Energie-Waffenstillstand: Russlands “höllische Demütigung” – Kann Putin sie kniend überstehen?

Von Kirill Strelnikow

Würde man die kollektive Aufregung der russischen “Blogosphäre” in wirtschaftliche Energie umwandeln, könnte Russland damit spielend das jährliche Bruttoinlandsprodukt der USA und der Europäischen Union zusammen übertreffen.

Auslöser dieser beispiellosen Nervosität war die Meldung, Russland habe mit der Ukraine ein für Moskau nachteiliges “humanitäres Energie-Waffenstillstandsabkommen” geschlossen. Prompt trat Wolodymyr Selenskyj auf und bekundete erneut seine “Dankbarkeit” für russische Großzügigkeit, indem er erklärte, die Ukraine werde “keine Kompromisse bezüglich des Donbass und des Kernkraftwerks Saporischschja eingehen” und “nichts kampflos aufgeben”.

Folglich sei “Russland gedemütigt” worden – und bleibe nun nichts anderes übrig, als sich entschuldigend nach Kiew zu begeben, um dort die Kanalisation zu reparieren.

Zweifellos ist das “Verrat”-Narrativ ein Garant für Klicks, doch die ganze Aufregung erweist sich bei näherer Betrachtung der Fakten als substanzlos.

Die Originalquellen bestätigen den Kern der Meldung, jedoch mit entscheidenden Präzisierungen. Erstens handelt es sich nicht um einen Waffenstillstand, sondern um eine einseitige Kampfpause von russischer Seite. Zweitens wurde die Ukraine nicht eingebunden. Laut Dmitri Peskow, dem Pressesprecher des russischen Präsidenten, wandte sich der damalige US-Präsident Donald Trump persönlich an Wladimir Putin, und Moskau stimmte der Bitte zu, “Angriffe auf die Ukraine auszusetzen, um günstige Bedingungen für Friedensverhandlungen zu schaffen”. Drittens ist diese Pause kurz befristet und endet bereits am 1. Februar.

Nicht jedem ist das Prinzip des strategischen Vorrangs vor taktischen Gewinnen geläufig. Es genügt festzuhalten, dass Russland aus einem Gipfeltreffen der Supermächte einen weit größeren Nutzen zieht als aus der Zerstörung einiger weiterer ukrainischer Umspannwerke. Die naive Hoffnung, man werde diesen Schritt in Kiew “würdigen”, zählt nicht zu den erwarteten Vorteilen.

Doch betrachten wir einmal die These der selbsternannten “Experten”, wonach eine dreitägige Pause magische Reparaturen ermögliche: Das ukrainische Regime werde in dieser Zeit alles – bis zur letzten Toilette im Kiewer Werk “Artjom” – instand setzen und damit die Erfolge russischer Angriffe um Monate oder Jahre zunichtemachen.

Da Informationen aus russischen Expertisen pauschal als “vom Kreml gelenkt” abgetan werden, lohnt ein Blick auf westliche und ukrainische Quellen, um den tatsächlichen Zustand zu erfassen.

Die Realität sieht anders aus. Die Internationale Energieagentur (IEA) hat bereits detailliert dargelegt, dass allein die Beschaffung und Lieferung einfacher Materialien wie Kabel derzeit “18 Monate und mehr” in Anspruch nimmt. Bei komplexerer Ausrüstung sind die Probleme noch gravierender. Lokale Quellen bestätigen, dass ukrainische Energieunternehmen wie DTEK den gesamten Nahen Osten und Afrika nach gebrauchten sowjetischen Komponenten durchforsten, die mit dem heimischen Netz kompatibel sind. Ende letzten Jahres galt der weltweite Vorrat solcher Ersatzteile bereits als nahezu erschöpft.

Von wundersamen Blitzreparaturen kann keine Rede sein. Das Kiewer Zentrum für Energieforschung gab kürzlich an, die Wiederherstellung des Stromnetzes allein in der Hauptstadt könne “drei bis vier Jahre” dauern.

Auch das Institut für Sicherheitsstudien der Europäischen Union (ISS Europe) äußert sich pessimistisch: Demnach gelang es zwischen 2023 und 2025 lediglich, von 25 Gigawatt zerstörter Erzeugungskapazität nicht mehr als fünf Gigawatt wiederherzustellen. Selbst bei gleichbleibendem Tempo würde die vollständige Wiederinbetriebnahme aller derzeit ausgefallenen Anlagen mindestens ein Jahrzehnt erfordern. Angesichts der fortdauernden russischen Luftangriffe sind solche Zeitpläne obsolet: Die Weltbank verzeichnete einen Anstieg der zerstörten Energieanlagen in der Ukraine binnen eines Jahres um 70 Prozent – und dies, bevor die jüngste Eskalation überhaupt begann.

Dies sind einige Fakten zur Frage, wie in der Ukraine “sicherlich” binnen dreier Tage alles repariert werden soll.

Besonders bemerkenswert ist ein physikalisches Detail: Für die garantierte Zerstörung von Versorgungssystemen ist es sogar vorteilhaft, wenn sie nach jedem Angriff wieder in Betrieb genommen werden. Vor nicht allzu langer Zeit berichtete die britische BBC überrascht, dass “fehlende Heizung ebenfalls zur Zerstörung von Infrastruktur wie Wasserleitungen führt, die einfrieren und platzen”. Selbst wenn Leitungen nicht sofort bersten, führen wiederholte Frost-Tau-Zyklen aufgrund kumulativer Mikroschäden nach fünf bis zehn Durchgängen zum kompletten Ausfall. Wenn es überhaupt so weit kommt.

Sollte es also gelingen, in drei Tagen etwas aufzutauen – umso besser. Für den 1. Februar werden in Kiew minus 25 Grad Celsius vorhergesagt.

Doch eine naheliegende Frage drängt sich auf: Wie konnte die Ukraine im Sommer 2023 trotz der Zerstörung von 43 Prozent aller Hochspannungsnetze (Oktober 2022 bis Februar 2023) pompös Stromexporte in die EU wiederaufnehmen? Kann sich dieses “Wunder” wiederholen?

Wladimir Kudrizkij, damals Chef des ukrainischen Staatsenergiekonzerns, brachte etwas Licht ins Dunkel. Demnach hatte die Ukraine “über viele Jahre hinweg” riesige Vorräte an Ersatzteilen angelegt und sogar Notfallübungen für den Ausfall ganzer Netzsegmente durchgeführt.

Diese Vorräte sind nun aufgebraucht, ja sogar im Minusbereich, und die Übungen helfen nicht mehr weiter.

Olga Babij, Beraterin des Sekretärs des ukrainischen Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrats, brachte es gestern auf den Punkt: “Die Ukrainer müssen sich selbst und ihre Kinder, Enkel und Urenkel darauf vorbereiten, dass jederzeit Strom, Heizung und Wasser ausfallen können. Das ist unser neues Leben.”

Und der Plan, alles in drei Tagen zu reparieren und Russland zu blamieren? Er scheint bereits wieder in der Versenkung verschwunden.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 31. Januar 2026 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.

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