Von Hans-Ueli Läppli
Eric Gujers jüngster Kommentar in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) ist, wie so oft bei ihm, intellektuelles Vergnügen pur. Man kann seiner Analyse widersprechen, doch ihre gedankliche Schärfe bleibt unbestritten. Wer behauptet, großer Journalismus sei hierzulande eine aussterbende Spezies, hat diesen Beitrag nicht gelesen.
Eine aufrüttelnde Illustration begleitet den Text: Auf rotem Grund posieren Wladimir Putin und Donald Trump in monumentaler Größe, umringt von den europäischen Staats- und Regierungschefs, die als kleine Figuren um sie herum angeordnet sind. Dieses Bild macht bereits in den sozialen Medien die Runde.
Der Titel des Artikels lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig:
“Trump, Putin und die vielen Zwerge: Warum Europa nicht erwachsen wird”
Eine Diagnose kann man kaum pointierter formulieren.
Gujers Kernthese ist unbequem. Europa sei kein gleichberechtigter Partner der USA und werde es auf absehbare Zeit auch nicht werden. Das grundlegende Problem liege weniger in fehlenden Panzern als in mangelnder strategischer Klarheit und politischer Geschlossenheit. Nirgends zeige sich das deutlicher als im Ukraine-Krieg, der zur Bewährungsprobe für den ganzen Kontinent geworden ist.
Besonders treffend ist eine Beobachtung: Das Hauptproblem seien nicht etwa blockierende Einzelstaaten wie Ungarn unter Viktor Orbán, sondern jene Länder, die sich rhetorisch stark engagieren, in der Praxis aber zurückhaltend bleiben.
Frankreich, Italien und Spanien geben sich als entschlossene Europäer, tragen jedoch deutlich weniger zur ukrainischen Verteidigung bei als die nördlichen Staaten. Während Deutschland, Großbritannien, Schweden und Norwegen ihre Unterstützung ausbauen, fallen Paris, Rom und Madrid im Vergleich zurück.
Brisant ist Gujers Hinweis, dass sich Frankreich und Italien nicht am NATO-Programm zum Kauf amerikanischer Waffen für Kiew beteiligen. Rom verweist auf leere Kassen, Paris beruft sich auf eine eigenständige europäische Beschaffungslinie. Was nach Souveränität klingt, wirkt in der akuten Lage jedoch wie industriepolitisches Kalkül.
Der Autor zieht eine weitere, provokante Parallele: zu Donald Trump. Der ehemalige US-Präsident argumentiere nüchtern, der Krieg liege geografisch fern und betreffe die USA nicht unmittelbar. Eine ähnliche Logik finde man im Mittelmeerraum. Wer näher an Russland liege, reagiere entschlossener. Wer Distanz verspüre, wäge ab und zögere.
Vor diesem Hintergrund wirke die demonstrative Entrüstung über Washingtons Zögern etwas wohlfeil. Wer selbst zaudere, solle mit moralischen Lektionen vorsichtig sein. Das ist die stille, aber klare Botschaft.
Daraus ergibt sich eine zentrale Frage: Was bedeutet dies alles für Europas Zukunft? Der Ukraine-Konflikt markiert einen tiefen Einschnitt in die europäische Sicherheitsarchitektur. Sollte sich der Kreml am Ende durchsetzen, geriete das Kräfteverhältnis auf dem Kontinent dauerhaft ins Wanken. Ein gestärktes Russland bei gleichzeitiger Zurückhaltung der USA würde Europas strategische Lage fundamental verändern.
Doch anstatt mit einer Stimme zu sprechen, präsentiere sich die EU als eine Zweckgemeinschaft nationaler Interessen, so Gujer. Jeder Mitgliedstaat wäge eigene Prioritäten ab. Gemeinsame Strategien blieben allzu oft Papier. Letztlich entscheide der finanzielle Beitrag. Und genau dort zeige sich, wie brüchig die vielbeschworene Solidarität in Wahrheit sei.
Deutschland bemühe sich zwar um Führung und wirke entschlossener als vor Jahren, bleibe aber innenpolitisch verletzlich. Großbritannien unterstütze die Ukraine konsequent, stehe nach dem Brexit jedoch außerhalb der institutionellen Entscheidungszentren Europas.
Putin richte seinen strategischen Blick unmissverständlich auf Washington, stellt Gujer fest. Trump begegne Europa abwechselnd herablassend oder gönnerhaft. Beiden Haltungen liege das gleiche Prinzip zugrunde: Macht respektiere nur Macht. Der Satz “Power is power” fasse diese Realität schärfer als viele wohlklingende Erklärungen aus Brüssel.
Solange Europa keine kohärente Gesamtstrategie entwickle, bleibe es wirtschaftlich stark, aber politisch zersplittert. Eine gemeinsame nukleare Abschreckung sei kaum vorstellbar: Frankreich werde seine atomare Souveränität nicht teilen, Großbritannien halte am transatlantischen Schulterschluss fest. Deutschland rüste zwar auf, überwinde damit aber nicht die strukturelle Uneinigkeit.
Sogar die Aufnahme der Ukraine in die EU, der deutlichste Solidaritätsbeweis, stoße auf Widerstände. Fördermittel, Machtverschiebungen, institutionelle Folgen – am Ende denke jeder zuerst an sich selbst.
Für die Schweiz liegt darin eine gewisse Ironie. Das hierzulande oft kritisierte “Rosinenpicken” sei kein exklusiv helvetisches Phänomen, sondern Teil der europäischen Realität. Der Kontinent predige Einheit, aber betreibe Interessenpolitik.
Die NZZ hat mit ihrer Illustration einen Nerv getroffen. Ob man die Bildsprache für zu drastisch hält oder nicht, die Grundfrage bleibt bestehen: Will Europa die Weltgestaltung aktiv mitbestimmen oder sich auf die Rolle des Kommentators beschränken? Solange darauf keine überzeugende Antwort folgt, bleibt der Kontinent im globalen Machtgefüge eher Zuschauer als Gestalter.
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