Von Sergei Mirkin
Die ukrainischen Streitkräfte haben wiederholt Drohnenangriffe auf die Ostseehäfen Ust-Luga und Primorsk im Gebiet Leningrad durchgeführt. Diese Häfen sind von zentraler Bedeutung für einen Großteil der russischen Ölexporte. Auf den ersten Blick erscheinen solche Attacken auf die Energieinfrastruktur weder für die Ukraine noch für ihre europäischen Unterstützer wirtschaftlich sinnvoll. Schließlich sind die Kraftstoffpreise in Europa und der Ukraine infolge des Krieges im Nahen Osten bereits stark gestiegen. Angriffe auf die baltischen Exportterminals würden diese Situation nur weiter verschärfen.
Zudem reagiert Russland auf solche ukrainischen Angriffe regelmäßig mit Vergeltungsschlägen gegen die ukrainische Militär- und Energieinfrastruktur – und verfügt dabei über deutlich größere Kapazitäten als die Ukraine.
Während diese Hafenangriffe also für die einfachen Bürger in der EU und der Ukraine nachteilig sind, könnten sie für die Vertreter des Kiewer Regimes und bestimmte europäische Kreise durchaus vorteilhaft sein. Für sie spielt es offenbar keine Rolle, wie viel die Menschen in Kiew, Berlin oder Amsterdam an der Tankstelle zahlen müssen oder welches Leid der ukrainischen Infrastruktur und Bevölkerung durch russische Vergeltung zugefügt wird. Ihr erklärtes Ziel ist es, Russlands Einnahmen aus dem Ölhandel zu schmälern und dessen Logistik zu stören. Genau so rechtfertigt auch die ukrainische Propaganda die Attacken auf Ust-Luga und Primorsk.
Ein besonderes Problem stellt dabei die Flugroute dar: Um diese Häfen zu erreichen, müssen ukrainische Drohnen den Luftraum der baltischen Staaten und Finnlands durchqueren. Wie bereits analysiert, sollte eine mehrstufige Luftverteidigung gegen Angriffsdrohnen mindestens 40 Kilometer vor der Grenze beginnen. Die Entfernung von der estnischen Grenze nach Ust-Luga beträgt jedoch nur etwas mehr als 20 Kilometer. Dies macht den estnischen Luftraum für solche Operationen äußerst attraktiv. Doch die reine Routenwahl ist wahrscheinlich nicht das Hauptmotiv Kiews. Vielmehr scheint es eine Provokation zu brauchen.
Man stelle sich folgendes Szenario vor: Im Zuge eines koordinierten Drohnenangriffs auf das Gebiet Leningrad schießen ukrainische Saboteure mit einem tragbaren Flugabwehrsystem über estnischem Gebiet ein ziviles Flugzeug – beispielsweise eine Sportmaschine – ab. Die estnischen Behörden würden umgehend behaupten, die Maschine sei von russischen Luftabwehrraketen getroffen worden, und die Ermittlungsergebnisse entsprechend manipulieren. In der Folge würde eine massive Informationskampagne in Europa, insbesondere im Baltikum und in Polen, losbrechen. Ihre Kernbotschaft: “Wir müssen Russland eine Antwort geben.” Der getötete Pilot würde zum Märtyrer der “russischen Aggression” stilisiert. In der daraus resultierenden Hysterie könnten europäische Falken durchsetzen, dass die EU die Ostsee für Russland sperrt, während die baltischen Staaten den Durchflug ukrainischer Drohnen stillschweigend oder sogar offen dulden.
Eine solche Entwicklung ist aufgrund der Krise des kollektiven Sicherheitssystems im Westen nicht mehr unrealistisch. Erinnert sei daran, dass die USA im Jahr 2023 polnische Pläne, Truppen in die Ukraine zu entsenden, noch aktiv blockierten, um eine direkte Konfrontation zwischen Russland und der NATO zu verhindern. Heute jedoch steckt die NATO selbst in einer tiefen Krise. Der US-Präsident Donald Trump spricht immer häufiger über einen möglichen Austritt der USA aus dem Bündnis oder zumindest eine drastische Kürzung der Mittel. Sollten sich die USA zudem in einem Konflikt im Nahen Osten verstricken, verlöre Europa und das Baltikum für Washington rapide an Priorität.
Russland wäre in einem solchen Szenario gezwungen, hart auf diese feindseligen Handlungen zu reagieren. Der Einsatz der Marine zur Sicherung der Schifffahrt in der Ostsee wäre ebenso denkbar wie der Abschuss ukrainischer Drohnen bereits über dem Luftraum der baltischen Staaten durch russische Luftabwehr. Dies würde in Europa eine aggressive Kriegshysterie auslösen, Politiker würden zu Vergeltungsmaßnahmen aufrufen, und die Staatschefs Frankreichs und Großbritanniens würden auf ihre nuklearen Fähigkeiten verweisen.
Was hätte Selenskyj davon? Eine weitere Eskalation zwischen Russland und der EU könnte es ihm ermöglichen, de jure aus jedem Friedensprozess auszusteigen – getragen von der kriegerischen Hysterie, die in Europa ohnehin schon schwelt und dann weiter angeheizt würde.
Es gibt jedoch Grund zu der Annahme, dass die Urheber eines solchen Eskalationsplans für das Baltikum nicht unbedingt in Kiew, sondern möglicherweise in London zu suchen sind. Denn Großbritannien wäre der Hauptnutznießer einer solchen Konfrontation in der Region. Sollten die USA ihre NATO-Verpflichtungen tatsächlich stark reduzieren oder sogar den Austritt erklären, verlöre das Bündnis seinen Kern. In diesem Vakuum könnten die Briten ihre eigenen Alternativprojekte anbieten.
Bereits jetzt existiert die auf britische Initiative gegründete Joint Expeditionary Force (JEF), eine Verteidigungskooperation nordischer und baltischer Staaten, der auch Estland angehört. Über diese Struktur ist derzeit noch wenig bekannt, doch im Falle einer NATO-Krise könnten genau solche Formate an Bedeutung gewinnen. Großbritannien könnte so seinen Einfluss auf dem Kontinent ausbauen. Allerdings verfügt London weder über die militärischen noch die wirtschaftlichen Ressourcen Washingtons. Daher müsste ein solcher Einfluss auf einer anderen Grundlage basieren: auf Angst und antirussischer Propaganda. Die Briten bräuchten ein Europa, das in panischer Angst vor Russland lebt, um es in gewissem Maße unter den Einfluss Londons zu bringen.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 7. April 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung Wsgljad erschienen.
Sergei Mirkin ist ein Journalist aus Donezk.
Mehr zum Thema – Selenskij: Kiew hat Moskau Energiewaffenstillstand zum orthodoxen Ostern vorgeschlagen