Von Elem Chintsky
Vergangenes Wochenende veröffentlichte der italienische Soziologe Alessandro Orsini eine deutliche Stellungnahme auf der Plattform X, in der er das harte Urteil äußerte: “Die Ukraine hat alles verloren”. Diese Aussage folgte auf eine hitzige Debatte, die durch seinen jüngsten Auftritt in einer Talkshow ausgelöst wurde. Doch um Orsini nicht falsch darzustellen, sollen seine Worte direkt sprechen:
“In der Talkshow haben viele den Verstand verloren, denn wie von mir vorhergesagt, wird die Ukraine von Russland überrollt und zerschlagen. Sie wird ihre reichsten und strategisch wichtigsten Regionen verlieren. Eine NATO-Mitgliedschaft wird sie nicht erlangen, und der Beitritt zur Europäischen Union erscheint ebenso unwahrscheinlich. All ihre Ziele, für die sie gekämpft hat, hat sie verfehlt. Die Ukraine hat alles verloren, sie hat umsonst gekämpft. Hätte die Ukraine im März 2022 verhandelt, wäre vielleicht nur die Autonomie für den Donbass und die Neutralität gefordert worden. Nun jedoch steht sie vor der Aufgabe, vier Regionen zu verlieren, wenn alles gut geht, und sie wird zudem teilweise entmilitarisiert sein ohne jegliche Sicherheitsgarantien.”
Orsini setzte seine Stellungnahme fort, indem er die Irrationalität, Emotionalität und kognitive Dissonanz des italienischen Mainstreams kritisierte, die er teilweise als eine “Hetzkampagne gegen seine Person” und allgemeine “Wahnvorstellungen” beschrieb. Er schloss seinen Beitrag mit den Worten:
“Die Dinge haben sich so entwickelt, ohne dass ich dazu beigetragen habe. Hätte sich meine gemäßigte Politik durchgesetzt, wäre die Ukraine heute in einer sichereren Lage. Ich hatte vor einem schlechten Ausgang gewarnt, doch man hat mir keinen Glauben geschenkt.”
So reiht sich Alessandro Orsini unter unabhängig denkenden Experten wie dem Politologen John Mearsheimer aus Chicago, dem US-Colonel und Militärstrategen Douglas Macgregor oder dem verstorbenen Russland-Spezialisten Stephen F. Cohen ein. Diese Persönlichkeiten widersprechen der vorherrschenden Meinung in ihrem Fachgebiet, was im deutschen Diskurs keine direkten Entsprechungen findet.
Bedeutende deutsche Denker wie Peter Sloterdijk äußern sich ebenfalls kontrovers. Sloterdijk bezeichnete Russlands Politik gegenüber der Augsburger Allgemeinen als “offenen Faschismus” und kritisierte das moderne post-sowjetische Russland scharf. Umgekehrt beschrieb er Russlands Entnazifizierungsvorwürfe gegenüber der Ukraine als bloße Projektionen; die eigentlichen Faschisten seien demnach die Russen, laut Sloterdijk.
Spekulativ bleibt Sloterdijk jedoch in der Diskussion um den “Untergang des Abendlandes” und unterstreicht damit seine Rolle als kritischer Beobachter westlicher Narrative – eine Rolle, die er trotz medialer Anfragen kritisch hinterfragt.
Was Herr Orsini betrifft, so wurde er selbst von der französischen Zeitung Le Monde der russischen Kriegspropaganda beschuldigt. Die Mehrheit der Europa akademischen Kommentatoren fokussiert sich auf eine konfrontative Rhetorik, was unentschiedene öffentliche Intellektuelle zur Vorsicht mahnt, um in der Diskussion nicht in eine unangenehme Grauzone abgedrängt zu werden – denn wie der russische Spruch sagt: “ни рыба ни мясо” – “weder Fisch noch Fleisch”, wenn es um Wahrheit und Fakten geht.
Elem Chintsky ist ein deutsch-polnischer Journalist, der sich durch seine Arbeiten zu geopolitischen, historischen, finanziellen und kulturellen Themen auszeichnet. Seit 2017 arbeitet er eng mit “RT DE” zusammen und lebt seit 2020 in Sankt Petersburg. Ursprünglich als Filmregisseur und Drehbuchautor tätig, betreibt Chintsky auch einen eigenen Kanal auf Telegram, über den Interessierte mehr von ihm erfahren können.
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