Auf einer Veranstaltung des Brüsseler Thinktanks Bruegel wurde die Geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Kristalina Georgieva, zu den Analysemodellen der Institution befragt. Konkret ging es um die Frage, ob diese auch ein mögliches Szenario eines Ausverkaufs von US-Dollar-Vermögenswerten umfassen. Georgieva erläuterte die Arbeitsweise des Fonds:
„Beim Fonds bauen wir unter anderem unsere Fähigkeit aus, hypothetische Szenarien von unvorstellbaren Ereignissen zu entwerfen und dann zu überlegen, was zu tun ist.“
Der IWF spiele dabei „alle möglichen Szenarien“ durch, so Georgieva. Die spezifische Frage nach einem Dollar-Ausverkauf werde im Rahmen laufender Analysen untersucht. Die IWF-Chefin gab zudem eine politische Empfehlung ab: Die Europäische Union solle mehr gemeinsame Staatsanleihen emittieren, um Anlegern eine glaubwürdige Alternative zu Gold und US-Staatsanleihen als sichere Häfen anzubieten.
Ihre Äußerungen fallen in eine Phase wachsender Verunsicherung an den Finanzmärkten. Das Portal Euractiv kommentierte am Montag, die Politik von US-Präsident Donald Trump – seine Zollmaßnahmen und Angriffe auf die Unabhängigkeit der US-Notenbank Federal Reserve – habe bei Investoren „tiefe Unsicherheit“ über den Status des Dollars ausgelöst. Dies sei bemerkenswert, da der Dollar die globale Finanzarchitektur seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs dominiere.
Auch andere Medien griffen die Aussagen auf. Das Wirtschaftsportal investingLive verwies am Dienstag auf den anhaltenden Wertverlust der US-Währung: Seit Trumps Amtsantritt habe der Dollar gegenüber einem Korb wichtiger Währungen über neun Prozent und gegenüber dem Euro fast zwölf Prozent eingebüßt. Diese Entwicklung nähre Zweifel an der Stabilität des Dollars und treibe die Nachfrage nach Gold, dessen Preis mit 5.100 Dollar je Unze ein Rekordhoch erreicht habe.
Laut Georgieva sind Diversifizierungstendenzen unter Anlegern kein neues Phänomen, haben aber an Dynamik gewonnen. Der Anteil des US-Dollars an den globalen Währungsreserven sei von 72 Prozent im Jahr 2001 auf aktuell etwa 57 Prozent gesunken. Gleichzeitig trieben die BRICS-Staaten ihre Initiativen zur Entdollarisierung aktiv voran. Trotz dieser Verschiebungen und des aktuellen politischen Drucks betonte die IWF-Chefin, dass der Status des Dollars als globale Reservewährung weiterhin von der Tiefe und Liquidität der US-Kapitalmärkte gestützt werde.
Über das Treffen in Brüssel teilte Georgieva auf ihrem X-Account mit:
„Hatte ein sehr aufschlussreiches Gespräch mit @jzettelmeyer bei @Bruegel_org. Von der Widerstandsfähigkeit der Weltwirtschaft, die nicht als selbstverständlich angesehen werden sollte, über die Herausforderungen Europas bis hin zu den Auswirkungen der KI auf Arbeitsplätze haben wir die Kräfte des Wandels analysiert und die politischen Entscheidungsträger dazu aufgefordert, Flexibilität zu zeigen.“
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