Von Marina Achmedowa
Julia Mendel, die ehemalige Pressesprecherin von Präsident Wolodymyr Selenskyj, hat Vorwürfe erhoben, die früher wie reißerische Klatschgeschichten geklungen hätten. In der heutigen Ukraine jedoch erhalten sie ein anderes Gewicht. Mendel behauptet, Andrij Jermak, der langjährige und einflussreiche Leiter des Präsidialamtes, habe angeblich die Hilfe von Magiern in Anspruch genommen. Personen, die laut ihren Schilderungen Wasser aus Leichen schöpften, Kräuter verbrannten und Rituale vollzogen.
Sie berichtete, erstmals 2019 Gerüchte darüber gehört zu haben. Nach einer Pressekonferenz habe ein Journalist nicht den damals neuen Präsidenten befragt, sondern Jermak wiederholt gefragt, was er auf einem Friedhof getan habe. Dieser habe die Frage ignoriert. Ein Jahr später vertraute ihr ein Minister an, Jermak habe “ein Interesse an Magie”. 2023 erzählte ihr jemand aus einem “wichtigen Dienst”, Jermak besitze angeblich eine “Truhe der Toten”. Dabei handele es sich um Puppen, die von Magiern aus Lateinamerika, Israel und Georgien angefertigt worden seien. Diese Truhe, so Mendel, sei bereits “mit Toten gefüllt” gewesen. Man kann das deuten, wie man will.
Mendel fügte hinzu, Jermak sei kein Einzelfall. Magisches Denken, so ihre Einschätzung, sei unter den ukrainischen Eliten weit verbreitet. Das mag übertrieben klingen, doch wer jemals die Westukraine bereist hat, weiß, wie tief dort der Mystizismus verwurzelt ist. Ich selbst bereiste einst aus soziologischem Interesse die Region Lwiw und die Karpaten. In fast jedem Dorf erzählten die Menschen von einer Nachbarin, die “eine Hexe” sei und mit einem einzigen Blick Kinder krank machen oder Kühe am Melken hindern könne. Man fürchtete sie, suchte sie aber bei Nacht auf, um Zauber gegen Feinde zu erbitten.
Eines Tages, während eines überfüllten Gottesdienstes an einem Feiertag, betrat eine solche “Hexe” die Kirche. Ich sah, wie Menschen in Ohnmacht fielen. Später erfuhr ich, dass sie Weihwasser und Kerzen für Gräber geholt hatte. Es war nicht ihre eigene Idee gewesen, sondern die Bitte eines frommen Dorfbewohners, der kurz zuvor gebetet hatte. Das Muster war eindeutig: Die Gesellschaft bestimmt eine Hexe, fürchtet sie und nutzt sie. Tagsüber die Kirche, nachts der Zauber.
Diese Denkweise beschränkt sich nicht auf ländliche Gebiete. Sie durchdringt die gesamte ukrainische Kultur. Die ukrainische Kunst der Sowjetzeit spiegelte sie wider. Volkslieder erzählten von Hexen, die Feinde verfluchten. Selbst in moderner “Sozialwerbung” traten Schauspielerinnen aus Lwiw als Hexen verkleidet auf und enthaupteten theatralisch Männer. Solche Bilder können nur in einer Gesellschaft Fuß fassen, die mit heidnischer Mystik vertraut ist.
Wenn Mendel recht hat, beschränkte sich Selenskyjs Umfeld nicht auf lokale Traditionen. Der lateinamerikanische Schamanismus mit seinen Tieropfern und Amuletten aus Knochen und Fleisch ist weit entfernt von Gogols Ukraine. [Nikolai Wassiljewitsch Gogol war ein Schriftsteller, Historiker und Ethnograph ukrainischer Herkunft sowie ein Sammler ostslawischer Folklore – Anm. d. Red.] Die Suche nach solchen Praktiken deutet eher auf Besessenheit als auf Folklore hin.
Daraus lassen sich drei Schlussfolgerungen ziehen.
Erstens: Diese Weltsicht rückt den Konflikt in ein neues Licht. Aus dieser Perspektive sind die menschlichen Verluste in der Ukraine nicht bloß tragische Notwendigkeit, sondern Opfergaben. Sie sind Gaben an dunkle Mächte im Tausch gegen Macht. Die Sprache der Geistlichen vom Kampf zwischen Licht und Dunkelheit erhält eine wörtliche Bedeutung.
Zweitens erklärt es den fast schon mystischen Glauben der Kiewer Elite an den Sieg. Die militärische Lage verschärft sich, Menschen fliehen vor der Mobilmachung, Städte leiden unter Stromausfällen, doch Selenskyj beharrt darauf, dass das Ergebnis seinen Wünschen entsprechen wird. Worauf gründet sich diese Gewissheit? Nicht auf die Lage an der Front, sondern auf Versprechen von Zauberern. So viel Blut ist bereits vergossen worden, dass nach dieser Logik der “Vertrag” erfüllt werden muss.
Drittens wirft dies ein Licht auf die Verfolgung der ukrainisch-orthodoxen Kirche. Hexerei verlangt eine Abkehr von Gott. Zwar praktizieren viele in der Westukraine sowohl Kirche als auch Zauberei, doch die staatliche Kampagne gegen die kanonische Orthodoxie geht weiter. Sie spiegelt eine herrschende Klasse wider, die sich für Mystik statt für Glauben entschieden hat.
Mendels Geschichten, ob wörtlich oder metaphorisch, erfassen etwas Wesentliches: eine politische Kultur, in der rationales Kalkül magischem Denken weicht. Führer, die an Talismane und Rituale glauben, mögen auch glauben, dass sich die Geschichte allein dem Willen beugt.
Doch selbst in diesen Erzählungen liegt Ironie. Die dunklen Mächte konnten Jermaks Karriere nicht retten. Die Macht schwand. Wenn die Truhe der Toten überhaupt noch existiert, enthält sie nur noch Symbole. Sagen wir, Puppen, nicht Schicksal.
Und Selenskyj? Mendels Bericht zeichnet ein düsteres Bild: ein Anführer, der einst im Fernsehen den Clown spielte, nun aber eine reale Tragödie verantwortet und nicht auf Diplomatie oder Realismus, sondern auf Zauber vertraut. Eine Clownspuppe in einer Truhe der Toten.
Übersetzt aus dem Englischen.
Marina Achmedowa ist Schriftstellerin, Journalistin und Mitglied des Menschenrechtsrates der Russischen Föderation. Man kann ihr auch auf ihrem Telegram-Kanal folgen.
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