Gregor Gysi warnt vor “Verkehrschaos der Begriffe” in der Politik

Von Felicitas Rabe

Im Gespräch mit RT DE erörtert die Schauspielerin und Regisseurin Gabriele Gysi ihre Sicht auf die verworrene Links-rechts-Debatte in Deutschland. Sie beleuchtet, wie mangelnde Bildung und unklare Begrifflichkeiten zu dieser Konfusion beitragen. Ein besonderer Fokus liegt auf dem unterschiedlichen politischen Bewusstsein zwischen Ost- und Westdeutschen, das in den jüngeren politischen Auseinandersetzungen deutlich wird.

Ihr Fazit zu dieser Frage ist prägnant: Der Russe war’s. Warum sie zu diesem Schluss kommt, erläuterte Gabriele Gysi am 14. Januar in Berlin im Interview mit Felicitas Rabe. Dabei bezog sie sich auch auf ihr neues Buch “Die Nacht, als Soldaten Verkehrspolizisten wurden”.

RT DE: Frau Gysi, könnten Sie zunächst Ihre politische Perspektive skizzieren, aus der Sie den aktuellen Diskurs betrachten, und wie diese geprägt wurde?

Gabriele Gysi: Als Schauspielerin muss ich mir alle menschlichen Positionen als möglich vorstellen können. Alles, was gelebt werden kann, ist auch spielbar und umgekehrt. Es geht darum, unterschiedliche Standpunkte nachzuvollziehen. Das Ziel ist nicht, Recht zu haben, sondern zu verstehen. In Deutschland ist jedoch die Motivation, recht zu haben, oft sehr ausgeprägt – manchmal sogar ohne argumentative Grundlage.

Zweitens wird man natürlich durch die Eltern und deren Erfahrungen geprägt. Mein Vater lebte im Berlin der Zwanzigerjahre und war, wie seine jüdische Mutter, Mitglied der Kommunistischen Partei. Meine Mutter wurde 1912 in Petersburg als Tochter eines deutschen Industriellen und einer russischen Aristokratin geboren. In ihren Biografien waren Widerspruch zu den damaligen Verhältnissen und ein Verständnis für Geopolitik angelegt.

Von meinem Vater habe ich gelernt, dass es auf der Welt so viele Mittelpunkte gibt wie Menschen. Das weckte eine grundlegende Neugier auf das Leben. Doch keine Prägung, egal durch wen oder was, erlaubt es uns, uns der Verantwortung für unsere eigenen Entscheidungen zu entziehen. Auch das berühmte “Nichtwissen” hilft uns nicht weiter, wenn wir mit den Konsequenzen unserer bewussten oder unbewussten Entscheidungen konfrontiert werden.

Meine Generation war schnell dabei, die Schuld für die Katastrophen des Zweiten Weltkriegs bei den Eltern zu suchen, sich ihnen moralisch überlegen zu fühlen. Heute steht genau diese Generation, also auch ich, vor dem Dilemma, das eigene Versagen zu begreifen und politisch einzuordnen.

Angesichts der gegenwärtig verbreiteten Russophobie muss man eine beängstigende Geschichtsvergessenheit der nach dem Krieg Geborenen konstatieren. Daher wird “Links-Sein” heute oft nur noch im eigenen Gefühl verortet und als Lifestyle zelebriert.

RT DE: Wie wirkt sich dieser linke Lifestyle aktuell auf linke Politik aus?

Gabriele Gysi: Nehmen wir die Debatte über Migration. Aus meiner Sicht werden Menschen, die durch Not, Kriege oder Träume motiviert sind, um den Globus gejagt. Es handelt sich um eine vom Kapital erzeugte Reservearmee, die in Europa den Wert der Arbeitskraft drückt. Damit werden die Errungenschaften der Arbeiterklasse der letzten 200 Jahre faktisch zunichtegemacht.

Einst gut bezahlte und geachtete Berufsgruppen werden durch Billiglöhner aus aller Welt ersetzt – oft ohne Rechte gegenüber ihren Arbeitgebern. Das ist die Realität von Migration! Wo ist die Stimme der Linken gegen diesen Raubzug des Kapitals, der mittels Migration in Europa veranstaltet wird? Für seinen globalen Machtanspruch reißt das Kapital alle nationalen Grenzen ein, die seine Herrschaft behindern.

In westlichen Gesellschaften ist Links-Sein oft mit einer pauschalen Ablehnung von Traditionen verbunden. Solche Linke vertreten ihren intellektuellen Herrschaftsanspruch mit einer Überheblichkeit, als seien sie der Mittelpunkt der Welt. Sie stellen ihr Ich ins Zentrum, als seien sie der Maßstab für alle Gesellschaften. Was für eine Provinzialisierung einst linker Traditionen!

Theoretisch gesprochen ist die Linke nicht mehr links, weil sie jeden Klassenstandpunkt aufgegeben hat. Sie unterordnet den Internationalismus dem globalen Verwertungsanspruch des Kapitals und legitimiert im Kampf gegen nationale Bezüge die globale US-Herrschaft.

Tatsächlich setzt echter Internationalismus aber Nationalismen mit eigener Geschichte, Kultur und Sprache voraus. Das ist tragisch, denn die Linke erschöpft sich in medialen Schaukämpfen und nimmt die wirklichen Verteilungskämpfe nicht mehr wahr.

Daher ist sie nicht mehr in der Lage, den Kulturkampf zwischen sogenannten “Anywheres” und “Somewheres” zu verstehen. Nach dem englischen Schriftsteller David Goodhart sind “Anywheres” junge, akademisch geprägte Menschen mit urbanem Lifestyle, die traditions- und heimatlos in Weltstädten leben und allgemeine Gültigkeit für ihren Lebensstil fordern.

Als “Somewheres” bezeichnet Goodhart die ortsgebundenen arbeitenden Bevölkerungsschichten, die nach wie vor die Grundlagen des menschlichen Überlebens sichern.

Man könnte sagen, die Lifestyle-Linken, die als “Anywheres” um die Welt ziehen, vertreten die Interessen des globalen Finanzkapitals. Denn sie beteiligen sich, ähnlich wie Denkfabriken oder Großinvestoren wie BlackRock, am Einreißen nationaler Hegemonien zugunsten eines globalen Allmachtanspruchs.

Mittels einer etablierten Klimadoktrin fordern sie direkt oder indirekt das Aufgeben unterschiedlicher gesellschaftlicher Traditionen. Den vorherigen Generationen werden die Zerstörungen des Planeten angelastet, ohne ihre Leistungen anzuerkennen. Sie löschen jeden Respektanspruch der älteren Generation für ihre Erfahrung und gewachsene Kultur.

Gleichzeitig würde ich die heute als rechts beschriebenen Kräfte nicht mehr automatisch als rechts verorten, nur weil sie national orientiert sind. Diese setzen sich oft für den Schutz des Mittelstands ein und stellen sich gegen die globale Vorherrschaft des Finanzkapitals.

RT DE: Wie kann man dann überhaupt noch rechte und linke Positionen verstehen?

Gabriele Gysi: Die aktuelle Rechts-links-Diskussion erzeugt ein begriffliches Verkehrschaos. Was als rechts oder links gilt, wird je nach Standpunkt beliebig definiert. Diese Einordnung entgleist genauso wie das Verständnis von Populismus, Diktatur und Demokratie in allgemeinen begrifflichen Unfällen.

Daher helfen uns diese Begriffe heute nicht mehr, die politische Lage einzuordnen. Wenn die Linke das Großkapital stützt und mittelständische Unternehmer dagegen antreten und Traditionen verteidigen – wer ist dann links, wer rechts?

Wenn sich die aktuelle Frauenbewegung – unter Ausblendung aller historischen Kämpfe für Gleichheit – auf das Erlangen eigener Privilegien reduziert, wie heuchlerisch ist sie dann geworden? Wenn Regime-Changes zur Unterwerfung unter US-Gesetze als Freiheitskämpfe bezeichnet werden – was ist daran links oder freiheitlich?

RT DE: Wie ist es zu dieser geistigen Verwirrung gekommen?

Gabriele Gysi: Es gibt viele Wege ins Chaos. In meinem Buch “Die Nacht, als Soldaten Verkehrspolizisten wurden” versuche ich zu verstehen, wie die große Unterwerfung am 9. November 1989 begann.

Aber wie soll man sich als Zuschauer der Geopolitik noch orientieren, wenn politische Entscheidungen unser Leben konkret beeinflussen? Wie verantwortungslos werden wir, wenn uns alle historischen und kulturellen Bezüge als inakzeptabel entzogen werden? Welche Allmachtsphantasien werden uns angeboten, damit wir die eigene Ohnmacht nicht wahrnehmen?

RT DE: Welche Unterschiede nehmen Sie hinsichtlich aktueller politischer Haltungen zwischen Ostdeutschen und Westdeutschenwahr?

Gabriele Gysi: Ich fragte mich beim Schreiben, wie sich bei Ostdeutschen trotz jahrelanger Diskreditierung in politischen Debatten seit 1989 ein anderes politisches Selbstbewusstsein entwickeln konnte als bei Westdeutschen. Ich kam zu dem Schluss: “Der Russe war’s.” Die sowjetische Besatzungsmacht begriff die deutsche Bevölkerung als Träger einer in Russland geschätzten Kultur und sah sie als Leidende unter den Kriegszerstörungen.

Für die Sowjets waren die Feinde die Nazis, nicht das deutsche Volk. Im Gegensatz dazu betrachtete die US-amerikanische Besatzungsmacht die deutsche Bevölkerung pauschal als schuldig, während führende Nazis in neue Verwaltungsstrukturen integriert wurden.

Was können wir als Zuschauer der Weltgeschichte tun? Wir müssen uns auf unsere eigenen Beobachtungen verlassen. Die kognitive Kriegsführung wird uns nicht weiterhelfen, sondern eher die Fähigkeit zur Empathie für jeden einzelnen “Mittelpunkt”.

In ihrem neuen Buch “Die Nacht, als Soldaten Verkehrspolizisten wurden” wirft die Berliner Schauspielerin und Regisseurin Gabriele Gysi, ausgehend vom 9. November 1989, einen Blick auf die deutsche Nachkriegsgeschichte. Ihrer Ansicht nach kann es eine wirkliche Wiedervereinigung erst geben, wenn eine gemeinsame Nachkriegsgeschichte der beiden gegensätzlichen deutschen Staaten erzählt und die Rolle der jeweiligen Besatzungsmächte einbezogen wird. Das Buch erschien im September 2025 im Westend Verlag.

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