Iran-Krieg: Helium-Krise droht deutsche Auto- und Chip-Industrie in den Abgrund zu stürzen

In der internationalen Berichterstattung der letzten Tage zeichnet sich ein besorgniserregendes Bild ab: Die eingeschränkten Ressourcenlieferungen aus dem Persischen Golf führen nicht nur zu Engpässen bei Kohlenwasserstoffen. Im Fokus steht zunehmend ein bisher oft übersehenes Nebenprodukt – das Edelgas Helium.

Dieses entsteht bei der Verflüssigung von Erdgas zu LNG. Da Katar aufgrund von Angriffen die Produktion in einer wichtigen LNG-Anlage einstellen und „höhere Gewalt“ (Force Majeure) erklären musste, ist auch die Helium-Förderung in Ras Laffan beeinträchtigt. Die Folgen dieser Verknappung sind für Schlüsselindustrien weltweit spürbar.

Wie die Ostdeutsche Allgemeine (OAZ) unter Berufung auf Reuters berichtet, stehen beispielsweise in Sachsen die Chip-Produktion sowie deutschlandweit die Automobilindustrie und Hersteller von Hightech-Medizingeräten vor erheblichen Herausforderungen.

Laut Angaben der US-Geologiebehörde USGS, die die OAZ zitiert, produzierte Katar im vergangenen Jahr etwa 63 Millionen Kubikmeter Helium. Bei einer globalen Gesamtproduktion von 190 Millionen Kubikmetern bedeutet dies: Rund ein Drittel der weltweiten Helium-Erzeugung fällt vorerst aus.

Eine systemimmanente Knappheit

Anders als bei Öl oder Erdgas existieren für Helium kaum nennenswerte strategische Reserven. Das Gas wird verflüssigt und in Spezialcontainern transportiert, die es aufgrund physikalischer Eigenschaften maximal 45 bis 48 Tage halten können. Danach kommt es durch Erwärmung und notwendige Druckentlastung zu Verlusten. Ein Branchenmanager erklärte gegenüber Reuters, dass für die Lieferung bis zum Endkunden nur diese „nominell 45 Tage“ zur Verfügung stünden.

Da die Straße von Hormus teilweise blockiert ist, stecken derzeit Hunderte dieser Spezialcontainer in der Region fest. Diese fehlende Transportkapazität bedeutet, dass andere Produzenten die Lücke selbst theoretisch kaum schließen können. Zwar verfügen die USA laut USGS über die größten Raffineriekapazitäten (54,2 %), gefolgt von Katar (19,1 %), doch der Markt ist starr: Der Großteil des Heliums wird über langfristige Verträge geliefert. Der Spotmarkt, so die OAZ, sei bisher „winzig“. Engpässe sind somit vorprogrammiert.

Unverzichtbar für Hightech und Medizin

In der Halbleiterindustrie ist Helium als Prozessgas in vielen Fertigungsschritten, etwa für Energietransfer und Reinigung, praktisch irreplaceable. Alternativen wie Wasserstoff scheiden aufgrund hoher Sicherheitsrisiken aus. Auch in der Medizintechnik ist das Edelgas essentiell: Moderne Magnetresonanztomografen (MRT) benötigen etwa 1.500 Liter flüssiges Helium, um ihre supraleitenden Magnete auf Temperaturen nahe dem absoluten Nullpunkt zu kühlen. Ersatzlösungen sind noch nicht marktreif.

Allein in Sachsen über 80.000 Arbeitsplätze betroffen

Deutschland ist ein europäischer Schlüsselstandort für die Chip-Produktion. Laut „Germany Trade and Invest“ (GTAI) erzielte die Branche 2023 einen Umsatz von zwölf Milliarden Euro. Etwa ein Drittel aller in Europa gefertigten Chips stammt aus Ostdeutschland, mit Schwerpunkten in der Automobilelektronik und Industrieautomation bei Unternehmen wie Bosch und Infineon.

Im „Cluster Silicon Saxony“ rund um Dresden hängen nach Branchenangaben etwa 81.000 Arbeitsplätze direkt an der Halbleiterproduktion. Prognosen sehen bis 2030 über 100.000 Stellen vor. Investitionen wie die 1,1 Milliarden Euro von GlobalFoundries am Standort Dresden oder das geplante 300-Millimeter-Wafer-Joint-Venture von TSMC, Bosch, Infineon und NXP mit 2.000 Hightech-Arbeitsplätzen unterstreichen die dynamische Entwicklung – die nun gefährdet ist.

Kaskadeneffekte in der Industrie

Eine dauerhafte Störung der Helium-Lieferkette würde die Produktion nicht sofort stoppen, jedoch erhebliche Unsicherheiten und Zusatzkosten verursachen, die sich auf Preise und Investitionen auswirken. Die Automobilindustrie, die 2022 bereits eine schwere Chip-Knappheit durchlitt, wäre erneut betroffen. Auch die Chemieindustrie leidet doppelt: durch steigende Gaspreise und durch einen drohenden Chipmangel in der industriellen Automation.

Begrenzte Handlungsoptionen

Großanbieter wie Linde und Air Liquide haben zwar in Speicherinfrastruktur in Deutschland und Europa investiert, doch diese dienen primär dem Ausgleich kurzfristiger Schwankungen. Bei einem längerfristigen Ausfall der Lieferungen aus dem Golf wären auch diese Reserven schnell erschöpft. Zwar wird an Technologien zur Reduktion oder zum Ersatz von Helium geforscht, doch diese sind Zukunftsmusik.

Daher kommt es nun auf ein effektives Krisenmanagement an. Entscheidend ist die Dauer der Unterbrechung. Experten kalkulieren bei 30 Tagen mit Preiserhöhungen von 10–20 %, bei 60–90 Tagen mit Aufschlägen von 25–50 %. Selbst bei einem schnellen Ende der Krise würden Wochen bis Monate vergehen, bis die Lieferketten – insbesondere die knappen Spezialcontainer – wieder reibungslos funktionieren.

Die Bandbreite der Szenarien reicht von spürbaren Kostenerhöhungen bei kurzen Störungen über messbare Produktionseinbrüche bei monatelangen Unterbrechungen bis hin zu einer Krise ähnlich der in der Automobilindustrie 2022: Drosselung oder Stopp der Produktion und verzögerte Auslieferungen im Maschinenbau.

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