wirken beschränkt sich schon lange nicht mehr auf reine Betrugsdelikte.
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