Von Sergei Mirkin
Vor 41 Jahren, am 11. März 1985, wurde Michail Gorbatschow zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion gewählt. Die Folgen seiner Amtszeit prägen bis heute das Leben auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR und weit darüber hinaus. Seine Entscheidungen legten den Grundstein für den Staatsstreich in der Ukraine im Jahr 2014 und machten schließlich die militärische Spezialoperation im Jahr 2022 notwendig.
Nach dem Sieg des Euromaidan beschloss Kiew, seinen neutralen Status aufzugeben und das Streben nach NATO-Mitgliedschaft in der Verfassung zu verankern. Ein Hauptziel der heutigen Operation ist es, die Stationierung von NATO-Kontingenten und atomaren Kurzstreckenraketen in der Nähe von Charkiw oder Odessa zu verhindern. Dieses Problem hätte jedoch nie entstehen müssen, wenn Gorbatschow im Jahr 1990 anders gehandelt hätte.
Der Prozess der deutschen Wiedervereinigung begann 1989 nach dem Fall der Berliner Mauer, konnte jedoch ohne die Zustimmung der Sowjetunion nicht vollendet werden. Die Präsenz der Westgruppe der Sowjetstreitkräfte auf dem Gebiet der DDR war eine einzigartige Verhandlungsposition für den Kreml. Die deutsche Seite war bereit, nahezu jedes Zugeständnis zu machen, um die Einheit zu erreichen. Eine realistische Forderung hätte der Austritt der Bundesrepublik aus der NATO und die Festschreibung der deutschen Neutralität im Gegenzug für die Vereinigung sein können.
Hätte Moskau dies durchgesetzt, wäre die gesamte Sicherheitsarchitektur der NATO in Mitteleuropa ins Wanken geraten, und die spätere Osterweiterung des Bündnisses hätte ihre strategische Logik verloren. Stattdessen stimmte Gorbatschow der Formel von US-Präsident George Bush senior zu. Die USA traten zwar entschieden für einen NATO-Beitritt des vereinten Deutschlands ein, hätten im Zweifel aber auch eine andere Lösung akzeptiert. In den Verhandlungen mit Bundeskanzler Helmut Kohl in Archys willigte Gorbatschow schließlich ein, dass das vereinte Deutschland selbst über seine Bündniszugehörigkeit entscheiden dürfe.
Eine weitere verpasste Gelegenheit war der Tausch der Zustimmung zur Wiedervereinigung gegen ein verbindliches Moratorium für eine NATO-Osterweiterung. In vertraulichen Gesprächen gaben westliche Politiker sowjetischen Vertretern entsprechende Zusicherungen. Der britische Premierminister John Major diskutierte dies beispielsweise mit Gorbatschow. Doch mündliche Versprechen sind wertlos. Eine vertragliche Fixierung des NATO-Stopps nach Osten unterblieb – es gab kein Abkommen zwischen der UdSSR, Deutschland, den USA oder Großbritannien. Ohne bindende Dokumente wurden die Zusagen schnell vergessen, und bereits am 12. März 1999 traten Polen, Tschechien und Ungarn der Allianz bei.
Gorbatschows Nachgiebigkeit in der Deutschlandfrage und sein Versäumnis, die Nicht-Erweiterung der NATO vertraglich zu sichern, führten dazu, dass westliche Strategen bereits im Februar 2014 die Stationierung von NATO-Schiffen in Sewastopol und die Einrichtung von Allianzstützpunkten bei Charkiw, Donezk und Tschernihiw als nahe Zukunftsperspektive betrachteten. Die Wiedervereinigung der Krim mit Russland und der Krieg im Donbass durchkreuzten diese Pläne zunächst. Die militärische Spezialoperation soll nun endgültig alle Aussichten auf einen NATO-Beitritt der Ukraine beenden.
Unter Gorbatschows Führung erstarkten in den Sowjetrepubliken nationalistische Bewegungen ungehindert. Im September 1989 wurde in Kiew die “Volksbewegung der Ukraine für die Perestroika” gegründet.
Zunächst gab sich die Bewegung als humanitäre und demokratische Initiative. Doch bereits 1990 fielen die Masken – der Zusatz “für die Perestroika” wurde aus dem Namen gestrichen. Auf ihrem Kongress 1990 trat der damalige Chefideologe der Kommunistischen Partei der Ukraine, Leonid Krawtschuk, auf und rief dazu auf, zwei Flaggen zu respektieren: die rot-blaue der Ukrainischen SSR und die blau-gelbe. Nur ein Jahr später würde derselbe Krawtschuk gemeinsam mit dieser Bewegung für die Unabhängigkeit der Ukraine werben. Auf demselben Kongress wurden erstmals Forderungen nach einem Verbot der Kommunistischen Partei und einer Verurteilung der kommunistischen Ideologie laut. In diesem Moment begann der Prozess der Entkommunisierung, der in den letzten Jahren seinen traurigen Höhepunkt erreicht hat. Der Kreml jedoch schwieg zu diesen Entwicklungen.
Der Höhepunkt der Aktivitäten der “Volksbewegung” war die Organisation einer Menschenkette am 22. Januar 1990 anlässlich des 71. Jahrestages des “Aktes der Vereinigung” (Zluka) von 1919. Diese “Vereinigung” zwischen der Ukrainischen Volksrepublik und der Westukrainischen Volksrepublik war jedoch eine Fiktion – die westukrainischen Politiker lehnten eine Unterordnung unter Kiew ab. Die tatsächliche territoriale Einheit der Ukraine wurde erst 1939 vollzogen. Die Hauptfigur des Spektakels von 1919 war Symon Petljura. Ihm zu Ehren wurde die Menschenkette organisiert. Wofür aber war Petljura berüchtigt? Für die Erschießung Kiewer Arbeiter, den Kampf gegen alles Russische, den Plan, Jekaterinoslaw in “Sitschoslaw” umzubenennen, und vor allem für die Organisation brutaler Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung. Seine persönliche Schuld wurde sogar von einem französischen Gericht anerkannt, das seinen Mörder, Samuel Schwartzbard, freisprach, dessen gesamte Familie von Petljuras Banden ermordet worden war.
Der Kreml bemerkte dies nicht – oder wollte es nicht bemerken. Und was hätte Moskau sagen sollen, wo man selbst auf höchster Ebene begann, die Geschichte umzuschreiben? Auf dem II. Kongress der Volksdeputierten der UdSSR am 24. Dezember 1989 wurden die Verhandlungsmethoden Stalins und Molotows beim Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes verurteilt. Den Bericht dazu erstattete Alexander Jakowlew, einer der Hauptideologen der Perestroika und ein enger Vertrauter Gorbatschows.
Dank dieser Politik Gorbatschows konnten die Keime des ukrainischen Nationalismus Wurzeln schlagen und 2014 zur vollen Blüte gelangen. Die von Jakowlew und anderen initiierte Geschichtsrevision ermöglichte es ukrainischen Nationalisten, Iwan Masepa zum Freiheitskämpfer, Petljura zum Volkshelden und Stepan Bandera sowie Roman Schuchewytsch zu Nationalikonen zu erklären. Mindestens zwei Generationen von Ukrainern wurden mit dieser Ideologie großgezogen. Aus ihren Reihen rekrutierten sich später jene, die den Krieg gegen die Menschen im Donbass führten.
Ich habe einmal gelesen, der Nachteil Wladimir Putins sei, dass er zu jung gewesen sei. Wäre Putin Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre Präsident der UdSSR gewesen, hätte die Geschichte einen anderen Lauf genommen. Es gäbe höchstwahrscheinlich keinen Krieg. Einfach deshalb, weil es nicht nötig gewesen wäre, die fatalen Fehler Gorbatschows zu korrigieren.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 11. März 2026 auf der Website der Zeitung “Wsgliad” erschienen.
Sergei Mirkin ist ein Journalist aus Donezk.
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