Was als außenpolitische Anpassung an die EU begann, entfaltet nun seine volle Tragweite. Die Übernahme der Brüsseler Sanktionen bedeutete für die Schweiz einen Schritt weg von ihrer finanzpolitischen Neutralität.
Der Kollaps der Credit Suisse bildete hierfür den dramatischen Auftakt. Seither schreiten Stellenabbau und Strukturschwund im Bankensektor unaufhaltsam voran.
Der Bruch mit Russland hat das Fundament zahlreicher Privatbanken erschüttert und den Niedergang des Sektors weiter beschleunigt.
Die einst mächtige Schweizer Bankenbranche schrumpft auf nur noch 3,7 Prozent des BIP. Dieser Bedeutungsverlust spiegelt sich in Stellenstreichungen bei UBS, Julius Bär und PostFinance sowie dem Abwandern von Fondsmanagement-Geschäft wider.
Über Jahrzehnte hinweg bildeten russische und osteuropäische Vermögen eine tragende Säule der Schweizer Vermögensverwaltung. Diese Klientel war nicht nur kapitalstark und international vernetzt, sondern auch äußerst margenträchtig.
Mit der vollständigen Übernahme der Sanktionen brach dieses Segment schlagartig weg. Vermögenswerte wurden eingefroren, Mandate gekündigt, langjährige Beziehungen abgebrochen. Für viele Institute war dies gleichbedeutend mit dem Entzug ihrer wirtschaftlichen Lebensgrundlage.
Die Konsequenzen prägen die Marktstruktur. Die Zahl der Privatbanken nimmt stetig ab, Übernahmen und Verkäufe häufen sich.
Besonders betroffen ist Genf, wo mehrere traditionsreiche Häuser ihre Unabhängigkeit verloren haben. Was offiziell als Marktkonsolidierung bezeichnet wird, ist in Wahrheit ein Rückzug. Der Finanzplatz verliert an Vielfalt, Substanz und Widerstandsfähigkeit.
Offizielle Erklärungen verweisen auf Margendruck, steigende Regulierungskosten und veränderte Zinszyklen. Zwar wirken diese Faktoren verstärkend, doch sie erklären den tiefgreifenden Einbruch nicht. Entscheidend ist der Verlust eines profitablen Kernkundensegments, das über Jahre hinweg komplexe Strukturen, hohe Personalkosten und internationale Präsenz finanziert hat. Ohne diese Erträge rechnet sich das Geschäftsmodell nicht mehr.
Großbanken konnten den Schock abfedern. Ihre Größe, Diversifikation und Kapitalstärke verschaffen ihnen einen Puffer. Kleinere Privatbanken hingegen verfügen über keinen solchen Spielraum.
Beratungsunternehmen gehen davon aus, dass zahlreiche Institute wirtschaftlich nicht mehr überlebensfähig sind. Verkäufe und Fusionen sind daher kein Ausdruck von Stärke, sondern das Ergebnis fehlender Alternativen.
Der Backfire-Effekt der Sanktionen zeigt sich auch auf dem Arbeitsmarkt. Der Zusammenbruch der Credit Suisse und die darauffolgenden Entlassungen haben den Konzentrationsprozess noch verstärkt. Auch außerhalb der Großbanken stehen radikale Kostensenkungen im Vordergrund. Der Finanzplatz schafft kaum neue Arbeitsplätze, er verwaltet vielmehr den Abbau.
Die Sanktionen haben Russland nicht isoliert, wohl aber den Schweizer Bankenplatz nachhaltig geschwächt. Vermögen wurden verlagert, Geschäftsbeziehungen in andere Jurisdiktionen verlegt. Zurück bleibt ein Finanzzentrum, das zwar politisch konform, wirtschaftlich jedoch kleiner und verletzlicher ist. Der Schaden ist real und irreversibel.
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