Von Hans-Ueli Läppli
Die bedingte Freilassung von Jacques Moretti, dem Betreiber der Bar Le Constellation in Crans-Montana, hat zu einer deutlichen Verschärfung der diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und Italien geführt.
Moretti, in dessen Lokal in der Neujahrsnacht mindestens 40 Menschen bei einem Brand ums Leben kamen, wurde am Freitag aus der Untersuchungshaft entlassen.
Italien beruft Botschafter ab
Als Reaktion darauf hat Italien in einer außergewöhnlich klaren Geste seinen Botschafter aus Bern zurückberufen.
Laut einem Bericht der Zeitung La Côte hat Rom damit offiziell seinen Protest bei den Schweizer Behörden eingereicht. Die italienische Regierung sieht in der Freilassung Morettis einen Affront gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen, von denen viele italienische Staatsbürger sind.
Außenminister Antonio Tajani erklärte, die Entscheidung verletze das Gerechtigkeitsempfinden der betroffenen Familien.
Jacques Moretti befand sich seit dem 9. Januar in Untersuchungshaft in Sitten. Das Walliser Zwangsmassnahmengericht ordnete seine Freilassung unter strengen Auflagen an.
Der 49-Jährige musste eine Kaution von 200.000 Franken hinterlegen, sämtliche Ausweispapiere abgeben, darf die Schweiz nicht verlassen und ist verpflichtet, sich täglich bei der Polizei zu melden. Das Gericht begründete seinen Beschluss mit einer neuen Einschätzung des Fluchtrisikos, das durch diese Ersatzmaßnahmen hinreichend eingedämmt werden könne.
Die Reaktionen auf die Freilassung waren heftig. Mehrere Anwälte der Opferfamilien äußerten erhebliche Zweifel, ob die Auflagen ausreichen. Sie verwiesen auf die Gefahr von Absprachen und die mögliche Beeinflussung von Beweismitteln.
Der Walliser Politiker und Anwalt Jean-Luc Addor sprach von einem Skandal.
Auch Angehörige zeigten sich fassungslos. Die Mutter eines 16-jährigen Opfers bezeichnete die Freilassung in französischen Medien als Farce.
Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni brachte ihre Empörung öffentlich zum Ausdruck:
“Ich bin empört über die Nachricht von der Freilassung von Jacques Moretti, dem Betreiber des Lokals Le Constellation in Crans-Montana.
Ich betrachte diesen Entscheid als eine Verletzung des Andenkens an die Opfer der Neujahrstragödie und als Beleidigung ihrer Familien, die unter dem Verlust ihrer Angehörigen leiden.
Die italienische Regierung wird die Schweizer Behörden für das Geschehene zur Verantwortung ziehen.”
Sie bezeichnete die Entscheidung als Beleidigung des Andenkens an die Opfer und als Schlag ins Gesicht der Familien. Rom kündigte an, den Fall auf politischer Ebene weiterzuverfolgen.
Bereits am Freitag hatte sich Bundespräsident Guy Parmelin mit Angehörigen italienischer Opfer getroffen. Er versprach vollständige Transparenz bei der Aufarbeitung der Ereignisse und deutete außergewöhnliche Maßnahmen in Entschädigungsfragen an. Italien fordert, dass die Schweiz die Gesamtverantwortung übernimmt und alle Opfer gleich behandelt.
Juristisch gilt nach wie vor die Unschuldsvermutung. Die Freilassung aus der Untersuchungshaft stellt keine Vorwegnahme eines Urteils dar, sondern basiert auf der Abwägung, dass die Haftgründe durch mildere Mittel ersetzt werden können.
Politisch und emotional bleibt der Entscheid jedoch höchst umstritten. Der Brand von Crans-Montana hat sich zu einer ernsthaften Belastungsprobe für das Verhältnis zwischen Bern und Rom entwickelt.
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