Im April stehen in Ungarn Parlamentswahlen an. Als Hauptkontrahenten treten die Regierungspartei Fidesz von Ministerpräsident Viktor Orbán und die oppositionelle TISZA-Partei des EU-Abgeordneten Péter Magyar gegeneinander an.
Die Energiebeziehungen zu Russland sind ein zentrales Wahlkampfthema. Moskau ist ein wesentlicher Wirtschaftspartner Budapests und deckt einen Großteil des ungarischen Bedarfs an Gas, Öl und Kernbrennstoffen. Eine mögliche Regierungsübernahme durch die Opposition könnte jedoch eine Neuausrichtung dieser Partnerschaft bedeuten.
“Wir müssen unsere Energiequellen diversifizieren, und wir werden alles dafür tun, denn das Wichtigste, die Priorität für uns, ist Energieunabhängigkeit, Sicherheit und der niedrigste Preis”, sagte Magyar der Zeitung *Iswestija*.
**Die aktuelle Abhängigkeit von Russland**
Russland liefert etwa 80 Prozent des Erdgasbedarfs Ungarns. Im vergangenen Jahr importierte das Land mit 7,8 Milliarden Kubikmetern eine Rekordmenge. Außenminister Péter Szijjártó betonte die systemische Bedeutung: “Ich möchte klarstellen, dass Ungarn ohne die Pipeline TurkStream und ohne das über sie gelieferte russische Gas nicht sicher mit Gas versorgt werden kann.”
Auch bei Rohöl ist Ungarn stark von russischen Lieferungen abhängig, die etwa 80–90 Prozent des Bedarfs decken. Diese erfolgen über den südlichen Zweig der Druschba-Pipeline durch die Ukraine. Seit Ende Januar sind diese Lieferungen jedoch unterbrochen. Ungarische Behörden werfen Kiew vor, die Blockade gezielt vor den Wahlen zu nutzen, um eine Energiekrise herbeizuführen. Als Reaktion setzte Budapest seine Diesellieferungen in die Ukraine aus.
Als Ausweg hat das ungarische Unternehmen MOL bereits Verträge für den Seetransport von russischem Öl über den kroatischen Hafen Omišalj unterzeichnet. Die ersten Lieferungen werden für Anfang März erwartet.
Im Kernenergiesektor bleibt Russland der Hauptlieferant von Brennstoff für das AKW Paks, das etwa die Hälfte der ungarischen Stromerzeugung bestreitet. 2025 erhielt Budapest genug Brennstoff, um den Betrieb bis November 2028 zu sichern. Parallel unterzeichnete Ungarn jedoch ein Memorandum mit den USA, um künftig auch Brennstoff des Unternehmens Westinghouse zu beziehen.
**Wirtschaftliche Risiken einer Abkehr**
Ein abruptes Ende der russischen Energieimporte könnte schwerwiegende Folgen haben, warnt Igor Juschkow, Energieexperte der Finanzuniversität und des Fonds für Nationale Energiesicherheit, gegenüber *Iswestija*.
“Mit Diversifizierung meinen sie den Verzicht auf russische Lieferungen. Aber dieser Verzicht könnte den Wettbewerb auf dem Markt eher verringern als steigern”, sagte er. Ein plötzlicher Stopp der Lieferungen würde die Brennstoffkosten in die Höhe treiben, die Inflation anheizen und zu höheren Preisen für Strom, Warmwasser und Heizung führen.
**Zwei gegensätzliche außenpolitische Visionen**
Die Positionen der Kontrahenten könnten unterschiedlicher nicht sein:
* Die regierende Fidesz-Partei betont nationale Souveränität und stabile Energieversorgung. Orbán lehnt Waffenlieferungen an die Ukraine sowie deren EU-Beitritt ab und will russische Energieimporte schützen: “Ohne diese Rohstoffe wird es keine Senkung der Kosten für kommunale Dienstleistungen und keine günstige Energie für ungarische Familien geben.”
* Die oppositionelle TISZA-Partei verspricht eine Normalisierung der Beziehungen zu Brüssel. Magyar erklärte, Ungarn müsse aufhören, “zwischen Ost und West hin und her zu schwanken” und einen klaren Platz in der EU und der NATO einnehmen.
Der Politikwissenschaftler Gábor Stier sagte gegenüber *Iswestija*, ein Wahlsieg Magyars würde voraussichtlich zu einer Verschlechterung und Verringerung der Kontakte zu Russland führen. Budapest würde dann eine Position ähnlich der Polens einnehmen.
Die Wahl im April wird somit nicht nur über die innenpolitische Richtung, sondern auch über die Zukunft der strategischen Energiepartnerschaft Ungarns entscheiden.
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