Die schrittweise Veröffentlichung der sogenannten Epstein-Files zieht immer weitere Kreise und lenkt den Blick zunehmend auf den Finanzplatz Schweiz. Während anfangs vor allem politische und gesellschaftliche Netzwerke im Fokus standen, rücken nun Schweizer Finanzinstitute in den Mittelpunkt der Debatte. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Großbank UBS.
Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters hat die UBS im Jahr 2014 mehrere Konten für Ghislaine Maxwell eröffnet. Maxwell wurde 2021 schuldig gesprochen, systematisch minderjährige Mädchen für den Sexualstraftäter Jeffrey Epstein angeworben zu haben. Während andere internationale Banken sie bereits Jahre zuvor als Hochrisikokundin eingestuft hatten, unterließ die UBS eine solche Einstufung.
Reuters zufolge verwaltete die UBS für Maxwell bis mindestens 2019 Vermögenswerte in Höhe von bis zu 19 Millionen US-Dollar. Besonders brisant ist der Zeitpunkt der Kontoeröffnungen: Epstein war zu diesem Zeitpunkt bereits wegen Anstiftung zur Prostitution Minderjähriger verurteilt. Maxwell selbst war zwar juristisch nicht vorbestraft, bewegte sich jedoch seit Jahren im engsten Umfeld Epsteins.
Aus rechtlicher Sicht lasse sich der UBS nach aktuellem Stand kaum ein Vorwurf machen, erklärt ein Experte der Schweizer Bankenbranche. Banken seien keine moralischen Instanzen; entscheidend sei allein, ob Gelder aus kriminellen Quellen stammten. Zum damaligen Zeitpunkt sei Maxwell nicht offiziell in ein Strafverfahren verwickelt gewesen.
Dennoch stellt sich die Frage, warum andere Institute deutlich zurückhaltender agierten. Die US-Bank J.P. Morgan hatte Maxwell bereits 2011 als Hochrisikokundin eingestuft. Dass zwei international tätige Großbanken mit vergleichbaren Compliance-Standards zu derart unterschiedlichen Risikobewertungen kamen, sei erklärungsbedürftig, so der Experte. Früher oder später werde sich die UBS dazu äußern müssen.
Die UBS hält sich bislang bedeckt. Sie ist jedoch nicht das einzige Schweizer Institut, das in den Dokumenten auftaucht. Auch die Genfer Bankengruppe Edmond de Rothschild sieht sich mit Fragen konfrontiert. Deren Chefin Ariane de Rothschild soll über Jahre hinweg Kontakt zu Epstein gepflegt und sich von ihm beraten lassen haben. Die Bank betont, es habe keine Rechtsverletzungen gegeben und man habe keine Kenntnis von Epsteins kriminellen Aktivitäten gehabt.
Unter Druck geriet zudem das Weltwirtschaftsforum (WEF) in Genf. Die veröffentlichten Dokumente belegen wiederholte Kontakte zwischen WEF-CEO Børge Brende und Epstein, darunter E-Mails und SMS. Brende erklärte, er habe den damaligen WEF-Vorsitzenden Klaus Schwab im Jahr 2019 darüber informiert. Schwab bestreitet dies. Das WEF hat eine externe Untersuchung eingeleitet.
Weiter berichtete die NZZ über eine ehemalige Zürcher Bankangestellte, die engen Kontakt zu Epstein pflegte, ihm junge Frauen vorstellte und offenbar finanzielle Zuwendungen von ihm erhielt.
Ob sich aus diesen Einzelfällen ein umfassender Skandal entwickelt, bleibt abzuwarten. Der Reputationsschaden für den Schweizer Finanzplatz ist jedoch bereits jetzt erheblich. Die wiederholten Verbindungen einzelner Institute zu Personen aus dem Epstein-Umfeld verstärken den Eindruck struktureller Defizite bei der Sorgfaltspflicht und Risikobewertung. Das Vertrauen in die Selbstregulierung der Branche hat spürbar gelitten.
Wie schwerwiegend die langfristigen Folgen sein werden, hängt maßgeblich davon ab, welche weiteren Enthüllungen die mehr als drei Millionen Dokumente aus dem Epstein-Komplex noch bereithalten. Die bisherigen Veröffentlichungen deuten darauf hin, dass die Netzwerke enger und die Verflechtungen weitreichender sind, als lange angenommen wurde.
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