Von Olga Samofalowa
Die erste Sitzung der russischen Zentralbank in diesem Jahr hielt eine Überraschung bereit. Entgegen den Erwartungen vieler Analysten, die mit einer Pause bis in den späten Frühling oder Frühsommer hinein gerechnet hatten, senkte die Notenbank den Leitzins. Die Erwartung einer Pause war nachvollziehbar, da die Erhöhung der Mehrwertsteuer und der Gebühren für Versorgungsleistungen im Januar einen inflationsfördernden Effekt hatten.
Dennoch entschied sich die Zentralbank für eine Zinssenkung um 0,5 Prozentpunkte auf nun 15,5 Prozent. Sie begründete dies damit, dass es sich bei den genannten Faktoren um einmalige Ereignisse handle, deren Effekt abklingen und die Inflation wieder sinken lassen werde.
Natalia Miltschakowa, leitende Analystin bei Freedom Finance Global, erläutert:
“Die Meinung der Analytiker war uneinheitlich, da externe Signale sowohl für eine Zinssenkung als auch für einen vorübergehenden Verzicht darauf sprachen. Viele wurden durch die Reaktion der Wirtschaft auf die Erhöhung der Mehrwertsteuer in die Irre geführt. Im Prinzip ist dies ein inflationärer Faktor, und in der ersten Januarwoche 2026 stieg die Inflation auf 1,26 Prozent – was selbst gemessen an den monatlichen Steigerungsraten sehr hoch ist, zumal dieser Anstieg innerhalb nur einer Woche erfolgte. Danach begann die Inflation jedoch recht schnell nach der Mehrwertsteuererhöhung zu sinken, und zwar gleichzeitig mit der Erhöhung der Tarife für Wohn- und Kommunalleistungen. Vielleicht war es aber einfach so, dass viele Einzelhändler und der Dienstleistungssektor ihre Preise bereits im Dezember 2025 vorzeitig erhöht hatten, indem sie die erhöhte Mehrwertsteuer im Voraus in die Preise für Waren und Dienstleistungen einkalkulierten.”
Der Fokus liegt nun auf der nächsten Sitzung im März. Alexander Bachtin, Investmentstratege bei Garda Capital, hält es für sehr wahrscheinlich, dass die Notenbank im März eine Pause im Zinssenkungszyklus einlegen wird.
Er merkt an:
“Die Regulierungsbehörde wird die Schlüsselindikatoren, die ihr erst im April vorliegen werden, genau betrachten. Die jährliche Inflationsrate liegt derzeit noch über sechs Prozent, sodass es verfrüht wäre, von einer nachhaltigen Verlangsamung des Preisanstiegs zu sprechen. Die Inflationserwartungen der Bevölkerung und der Unternehmen haben sich zwar stabilisiert, befinden sich jedoch weiterhin auf einem hohen Niveau. Gleiches gilt für das Wachstum der Nominallöhne – diese verlangsamen sich zwar, aber ausgehend von hohen Werten. Das Lohnwachstum übertrifft weiterhin das Wachstum der Arbeitsproduktivität.”
Eine andere Einschätzung vertritt Grigori Schirnow vom Labor für Makrostrukturmodellierung der Wirtschaftsfakultät der Hochschule für Wirtschaft (HSE):
“Das reale Leitzinsniveau ist nach wie vor hoch, und die Lockerung der Politik der Zentralbank wird sich höchstwahrscheinlich erst im nächsten Jahr in vollem Umfang auf die Wirtschaft auswirken. Deshalb wird sich der Zinssenkungszyklus im März wahrscheinlich fortsetzen.”
Insgesamt werde die Geldpolitik im Jahr 2026 jedoch weniger restriktiv ausfallen als in den vergangenen zwei Jahren, so Miltschakowa.
Sie prognostiziert:
“Jetzt erwarten wir, dass die russische Zentralbank den Leitzins möglicherweise bei jeder Sitzung ihres Verwaltungsrats senken wird. Allerdings wird dies schrittweise geschehen, jeweils um etwa 0,5 Prozentpunkte, bis die Inflation ein Niveau von 4,5 bis 5,5 Prozent oder etwas in dieser Größenordnung erreicht hat. Wir gehen davon aus, dass die Mehrwertsteuererhöhung bereits in den Warenpreisen berücksichtigt ist und als inflationärer Faktor keine Rolle mehr spielt.”
Die Expertin fügt hinzu:
“Die jährliche Inflation wird in der ersten Jahreshälfte zwischen 5 und 6,5 Prozent schwanken. Sollte sie aufgrund äußerer Umstände über 6,5 Prozent steigen, ist es nicht ausgeschlossen, dass die Zentralbank irgendwann in der ersten Jahreshälfte eine Pause bei der Leitzinssenkung einlegt.”
Miltschakowa führt aus:
“Bis zum Ende des ersten Halbjahres 2026 könnte der Leitzins auf 14 bis 14,5 Prozent pro Jahr gesenkt werden. In der zweiten Jahreshälfte ist unserer Meinung nach eine Senkung des Leitzinses auf elf bis zwölf Prozent bis zum Jahresende möglich, wenn sich die jährliche Inflation im Bereich von 4,5 bis 5,5 Prozent bewegen wird.”
Schirnow hält es für möglich, dass die Zentralbank im zweiten Quartal mit größeren Schritten (etwa einem Prozentpunkt) reagiert. Seiner Prognose nach könnte der Leitzins bis Jahresende auf 10,5 bis 11,5 Prozent fallen.
Mit den Leitzinssenkungen werden auch die Zinsen für Bankkredite und -einlagen zurückgehen.
Alexander Bachtin erwartet, dass die maximalen Zinsen für Rubel-Einlagen bei den Top-10-Banken bis zum Frühjahr auf etwa 14 Prozent sinken könnten. Dabei würden kurzfristige Einlagen nur leicht an Attraktivität verlieren, während längerfristige Anlagen mit einer Laufzeit von einem Jahr oder mehr deutlich weniger Rendite bringen dürften.
Miltschakowa ist der Ansicht:
“Wenn der Leitzins bis zum Jahresende auf elf bis zwölf Prozent pro Jahr sinkt, werden auch die Verzinsungen für Einlagen entsprechend auf 8,5 bis 11 Prozent pro Jahr fallen.”
Auch Kredite sollen günstiger werden.
Miltschakowa erwartet:
“Die Kreditzinsen könnten bis zum Jahresende sinken: Marktübliche Hypotheken auf 14 bis 15 Prozent p. a., Verbraucherkredite auf 16 bis 18 Prozent p. a.”
Die Banken haben bereits begonnen, die Zinsen für Konsumentenkredite zu senken. Als erste reagierte die VTB-Bank auf den Leitzinsschritt und senkte die Zinsen für unbesicherte Kredite um drei Prozentpunkte.
Miltschakowa schlussfolgert:
“Höchstwahrscheinlich werden auch die Konkurrenten der VTB diesem Trend relativ schnell Folge leisten. Zum Jahresende dürften Kredite zugänglicher sein als zu Jahresbeginn, da die Zinssätze niedriger liegen werden. Andererseits scheint es unwahrscheinlich, dass die russische Zentralbank ihre strengen Anforderungen an Kreditantragsteller lockern wird, sodass es weiterhin schwierig sein dürfte, in diesem Jahr einen Kredit zu bekommen.”
Interessanterweise wertete der Rubel gegenüber dem Yuan nach der Zentralbankentscheidung leicht auf – ein ungewöhnlicher Effekt, da Zinssenkungen typischerweise zu einer Schwächung der heimischen Währung führen.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 14. Februar zuerst auf der Homepage der Zeitung “Wsgljad” erschienen.
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