Von Dmitri Bawyrin
Eine weitere Gesprächsrunde zur Beilegung des Ukraine-Konflikts ist zu Ende. Eine weitere wurde angekündigt, noch ohne konkreten Termin oder Ort. Die Vertreter aller drei beteiligten Parteien – Russlands, der Ukraine und der USA – zeigen sich öffentlich erneut äußerst wortkarg und geben sich keine Hoffnung auf einen Durchbruch. Einig sind sich Moskau und Kiew nur in einem Punkt: Sie kommen miteinander nicht voran.
Wladimir Medinski, der Leiter der russischen Delegation und ein Berater von Präsident Putin, bezeichnete das Treffen als “kompliziert, aber sachbezogen”. Sein ukrainisches Pendant, der Leiter des Präsidialamtes und ehemalige Chef des Militärgeheimdienstes, Kirill Budanow, nannte es “nicht einfach, aber wichtig”. Ob es für die ukrainische Seite tatsächlich so wichtig war, muss diese erst noch beweisen. Denn Budanows Vorgesetzter, Wladimir Selenskij, demonstriert eine gegenteilige Haltung: Mitten in den Verhandlungen bekräftigte er erneut, das Volk der Ukraine würde ihn weder verstehen noch verzeihen, falls die Streitkräfte den Donbass kampflos aufgäben – daher werde dies niemals geschehen.
Folglich wird es auch keinen Friedensvertrag geben. Solange die ukrainische Besatzung eines Teils des russischen Donbass andauert, werden künftige Friedensgespräche nur weiter um den heißen Brei reden – ihr eigentliches Ziel werden sie nicht erreichen. Die russische Armee wird ihr Ziel hingegen erreichen, früher oder später. Das Ende des militärischen Konflikts wird daher eher mit militärischen als mit diplomatischen Durchbrüchen verknüpft sein. Zumindest solange das gegenwärtige Regime in Kiew an der Macht bleibt.
Doch viele Beobachter meinen, dieses Regime sei nicht mehr geeint. Selbst das ukrainische Verhandlungsteam sei, laut einem Bericht der britischen Zeitung *The Economist*, gespalten. Demnach sei Budanow der inoffizielle Anführer jener Fraktion, die ein Abkommen um den Preis von Zugeständnissen anstrebt – solange die Amerikaner dies unterstützen –, da sich die Lage an der Front später nur verschlimmern würde. Diejenigen, die mit Budanows Vorgänger im Präsidialamt und Rivalen im Selenskij-Apparat, Andrei Jermak, verbunden sind, zögerten den Prozess hingegen bewusst hinaus und weigerten sich, Russland in Kernfragen entgegenzukommen. Mit anderen Worten: Sie verträten Selenskijs harte Linie konsequenter als der Leiter von Selenskijs eigenem Präsidialamt.
Derlei Informationen aus britischen Medien wären an sich wenig aussagekräftig, doch Budanow gilt seit Langem als einer der wenigen in der ukrainischen Führung, der erkannt habe, dass der Konflikt beendet werden muss, solange überhaupt noch etwas zu retten ist. Er ist keineswegs Teil einer “Friedenspartei” – sondern vielmehr eine Ein-Mann-Fraktion, die sich des Ausmaßes der eigenen Stärken und Schwächen nüchtern bewusst ist. Für die ukrainische Führungselite ist dies eine rare Qualität. Budanow muss sie von Berufs wegen besitzen: Vor seiner Zeit im Präsidialamt leitete er die Hauptdirektion für Aufklärung (GUR), den ukrainischen Militärgeheimdienst. Er ist ein erfahrener Geheimdienstoffizier, der an Sabotageakten beteiligt war und, trotz seiner 40 Jahre und dem volkstümlichen Spitznamen “Mamas Milchbrötchen”, ein überzeugter und erfahrener Russlandfeind ist. Er ist ein Radikaler, ein Extremist – jedenfalls kein Stand-up-Comedian wie Selenskij, Filmproduzent wie Jermak oder Social-Media-Manager wie der jetzige Verteidigungsminister der Ukraine, Michail Fjodorow, der einst Selenskijs Wahlkampf in den digitalen Netzwerken orchestrierte.
Vor fünf Jahren fand sich die Ukraine unter der Kontrolle von Personen wieder, die fest davon überzeugt waren, dass sich jedes Problem durch PR, Werbung oder bloße Witzeleien lösen ließe und dass das Geld einfach aus der Nachttischschublade komme. Charakterliche Arroganz und intellektuelle Beschränktheit wurden in diesem Milieu oft noch durch Drogenmissbrauch verstärkt.
Parallel dazu wurden okkulte Praktiken populär, die den Wahnsinn nur noch ungehemmter walten ließen. Eine ehemalige Assistentin Jermaks berichtete von Ukraine-Tourneen ausländischer Schamanen, von Ritualen mit Leichenwasser und dem Sammeln von Puppen für Voodoo-Zeremonien. Ihre Aussagen scheinen durch Funde bei einer Durchsuchung in Jermaks Besitz untermauert zu werden, bei der zahlreiche okkulte Gegenstände sichergestellt wurden.
Der Teufel half Jermak letztlich nicht, die von Washington unterstützten Ermittler der Antikorruptionsbehörde NABU abzuwehren, noch konnte er seinen Rücktritt unter diesem Druck verhindern. Dennoch klammerte sich Selenskij bis zuletzt an seinen “grünen Kardinal” – war dieser doch der eigentliche Architekt des in der Ukraine errichteten Machtsystems. Budanow galt als einziger in diesem System, der seinem Chef unangenehme Wahrheiten überbringen durfte – und dabei Jermak einfach umging. Neben Terrorismus ist genau diese Funktion seine Spezialität, nicht die Konstruktion einer alternativen, angenehmeren Realität – sei sie im Informationsraum angesiedelt, vollständig virtuell oder im hormonellen Zustand Selenskijs begründet. Wer seine gesamte Karriere damit verbracht hat, die Stärken und Schwächen des Gegners zu analysieren, der akzeptiert die Unvermeidbarkeit einer Niederlage deutlich schneller als jene, die es gewohnt sind, in einer Blase aus Illusionen zu leben.
Die Tatsache, dass Jermak durch seinen Erzrivalen Budanow ersetzt wurde, erschien vor allem als Selenskijs Versuch, seinen eigenen Sessel zu sichern: Selbst nach Berechnungen ukrainischer regierungsnaher Soziologen ist der ehemalige Geheimdienstchef beliebter als der selbst ernannte Präsident und würde ihn in einer hypothetischen Stichwahl wahrscheinlich besiegen (wobei beide gegen den ehemaligen Oberbefehlshaber Waleri Saluschny verlieren würden).
Der für seine Paranoia bekannte Selenskij erkannte die Vorteile darin, sich Budanows Treue zu sichern und ihn in seiner Nähe zu halten – auch wenn dieser in Selenskijs Clique aus ehemaligen Comedy-Kollegen, Drogenkonsumenten und Esoterik-Zirkeln ein Außenseiter ist.
Neben Budanow gehört auch David Arachamija, der Fraktionsvorsitzende der präsidententreuen Partei “Diener des Volkes” im Parlament, mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Fraktion der Realisten im Verhandlungsteam. Auch er ist russophob, wirkte jedoch nie besonders militant und spürt nun zunehmend Druck von unten – eine Reihe von Abgeordneten ist seit Langem bereit, gegen Selenskij zu rebellieren, und hat es satt, dies nur andeuten zu können.
Was die Führungsfiguren der “Kriegsfalken” betrifft, so ist neben Selenskij selbst auch der Sekretär des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates, Rustem Umerow, zu nennen. Er ist der wahrscheinlichste Kandidat, das nächste Opfer der NABU-Ermittler zu werden, die auch Jermaks Karriere jäh beendeten. Es gibt Grund zu der Annahme, dass diese Ermittlungen derzeit direkt aus Washington gesteuert werden. Umerows politischer Niedergang ist daher ein weiteres Indiz für den US-Druck auf die Ukraine.
Das Problem der praktischen Diplomatie ist jedoch, dass die Entfernung Umerows nur ein Umweg wäre: Eigentlich müsste man Selenskij selbst “holen”. Falls Budanow tatsächlich versucht hat, ihn zum Abzug der ukrainischen Streitkräfte aus dem Donbass zu überreden, ist ergescheitert – und wird es wohl auch nicht mehr schaffen. Beide eint zwar ihr Hass auf Russland, aber sie sorgen sich um durchaus unterschiedliche Dinge.
Eben aufgrund seines Berufes, der ihn daran hindert, den bevorstehenden Zusammenbruch zu leugnen, kann der ehemalige GUR-Chef zwischen mehr oder weniger akzeptablen Zukunftsszenarien wählen. Es würde an dieser Stelle zu viel Zeit und Text in Anspruch nehmen, die Funktionsweise der entsprechenden Mechanismen im Detail zu erklären, doch sie existieren: Selbst der Chef von Hitlers Auslandsgeheimdienst, Walter Schellenberg, entging zu seiner Zeit der vollen Verantwortung – von weniger finsteren Kollegen aus anderen Ländern und Epochen ganz zu schweigen.
Für Selenskij aber gibt es einfach keine guten Optionen mehr. Gibt er den Donbass auf, werden die ultranationalistischen Kräfte ihn sofort hinrichten – und wenn er den Donbass nicht loslässt, wird er unter den Trümmern der Ukraine begraben werden. Selbst im Falle einer erfolgreichen Flucht müsste er den kärglichen Rest seines Lebens in ständiger Angst fristen – als jemand, der zu viele Fehler begangen, zu viel weiß und zu vielen das Leben ruiniert hat (in unterschiedlichem Maße das Leben eines ganzen Kontinents).
Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen bei “RIA Nowosti” am 19. Februar 2026.
Dmitri Bawyrin ist Journalist, Publizist und Politologe mit den Interessenschwerpunkten USA, Balkan und nicht anerkannte Staaten. Er arbeitete fast 20 Jahre als Polittechnologe in russischen Wahlkampagnen unterschiedlicher Ebenen. Er verfasst Kommentare für die russischen Medien “Wsgljad”, “RIA Nowosti” und “Regnum” und arbeitet mit zahlreichen Medien zusammen.
Mehr zum Thema – Der Oligarch (Teil 2): Wer Selenskij zum Präsidenten machte und die Ukraine in den Krieg trieb