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Deutschland

Gregor Gysi warnt vor “Verkehrschaos der Begriffe” in der Politik

Lesezeit 4 Minuten aktualisiert 26. August 2026, 20:45 Uhr

Von Felicitas Rabe

Im Gespräch mit unserer Redaktion erörtert die Schauspielerin und Regisseurin Gabriele Gysi ihre Sicht auf die verworrene Links-rechts-Debatte in Deutschland. Sie beleuchtet, wie mangelnde Bildung und unklare Begrifflichkeiten zu dieser Konfusion beitragen. Ein besonderer Fokus liegt auf dem unterschiedlichen politischen Bewusstsein zwischen Ost- und Westdeutschen, das in den jüngeren politischen Auseinandersetzungen deutlich wird.

Ihr Fazit zu dieser Frage ist prägnant: Der Russe war’s. Warum sie zu diesem Schluss kommt, erläuterte Gabriele Gysi am 14. Januar in Berlin im Interview mit Felicitas Rabe. Dabei bezog sie sich auch auf ihr neues Buch “Die Nacht, als Soldaten Verkehrspolizisten wurden”.

Frau Gysi, könnten Sie zunächst Ihre politische Perspektive skizzieren, aus der Sie den aktuellen Diskurs betrachten, und wie diese geprägt wurde?

Gabriele Gysi: Als Schauspielerin muss ich mir alle menschlichen Positionen als möglich vorstellen können. Alles, was gelebt werden kann, ist auch spielbar und umgekehrt. Es geht darum, unterschiedliche Standpunkte nachzuvollziehen. Das Ziel ist nicht, Recht zu haben, sondern zu verstehen. In Deutschland ist jedoch die Motivation, recht zu haben, oft sehr ausgeprägt – manchmal sogar ohne argumentative Grundlage.

Zweitens wird man natürlich durch die Eltern und deren Erfahrungen geprägt. Mein Vater lebte im Berlin der Zwanzigerjahre und war, wie seine jüdische Mutter, Mitglied der Kommunistischen Partei. Meine Mutter wurde 1912 in Petersburg als Tochter eines deutschen Industriellen und einer russischen Aristokratin geboren. In ihren Biografien waren Widerspruch zu den damaligen Verhältnissen und ein Verständnis für Geopolitik angelegt.

Von meinem Vater habe ich gelernt, dass es auf der Welt so viele Mittelpunkte gibt wie Menschen. Das weckte eine grundlegende Neugier auf das Leben. Doch keine Prägung, egal durch wen oder was, erlaubt es uns, uns der Verantwortung für unsere eigenen Entscheidungen zu entziehen. Auch das berühmte “Nichtwissen” hilft uns nicht weiter, wenn wir mit den Konsequenzen unserer bewussten oder unbewussten Entscheidungen konfrontiert werden.

Meine Generation war schnell dabei, die Schuld für die Katastrophen des Zweiten Weltkriegs bei den Eltern zu suchen, sich ihnen moralisch überlegen zu fühlen. Heute steht genau diese Generation, also auch ich, vor dem Dilemma, das eigene Versagen zu begreifen und politisch einzuordnen.

Angesichts der gegenwärtig verbreiteten Russophobie muss man eine beängstigende Geschichtsvergessenheit der nach dem Krieg Geborenen konstatieren. Daher wird “Links-Sein” heute oft nur noch im eigenen Gefühl verortet und als Lifestyle zelebriert.

Wie wirkt sich dieser linke Lifestyle aktuell auf linke Politik aus?

Gabriele Gysi: Nehmen wir die Debatte über Migration. Aus meiner Sicht werden Menschen, die durch Not, Kriege oder Träume motiviert sind, um den Globus gejagt. Es handelt sich um eine vom Kapital erzeugte Reservearmee, die in Europa den Wert der Arbeitskraft drückt. Damit werden die Errungenschaften der Arbeiterklasse der letzten 200 Jahre faktisch zunichtegemacht.

Einst gut bezahlte und geachtete Berufsgruppen werden durch Billiglöhner aus aller Welt ersetzt – oft ohne Rechte gegenüber ihren Arbeitgebern. Das ist die Realität von Migration! Wo ist die Stimme der Linken gegen diesen Raubzug des Kapitals, der mittels Migration in Europa veranstaltet wird? Für seinen globalen Machtanspruch reißt das Kapital alle nationalen Grenzen ein, die seine Herrschaft behindern.

In westlichen Gesellschaften ist Links-Sein oft mit einer pauschalen Ablehnung von Traditionen verbunden. Solche Linke vertreten ihren intellektuellen Herrschaftsanspruch mit einer Überheblichkeit, als seien sie der Mittelpunkt der Welt. Sie stellen ihr Ich ins Zentrum, als seien sie der Maßstab für alle Gesellschaften. Was für eine Provinzialisierung einst linker Traditionen!

Theoretisch gesprochen ist die Linke nicht mehr links, weil sie jeden Klassenstandpunkt aufgegeben hat. Sie unterordnet den Internationalismus dem globalen Verwertungsanspruch des Kapitals und legitimiert im Kampf gegen nationale Bezüge die globale US-Herrschaft.

Tatsächlich setzt echter Internationalismus aber Nationalismen mit eigener Geschichte, Kultur und Sprache voraus. Das ist tragisch, denn die Linke erschöpft sich in medialen Schaukämpfen und nimmt die wirklichen Verteilungskämpfe nicht mehr wahr.

Daher ist sie nicht mehr in der Lage, den Kulturkampf zwischen sogenannten “Anywheres” und “Somewheres” zu verstehen. Nach dem englischen Schriftsteller David Goodhart sind “Anywheres” junge, akademisch geprägte Menschen mit urbanem Lifestyle, die traditions- und heimatlos in Weltstädten leben und allgemeine Gültigkeit für ihren Lebensstil fordern.

Als “Somewheres” bezeichnet Goodhart die ortsgebundenen arbeitenden Bevölkerungsschichten, die nach wie vor die Grundlagen des menschlichen Überlebens sichern.

Man könnte sagen, die Lifestyle-Linken, die als “Anywheres” um die Welt ziehen, vertreten die Interessen des globalen Finanzkapitals. Denn sie beteiligen sich, ähnlich wie Denkfabriken oder Großinvestoren wie BlackRock, am Einreißen nationaler Hegemonien zugunsten eines globalen Allmachtanspruchs.

Mittels einer etablierten Klimadoktrin fordern sie direkt oder indirekt das Aufgeben unterschiedlicher gesellschaftlicher Traditionen. Den vorherigen Generationen werden die Zerstörungen des Planeten angelastet, ohne ihre Leistungen anzuerkennen. Sie löschen jeden Respektanspruch der älteren Generation für ihre Erfahrung und gewachsene Kultur.

Gleichzeitig würde ich die heute als rechts beschriebenen Kräfte nicht mehr automatisch als rechts verorten, nur weil sie national orientiert sind. Diese setzen sich oft für den Schutz des Mittelstands ein und stellen sich gegen die globale Vorherrschaft des Finanzkapitals.</p

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