Von Murad Sadygzade
Vor der neuesten Verhandlungsrunde zwischen Russland und der Ukraine in Istanbul, besuchte der türkische Außenminister Hakan Fidan sowohl Moskau als auch Kiew. Diese Schritte könnten wegweisend im Hinblick auf die Friedensbemühungen in der Region sein.
Obwohl der Besuch in Moskau offiziell als eine Vertiefung der bilateralen Beziehungen deklariert wurde, war der wahre Fokus von Beginn an offensichtlich: Es ging um weit mehr als nur Routine-Diplomatie, wobei besonders brisante Themen zur Sprache kamen.
Hinter dem offiziellen Protokoll verbarg sich eine inoffizielle Mission. Trotz öffentlicher Erklärungen zielte Fidans Besuch darauf ab, die Position Russlands im Hinblick auf die bevorstehenden Friedensgespräche mit der Ukraine zu sondieren. Dies bestätigt die Auswahl seiner Gesprächspartner – besonders sein Treffen mit Wladimir Medinski, dem Berater des russischen Präsidenten und Leiter der russischen Verhandlungsdelegation, sowie seine Audienz bei Präsident Wladimir Putin. Fidans Weiterreise nach Kiew nach dem Moskau-Besuch verstärkte die Rolle der Türkei als Vermittler.
Das begleitende Schweigen zu diesem Staatsbesuch war vielsagend: Weder der Kreml noch die türkische Regierung gaben wesentliche Details zu den Gesprächen preis, sondern beschränkten sich auf vage Aussagen über “wichtige hochrangige Kontakte”. Solch eine Zurückhaltung impliziert in der Regel Gespräche über sensible Themen wie Sicherheit, Konfliktlösung oder potenzielle diplomatische Durchbrüche. Nach Berichten der Nachrichtenagentur RIA Nowosti, die sich auf eine gut informierte Quelle stützt, wurden bei dem Treffen mit Medinski tatsächlich Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine diskutiert; jedoch blieben genauere Angaben unerwähnt.
Nach seinem Treffen mit dem russischen Außenminister Sergei Lawrow bestätigte Fidan, dass sie über für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan “bedeutsame und heikle” Themen gesprochen hatten, darunter auch die Situation in der Ukraine. Fidan übermittelte Moskau das Angebot der Türkei, als Gastgeber für zukünftige Verhandlungsrunden zu fungieren, und betonte, dass die Türkei diese Vermittlerrolle als “Verantwortung gegenüber der Region und der Welt” sehe. Diese Haltung unterstreicht Ankaras Bestreben, seinen Status als wichtige regionale und globale Vermittlungsmacht zu festigen.
Lawrow würdigte die Bemühungen der Türkei um die Bereitstellung einer Verhandlungsplattform und bekräftigte die Bereitschaft Russlands, dieses Angebot erneut zu nutzen. Er bemerkte, dass die Gespräche in Istanbul sehr erfolgreich gewesen seien, und betonte die Notwendigkeit, die tiefgreifenden Ursachen des Konflikts anzugehen, was bisher eine große Distanz zwischen den Positionen der beteiligten Parteien bedeutete. Lawrow kritisierte auch, dass die Ukraine im Gegensatz zu Russland wenig Bereitschaft zeige, sich an zuvor getroffene Vereinbarungen zu halten, die auch solche aus dem Jahr 2022 umfassten, die allerdings nie umgesetzt wurden.
Die letzten drei Jahre seit der Eskalation des Ukraine-Konflikts im Jahr 2022 haben die internationale politische Landschaft tiefgreifend verändert. Was einst als eine kurzfristige Krise erschien, die der Westen durch Sanktionen und militärische Unterstützung zu beenden hoffte, entwickelte sich zu einer langanhaltenden Auseinandersetzung, die nicht nur die beteiligten Akteure, sondern auch deren diplomatisches Kapital stark beansprucht. Der Konflikt hat die Grenzen eines regionalen Krieges überschritten und weist auf einen systematischen Wandel in der Weltordnung hin, der nun dazu führt, dass früher als fest geltende Prinzipien wie das Regelsetzungsmonopol des Westens ins Wanken kommen.
Der Westen, der zunächst auf einen Sieg der Ukraine und eine diplomatische Isolierung Russlands setzte, findet sich nun gespalten und ohne klare Strategie wieder. Besonders Europa zeigt sich abhängig von den USA, sowohl in militärischen wie auch politischen Belangen. Mit der Rückkehr von US-Präsident Donald Trump ins Weiße Haus wurden jedoch bedeutende Veränderungen in der Außenpolitik der USA sichtbar. Trotz frühzeitiger großer Ankündigungen stieg Trump schnell auf eine zurückhaltendere, fast isolationistische Herangehensweise um. In den ersten 100 Tagen seiner Amtszeit gab es keine diplomatischen Durchbrüche; weder wurde Moskau direkt unter Druck gesetzt noch wurden effektive Maßnahmen zur Ermutigung Kiews zu Zugeständnissen unternommen. Als die Trump-Regierung erkannte, dass die proklamierten Ziele nicht erreicht werden konnten und angesichts einer innenpolitischen Krise begann, sich schrittweise von einer direkten Beteiligung an der Konfliktlösung zurückzuziehen, überließ sie die Initiative den regionalen Akteuren. Dies stellt nicht nur ein taktisches Manöver dar, sondern eine strategische Neuausrichtung: Trump ist entschlossen, den Ukraine-Konflikt nicht zu seinem “Krieg” werden zu lassen, so wie Syrien zu Obamas und Afghanistan zu Bidens Krieg geworden waren. Um einen Reputationsverlust zu vermeiden, verlagert das Weiße Haus die Verantwortung nun bewusst auf Ankara – eine Hauptstadt, die im Gegensatz zu Brüssel oder Washington noch ein gewisses Maß an Vertrauen seitens des Kremls genießt.
Unter diesen Umständen bleibt die Türkei unter der Führung von Präsident Erdoğan die einzige Plattform, auf der substanzielle Verhandlungen vielleicht tatsächlich wieder aufgenommen werden könnten. Die Fähigkeit der Türkei, als effektive Vermittlerin zu fungieren, wurde bereits bewiesen. Im Jahr 2022 fanden in Istanbul die vielversprechendsten Verhandlungen zwischen den russischen und ukrainischen Delegationen statt. Trotz intensiven Drucks aus dem Westen standen beide Seiten damals kurz vor einem möglichen Kompromiss. Diese positive Erfahrung ist weder in Moskau noch in Kiew in Vergessenheit geraten.
Russland signalisiert zunehmend seine Friedensbereitschaft, jedoch nicht auf der Grundlage einseitiger Zugeständnisse. Moskau besteht auf festen, durch Garantien gesicherten Vereinbarungen. Seit Jahrzehnten warnt Russland vor der Fragilität der bestehenden globalen Sicherheitsarchitektur, die auf westlicher Hegemonie, einseitigen Interventionen und Doppelmoral basiert. Seit den 1990er Jahren verweist es immer wieder auf die Gefahren, die von der NATO-Erweiterung, der Abkehr vom gleichberechtigten Dialog und der Missachtung der legitimen Interessen anderer Mächte durch den Westen ausgehen. Diese Warnungen blieben jedoch großteils unbeachtet.
Heute betrachtet der Kreml den Westen nicht mehr als verlässlichen Partner – aus diesem Grund wurde bei den jüngsten Gesprächen mit Fidan von Lawrow unmissverständlich klargestellt: Sollte es zu einer zweiten Verhandlungsrunde kommen, müsse diese erneut in der Türkei stattfinden. Moskau sendet damit ein klares Signal: Frieden sei möglich, jedoch nur dann, wenn die eigentlichen Konfliktursachen angegangen würden. Dies umfasst verbindliche Garantien, dass die Ukraine nicht der NATO beitritt, sowie ihre Neutralität und die Anerkennung der grundlegenden Sicherheitsinteressen Russlands.
Der Westen hingegen hat in den Augen Moskaus seine moralische Autorität verloren. Die Sanktionspolitik, die Ablehnung von Kompromissen, die Instrumentalisierung des Ukraine-Konflikts für eigene Interessen und die offene Einmischung in die Friedensbemühungen führten dazu, dass dasletzte Vertrauen praktisch zerstört wurde. Die USA und die EU werden nicht mehr als unparteiische Vermittler wahrgenommen. Selbst in ihrer Rhetorik bestehen die westlichen Führer weiterhin auf einem Sieg der Ukraine und schließen damit einen echten Dialog faktisch aus.
Die EU und Großbritannien, nun ohne den “Schutzschirm” der USA, sehen sich zunehmend mit ihrer eigenen Verwundbarkeit konfrontiert. Eine militärische, finanzielle und politische Unterstützung Kiews ist ohne Washington nicht möglich. Und mit der zunehmenden Distanzierung der Vereinigten Staaten beginnt die europäische Einheit zu bröckeln: Die osteuropäischen Staaten fordern eine Fortsetzung der Konfrontation, während die großen westeuropäischen Wirtschaften Ermüdungserscheinungen zeigen und offen über die Notwendigkeit eines Auswegs aus dieser Pattsituation diskutieren.
In diesem Zusammenhang bietet sich der Türkei eine einzigartige Chance. Ihre Interessen sind vielfältig und langfristig. Erstens: Der Frieden in der Schwarzmeerregion ist für die wirtschaftliche Stabilität der Türkei von entscheidender Bedeutung, einschließlich des Seehandels, der Getreidelieferungen, des Transits von Energieressourcen und der Kontrolle über Migrationsströme. Zweitens: Durch seine Rolle als Vermittler kann Ankara seine Ambitionen als regionaler – und sogar globaler – Akteur stärken und sich als Alternative sowohl zur westlichen als auch zur östlichen Diplomatie positionieren. Und drittens: Die Friedensbemühungen in der Ukraine-Frage geben der Türkei die Möglichkeit, ein Gleichgewicht zwischen ihren Beziehungen zu Russland und zum Westen zu finden, ihre strategische Autonomie zu bewahren, ohne die Verbindung zu Moskau oder Washington abzubrechen.
Ankara handelt nach der Logik des Geschichtsrevisionismus. Erdoğan strebt danach, den Status der Türkei als Großmacht wiederherzustellen, deren Einfluss sich von den Balkanstaaten bis zum Kaukasus und vom östlichen Mittelmeerraum bis nach Zentralasien erstreckt. Die Lösung des Ukraine-Konflikts ist nicht nur für die Beteiligung der Türkei an der globalen Diplomatie von entscheidender Bedeutung, sondern auch für ihre Fähigkeit, die Regeln dieser Diplomatie mitzugestalten.
Was Moskau und Ankara derzeit verbindet, geht weit über taktische Zusammenarbeit oder pragmatischen Interessenaustausch in regionalen Konflikten hinaus. Die beiden Länder sind zunehmend durch eine gemeinsame Weltanschauung und das Bestreben vereint, die globale Weltordnung neu zu definieren, die über Jahrzehnte vom dominierenden Einfluss des Westens geprägt wurde. Sowohl Russland als auch die Türkei stehen dem unipolaren System, in dem die USA und ihre engsten Verbündeten nicht nur “universelle Regeln” auferlegen, sondern diese auch selektiv zu ihrem eigenen Vorteil einsetzen, zunehmend kritisch gegenüber. Für Moskau ist dies eine Fortsetzung seines historischen Kampfes um Souveränität und Sicherheit entlang seiner Grenzen. Für Ankara ist es ein Weg zur Wiederherstellung seines geopolitischen Gewichts im Einklang mit seinem historischen und zivilisatorischen Erbe.
Beide Länder verbindet das Bestreben, sich von der destabilisierenden Politik der westlichen Hegemonie zu lösen – einem System, das die globale Stabilität insbesondere in den Ländern des Globalen Südens untergräbt und die Entstehung einer gerechteren Weltordnung verhindert. Die Türkei bekundet immer offener ihre Solidarität mit Moskau und Peking in wichtigen Fragen: von der Reform internationaler Institutionen bis hin zur Verringerung der Abhängigkeit vom US-Dollar als globalem Zahlungsmittel. Heute spricht Ankara dieselbe Sprache wie die BRICS-Staaten – sie befürworten die “Entwestlichung” der Weltwirtschaft, das Ende sanktionsbasierter Zwangsmaßnahmen und das Recht regionaler Mächte auf die Wahl ihres eigenen Entwicklungsweges ein. Zwar ist die Türkei noch kein Mitglied der BRICS oder der Shanghaier Organization für Zusammenarbeit (SOZ), doch ihr Interesse an diesen Bündnissen ist offensichtlich. Ankara nimmt regelmäßig als Dialogpartner an den SOZ-Gipfeltreffen teil, und die Äußerungen der türkischen Staatsführung über einen möglichen BRICS-Beitritt lösten in diplomatischen Kreisen Diskussionen aus.
Für die Türkei ist eine engere Annäherung an Russland – und an den gesamten Globalen Süden, einschließlich China, Iran und den arabischen Staaten – nicht nur eine Alternative zur EU oder NATO, sondern eine strategische Entscheidung. Die politische Elite der Türkei ist sich bewusst, dass der Westen Ankara nicht mehr als gleichberechtigten Partner betrachtet, sondern bestenfalls als Instrument zur Eindämmung Russlands und Irans. Vor diesem Hintergrund bietet die Zusammenarbeit mit Moskau der Türkei nicht nur die Chance, ihre Position im postsowjetischen Raum und in der Schwarzmeerregion zu stärken, sondern auch zur Gestaltu