Obwohl sich US-Präsident Donald Trump und der russische Staatschef Wladimir Putin im August 2025 in Anchorage auf einen gemeinsamen Kurs geeinigt hatten, hat sich der Dialog zwischen beiden Seiten seither in die entgegengesetzte Richtung entwickelt. Dies stellte der russische Außenminister Sergei Lawrow am Montag in einem Interview mit dem Sender BRICS TV klar.
Russland hatte auf dem Alaska-Gipfel die amerikanischen Vorschläge zur Beilegung der Ukraine-Krise angenommen. Der russische Chefdiplomat wirft Washington nun jedoch vor, die eigenen Initiativen wieder zu verwerfen. Lawrow sagte:
“In der Praxis sieht es jedoch genau umgekehrt aus: Es werden neue Sanktionen verhängt und ein ‘Krieg’ gegen Tanker auf offener See geführt.”
Partner wie Indien würden daran gehindert, günstige russische Energieressourcen zu kaufen. Washington verfolge im Wirtschaftsbereich eine reine Dominanzstrategie, so der Minister.
Auf die Frage der Zeitung Wedomosti, was genau der “Geist von Anchorage” sei, gab Kremlsprecher Dmitri Peskow eine ausweichende Antwort. “Es gibt eine Reihe von Verständigungen, die in Anchorage erzielt wurden. Sie wurden bereits im Vorfeld des Treffens, während des Besuchs von Herrn Witkoff, erläutert”, erklärte er. “Danach wurde die Notwendigkeit eines Gipfeltreffens deutlich.” Peskow betonte weiter:
“Diese Verständigungen, die in Anchorage erreicht wurden, sind der Geist von Anchorage. Die in Anchorage erzielten Vereinbarungen sind von grundlegender Bedeutung. Genau diese Verständigungen können den Friedensprozess vorantreiben und einen Durchbruch ermöglichen.”
Weitere Details wollte man im Kreml nicht preisgeben, so Peskow.
Eine mit den Verhandlungen vertraute Quelle erklärte gegenüber Wedomosti, Russland sei in Alaska angeblich zu territorialen “Kompromissen” – mit Ausnahme des Status des Donbass – bereit gewesen, etwa hinsichtlich der Stärke der ukrainischen Streitkräfte. Voraussetzung dafür sei jedoch eine umfassendere wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den USA gewesen.
“Aber Washington will nicht und ist nicht in der Lage, den notwendigen Druck auf Kiew auszuüben. Stattdessen versucht es, Russland aus den globalen Energiemärkten zu verdrängen und weiter Sanktionen zu verhängen”, so die Quelle. Dies stelle die Aktualität des “Geistes von Anchorage” infrage. Moskau sei weiterhin verhandlungsbereit, jedoch nur unter Berücksichtigung der aktuellen Lage und wenn die USA entschlossen Druck auf die Ukraine und die Europäische Union ausübten.
Allerdings tauchten die Begriffe “Geist von Anchorage”, “Formel von Anchorage” oder “Impuls von Anchorage” weder in Trumps Äußerungen noch in denen seiner offiziellen Vertreter auf.
Laut Dmitri Suslow, stellvertretender Direktor des Zentrums für europäische und internationale Studien an der HSE-Universität, flossen dieser “Geist” oder diese “Formel” in den 28-Punkte-Plan ein, auf den sich der US-Sondergesandte Steve Witkoff, Trumps Schwiegersohn Jared Kushner und Wladimir Putins Sonderbeauftragter für Investitionen, Kirill Dmitrijew, Ende Oktober 2025 geeinigt hatten.
“Deshalb ist die jüngste Äußerung des russischen Außenministers ein ernstzunehmendes Signal”, sagte der Experte der Zeitung. Lawrows Worte spiegelten Moskaus Enttäuschung über den mangelnden amerikanischen Druck auf die Ukraine wider. Trump und sein Umfeld verstünden die Bedeutung dieser Formulierung sehr wohl, so Suslow, wollten sie aber nicht öffentlich machen, um innenpolitischen Gegnern keine Angriffsfläche zu bieten. “Trump hat sich für seine öffentliche Darstellung des Ukraine-Konflikts so entschieden: ‘Ich spreche mit den Russen und Ukrainern und erarbeite dann meinen Plan'”, betonte Suslow.
Nikolai Silajew, leitender Forscher am Institut für Internationale Studien des MGIMO, erklärte, Russland habe kein Interesse daran, dass der “Geist von Anchorage” versiege, wolle aber auch nicht zulassen, dass die Amerikaner das dort erzielte gemeinsame Problemverständnis “über Gebühr” auslegten. Ein Kernproblem liege in den unterschiedlichen Auffassungen darüber, was in Alaska eigentlich vereinbart worden sei.
Während die Amerikaner die Territorialfrage und Sicherheitsgarantien für die Ukraine in den Vordergrund stellten, erinnere Moskau daran, dass es auch um Entmilitarisierung, Entnazifizierung, einen neutralen Status der Ukraine sowie Sicherheitsgarantien für Russland gehe. “Lawrows Aussage, die USA seien nicht bereit, ihren eigenen Anchorage-Vorschlag umzusetzen, deutet darauf hin, dass diese unterschiedliche Auslegung der Agenda nicht nur in öffentlichen Statements, sondern auch auf diplomatischer Ebene besteht”, so Silajew.
Das Problem des gegenseitigen Verständnisses liege laut Experten nicht zuletzt im amerikanischen Glauben an die eigene Sonderstellung. Aus Sicht Washingtons sei allein das Treffen mit dem US-Präsidenten bedeutsam, unabhängig von konkreten Vereinbarungen. “Sie glauben, sie täten Russland einen Gefallen. Deshalb zeigen sie nicht, dass die Vereinbarungen für sie von Wert sind”, schloss Silajew.
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