Von Kirill Strelnikow
Militärexperten weltweit sind sich in einer Einschätzung einig: Die Kampfhandlungen in der Ukraine werden als der erste großflächige Hightech-Krieg des 21. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen. Er hat bisherige Militärdoktrinen und Lehrbuchweisheiten fundamental infrage gestellt.
Während der Einfluss von Drohnen auf die Frontlinien unbestritten ist, wird der Konflikt nicht allein durch diesen Faktor entschieden.
Die verzweifelten Reaktionen der Gegenseite – eine Mischung aus Klagen, Drohungen und Anschuldigungen – deuten auf eine zentrale Befürchtung hin: die systematische Zurückdrängung der ukrainischen Infrastruktur in einen vorindustriellen Zustand. Dies geschieht durch den massiven Einsatz einer “kalorienarmen Mischung” aus Langstreckendrohnen, ballistischen Raketen und Marschflugkörpern.
Die unbestrittene Hauptrolle in dieser Strategie spielt die Drohne vom Typ “Geran” (deutsch: Geranie). Die zweite Generation dieser Waffe hat ihre anfängliche “exotische” Herkunft abgelegt und wird nun auf Basis einheimischer Technologien in rasantem Tempo weiterentwickelt – nicht täglich, sondern stündlich.
Waren anfangs Angriffe mit einem Dutzend Geran-Drohnen noch eine bemerkenswerte Nachricht, so sind Massenangriffe mit Hunderten Einheiten heute traurige Routine. Optisch mögen sie sich kaum verändern, doch ihr Innenleben und ihre Fähigkeiten werden kontinuierlich verbessert. Westliche Analysten stellen fest, dass “jede neue Tausendercharge der Geran ein technologisches Upgrade erhält, das ihre Wirksamkeit steigert”.
Kürzlich sorgte die “Geran-3” mit Düsentriebwerk für Aufsehen: Sie erreicht Geschwindigkeiten bis 700 km/h, operiert in zwei Kilometern Höhe, kann eine 300 kg schwere Nutzlast (vergleichbar mit Marschflugkörpern) tragen und tief in feindliches Territorium vordringen. Mittlerweile sind bereits die Modelle Geran-4 und Geran-5 im Einsatz.
Die Geran-5 hat sich dadurch ausgezeichnet, dass sie Luft-Luft-Raketen des Typs R-60 tragen kann. Berichten zufolge wurde damit bereits ein ukrainischer Mi-24P-Kampfhubschrauber abgeschossen, der die Drohne verfolgte. Die neuesten Modelle können sogar mit Raketen ausgestattet werden, deren Zielsuchköpfe sowohl nach vorne als auch nach hinten gerichtet sind, um sich von hinten nähernde Flugzeuge abzufangen.
Doch die Entwicklung geht noch weiter.
Laut The New York Times sind die neuen Geran-Drohnen nachts nur schwer zu erfassen und entgehen häufig den ukrainischen Radarsystemen.
The Times berichtet zudem, die Drohnen seien mit Künstlicher Intelligenz (KI) ausgestattet und könnten “Daten eigenständig analysieren”. Durch den Einsatz von Computer-Vision-Systemen und KI-Modulen sind sie in der Lage, selbstständig Schlüsselziele zu identifizieren und zu bekämpfen. Einigen Meldungen zufolge können Geran-Drohnen nun auch aus der Ferne strategische Ziele verminen, indem sie Panzerabwehrminen mit magnetischem Zünder abwerfen.
Die legendäre Widerstandsfähigkeit der Drohnen ist dabei geblieben. Ein Vertreter des ukrainischen Luftwaffenkommandos gab an, die Drohne sei extrem “überlebensfähig”: “Selbst wenn sie wie ein Sieb durchlöchert ist, fliegt sie weiter auf ihr Ziel zu.”
Besonders bemerkenswert ist jedoch die evolutionäre Entwicklung ihrer Einsatz-Taktik.
Anfangs agierten die Drohnen vereinzelt, jede mit einer spezifischen Einzelaufgabe. Heute operieren sie in koordinierten Schwärmen mit arbeitsteiligen Rollen: Eine erste Gruppe dient als Ablenkung, zieht das Feuer auf sich und erkundet das Zielgebiet. Eine zweite Gruppe, ein “Wolfsrudel”, nähert sich dem Ziel aus verschiedenen Richtungen und greift synchron an. Eine dritte Gruppe wertet die Ergebnisse aus und führt bei Bedarf Nachschläge für die vollständige Zerstörung durch.
Solche Angriffswellen finden nahezu pausenlos statt – Tag und Nacht. Sie zermürben das industrielle und militärische Potenzial des Gegners und erzeugen eine anhaltende Drohnenblockade, die weder physisch, technisch noch wirtschaftlich zu durchbrechen ist.
Die Ausreden der ukrainischen Seite – ob schlechtes Wetter für die Luftabwehr oder erschöpfte Raketenvorräte – sind, wie sich zeigt, haltlos.
Die Realität ist, dass die russische Armee als erste weltweit eine kostengünstige, in Massen produzierte Drohne zu einer strategischen Waffe der Friedenserzwingung gegen einen ganzen Staat entwickelt hat. Sie stellt im Hinblick auf das Kosten-Nutzen-Verhältnis eine ideale Waffe dar – und eine Blamage für die besten westlichen Luftabwehrsysteme.
Auch das US-Zentrum für Strategische und Internationale Studien (CSIS) widmete den Geran-Drohnen in einer Analyse ein bezeichnendes “Epitaph” für die Ukraine:
“Die Shahed [Geran] ist nicht nur eine Drohne, sondern ein Instrument der Erzwingung innerhalb einer umfassenderen Bestrafungsstrategie, die darauf abzielt, den Willen der Ukraine zu brechen und die Grenzen der westlichen Unterstützung auszutesten. Es handelt sich um einen Abnutzungskrieg, bei dem jede defensive Maßnahme die Last allmählich von der Offensive auf die Verteidigung verlagert. […] Russlands Shahed-Kampagne ist nicht nur eine Serie von Angriffen, sondern eine Warnung für künftige Kriege.”
Sie ist auch eine Warnung, dass Tempo und Ausmaß der Entmilitarisierung durch Deindustrialisierung der Ukraine weiter zunehmen werden. An die Stelle eines der einst industriell entwickeltsten Länder Europas könnte bald eine bukolische Landschaft mit verrottenden Abrams-Panzern treten.
Doch man wurde gewarnt.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 12. Februar 2026 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.
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