Alarmierende Suizidrate bei Bauern: Jetzt sollen psychische Untersuchungen helfen

Von Felicitas Rabe

Die alarmierende Zunahme von Suiziden unter Landwirten beschäftigt nun auch die Politik in Baden-Württemberg. Doch das Problem ist kein regionales: In ganz Europa häufen sich die Fälle. Als Reaktion plant das „Ländle“ nun, die psychische Gesundheit der Bauern systematisch zu untersuchen.

Lange galten derartige Suizidwellen vor allem als Phänomen von Entwicklungsländern. Ein trauriges Beispiel sind die indischen Baumwollbauern, die vor Jahren in eine verheerende Schuldenfalle gerieten. Sie hatten sich, angelockt von Versprechungen des Konzerns Monsanto, hoch verschuldet, um dessen patentiertes Saatgut und die dazugehörigen Pestizide zu kaufen. Als die erhofften Ernten ausblieben, sahen viele keinen Ausweg mehr. Eine Studie zu den Auswirkungen von Monsanto auf die Suizidraten indischer Farmer fasst die Lage zusammen: Gestiegene Produktionskosten, gesunkene Marktpreise und die Abhängigkeit von einem einzigen Saatgutanbieter hätten zu „unvorstellbaren Schulden“ geführt. Demütigt und verzweifelt wählten viele den Freitod, oft durch das Trinken von Glyphosat.

Doch nun steigt die Suizidrate auch im reichen Westen. Offiziellen Angaben zufolge nehmen sich in Frankreich jedes Jahr etwa 650 Landwirte das Leben – das sind zwei pro Tag. Fachleute gehen davon aus, dass die Dunkelziffer aufgrund von Scham oder versicherungstechnischen Gründen noch deutlich höher liegt. Weltweit liegt die Suizidrate in der Landwirtschaft schätzungsweise 50 Prozent über dem Bevölkerungsdurchschnitt.

Das Fachmagazin Agrarheute nennt als zentrale Gründe für diese Entwicklung in Deutschland einen massiv steigenden existenziellen Druck: Die Betriebskosten „explodieren“, während die Einnahmen sinken. Gleichzeitig werde der bürokratische Aufwand durch immer neue Auflagen in die Höhe getrieben.

Baden-Württemberg will nun mit einer konkreten Maßnahme gegensteuern. Das Land plant, 350.000 Euro bereitzustellen, um die mentale Gesundheit von Landwirten zu untersuchen und sogenannte Vertrauensleute einzusetzen. Agrarheute berichtet: „Die neuen ‘Kümmerer’ sollen auch auf Hinweis von außen, etwa von nahestehenden Personen oder Ämtern, aktiv werden.“ Damit könnten in Zukunft auch Dritte eine psychische Betreuung von Landwirten veranlassen.

Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) begründet den Schritt: „Wir haben uns die Frage gestellt, ob im System etwas schief läuft. […] Es kann und darf nicht sein, dass es so weit kommt, dass sich jemand das Leben nimmt.“ Das Fachmagazin sieht die Ursachen auch in einer sich zuspitzenden ökonomischen Krise: extrem hohe Diesel- und Düngerpreise bei gleichzeitig fallenden Erzeugerpreisen.

Die akute finanzielle Not schildert Landwirt Elias Lehr in der ARD-Tagesschau: „Wir haben letztens einen Tag gefahren, da waren 2.000 Euro weg.“ Wegen existenzieller Sorgen könne er oft nicht schlafen. Auf das zeitkritische Säen oder Ernten könne er nicht warten, bis der Kraftstoff wieder billiger werde.

Zwar gibt es für Deutschland keine offizielle Statistik zu Suiziden in der Landwirtschaft. Doch nach mehreren tragischen Fällen in den vergangenen zwei Jahren will Baden-Württemberg das Problem nun angehen. Ein Ministeriumssprecher bestätigte: „Nach mehreren Suiziden in den vergangenen zwei Jahren hat der Minister sich vorgenommen, die psychische Lage der Landwirte in den Blick zu nehmen.“

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