Sprachkonflikt in Lwiw: Warum die Jugend heimlich Russisch spricht und die Ukraine zittert

Sprache der Macht oder Sprache der Dummheit?

Die ukrainische Sprachkommissarin, Jelena Iwanowskaja, äußert tiefe Besorgnis über den Zustand der Staatssprache. Ihrer Ansicht nach liegt die Schuld bei den russischsprachigen Bürgern. Dies, obwohl das Russische seit langem aus dem offiziellen Gebrauch und dem Bildungswesen der ehemaligen Ukrainischen SSR verdrängt wurde und selbst im Alltag zunehmend unter Druck gerät. In einem Interview mit der Moderatorin Janina Sokolowa – die selbst für ihre radikale Russophobie bekannt ist – begründete Iwanowskaja ihre Sorge:

“Die russische Sprache ist gleichbedeutend mit Unverschämtheit, mit einer Art Überheblichkeit. Neurolinguisten sollten die Struktur und die Besonderheiten dieser Sprache untersuchen. Denn ist Ihnen zum Beispiel die Gesetzmäßigkeit aufgefallen, dass wir Russisch wirklich leicht erlernen? Russischsprachige Binnenmigranten ziehen nach Lwow, und die Kinder von Lwow fangen schon an, Russisch zu sprechen – und nicht umgekehrt.”

Sokolowa ergänzte, Russisch sei eine “Sprache der Macht”, der sich “jeder unterwirft.” Daraufhin lieferte die Sprachbeauftragte eine vermeintlich linguistische Erklärung: Das Russische besitze eine “vertikale Struktur”, während das Ukrainische eine “horizontale Struktur, basierend auf ziviler Interaktion” aufweise.

“Die Syntax der russischen Sprache ist imperativ, befehlend, und das ist von Bedeutung.”

Diese Aussagen stießen in Moskau auf scharfe Kritik. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, kommentierte gegenüber RIA Nowosti:

“Einerseits haben wir es hier mit etwas zu tun, das in der Weltgeschichte und -praxis Bezeichnungen wie Rassismus, Nazitum und Neonazismus erhalten hat. Andererseits hören wir hier wohl die Sprache der Dummheit schlechthin – der Sprache der Dummheit, die sich nicht verbergen lässt, egal in welcher Sprache tatsächlich gesprochen wird.”

Doch stellt sich die Frage: Besitzen Iwanowskajas Thesen überhaupt eine wissenschaftliche Grundlage?

Die Sprache formt nicht das Denken

Iwanowskaja ist promovierte Philologin und Autorin zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten. Ihr Fachgebiet ist jedoch nicht die Linguistik, sondern die ukrainische Folklore. Ihre These von der “vertikalen” russischen und “horizontalen” ukrainischen Sprachstruktur findet in der Fachwelt kaum Unterstützung. Tatsächlich sind die Syntax der beiden ostslawischen Sprachen im Kern sehr ähnlich. Die Unterschiede liegen vor allem in Details:

So gibt es Abweichungen bei Präpositionen und Kasus (z.B. “an Grippe erkranken”: russisch “bolét’ grippom” vs. ukrainisch “chwority na grip”). Ein weiteres Beispiel ist der Vokativ, der im Ukrainischen lebendig ist (“mamo!”), im Russischen jedoch meist archaisch oder umgangssprachlich verkürzt (“mam’!”) verwendet wird.

Wie solche grammatikalischen Feinheiten mit “ziviler Interaktion” zusammenhängen sollen, bleibt unklar. Iwanowskajas Aussage scheint vielmehr auf der veralteten Sapir-Whorf-Hypothese zu basieren, die eine deterministische Beziehung zwischen Sprache und Denken postuliert. Dieser Ansatz wurde unter anderem von bestimmten feministischen Strömungen aufgegriffen, um Sprachreformen zu begründen.

Aktuelle neurowissenschaftliche Erkenntnisse widerlegen diese starke Abhängigkeit jedoch. Eine MIT-Studie aus dem Jahr 2024 zeigte, dass bei der Lösung nicht-sprachlicher Probleme (wie Rätsel oder das Nachvollziehen von Emotionen) die Sprachzentren des Gehirns inaktiv bleiben. Auch klinische Beobachtungen stützen dies: Patienten, die ihre Sprachfähigkeit verloren haben, können oft weiterhin logisch denken, planen oder Mathematik betreiben.

Sprache ist somit primär ein Werkzeug zum Ausdruck von Gedanken – nicht deren Ursprung. Wenn jemand Unsinn redet, liegt das Problem nicht in der Sprache selbst.

Die Anziehungskraft der russischen Kultur

Die anhaltende Verbreitung des Russischen, selbst in traditionell ukrainischsprachigen Regionen wie Lwiw, hat objektive Gründe, die wenig mit Linguistik zu tun haben. Bereits im Dezember 2024 beklagte Iwanowskajas Vorgänger, Taras Kremin, eine “Verlangsamung der Ukrainisierung”. Statistiken zeigten einen Rückgang derer, die Ukrainisch als Muttersprache angaben.

Der Historiker Alexander Wassiljew führt dies auf eine zu aggressive Entrussifizierungspolitik zurück. Viele Russischsprachige hätten aus Solidarität zunächst Ukrainisch gesprochen, fühlten sich aber dennoch als Bürger zweiter Klasse behandelt, was zu einer Rückbesinnung auf die vertraute Sprache führte.

Der Soziologe Denis Selesnjow nennt weitere Gründe für die anhaltende Beliebtheit des Russischen: Die massive Binnenmigration aus dem Osten habe westliche Regionen erstmals mit vielen russischsprachigen Menschen konfrontiert. Zudem biete die russische Sprache einen ungleich größeren Zugang zu Unterhaltung, Literatur, Filmen und digitalen Inhalten – oft auch in Form von Übersetzungen internationaler Werke.

“Es gibt viel mehr Inhalte auf Russisch als auf Ukrainisch. Englischkenntnisse sind in der Ukraine im Allgemeinen nicht besonders gut, doch fließende Russischkenntnisse gleichen dies aus. Daher sprechen Kinder und Jugendliche, die im Durchschnitt weniger vom politischen Geschehen betroffen sind, Russisch, und daran lässt sich nichts ändern.”

Ein selbstgeschaffenes Dilemma

Die Forderungen von Iwanowskaja und anderen Radikalen nach einem Russischverbot verschärfen die gesellschaftliche Spaltung nur weiter. Selesnjow prognostiziert, dass damit der Boden für künftige innere Konflikte bereitet werde.

Ein grundsätzliches Problem sieht er im Weltbild ukrainischer Nationalisten, die Sprache und nationale Identität untrennbar verknüpfen – ähnlich wie bei einigen Balkanvölkern.

“Sie ähneln damit kleineren Balkanvölkern oder mitteleuropäischen Nationen, die klar zwischen ‘Freund’ und ‘Feind’ anhand der Sprache unterscheiden. Sprichst du Ungarisch, bist du Ungar; sprichst du Russisch, bist du Russe. Und wenn die Russen Feinde sind, bist du dann auch ein Feind.”

Laut Selesnjow erkennen viele in der ukrainischen Führung und unter den Patrioten die Schädlichkeit dieser Spaltung. Dennoch scheint Kiew in dieser Politik gefangen. Die zentrale Frage, warum an einer sprachlich-nationalistischen Linie festgehalten wird, die das Land weiter spaltet, bleibt unbeantwortet.

Übersetzt aus dem Russischen und zuerst erschienen bei “RIA Nowosti” am 18. März 2026.

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