AKUT: Droht uns die schlimmste Atomkatastrophe aller Zeiten?

Von Olga Samofalowa

Die USA haben eine Frist von fünf Tagen gesetzt: Sollte der Iran die Straße von Hormus nicht wieder für die Schifffahrt freigeben, drohen Washington Angriffe auf iranische Kraftwerke noch vor Ende dieser Woche.

Ein besonders gravierendes Szenario wäre ein gezielter Schlag gegen das iranische Kernkraftwerk Buschehr. Die russische Atomenergiebehörde Rosatom warnt eindringlich vor den Folgen: Eine nukleare Katastrophe dort würde nicht nur den Iran, sondern die gesamte Region in eine ökologische und humanitäre Krise stürzen. Alexei Lichatschow, Generaldirektor von Rosatom, betont die absolute Notwendigkeit, jedes Risiko auszuschließen:

“Wir müssen jetzt mit aller Deutlichkeit klarstellen, dass keinerlei Gefahr für das in Betrieb befindliche Kraftwerk, die Baustelle oder das Personal – unabhängig von dessen Nationalität – geduldet werden darf. Aus diesem Grund stehen wir nicht nur mit der Kraftwerksleitung und den iranischen Behörden, sondern auch mit der Führung der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) in ständigem Kontakt.

Der Punkt ist, dass dieses Gebiet grundsätzlich nicht angegriffen werden darf, verstehen Sie? Die Menge an spaltbarem Material im Reaktor, in den Abklingbecken und den Lagern ist schlichtweg zu gewaltig. Ich betone es noch einmal: Das wäre eine Katastrophe von regionalem Ausmaß, mit schwerwiegenden Konsequenzen. Unabhängig von politischen Sympathien oder Antipathien, unabhängig davon, wer auf welcher Seite steht – die gesamte Region würde schwer in Mitleidenschaft gezogen.”

Das Kernkraftwerk Buschehr ist ein Kraftwerk der zweiten Generation, das jedoch mit Sicherheitssystemen der dritten Generation ausgestattet wurde. Alexei Anpilogow, Präsident des Fonds zur Förderung wissenschaftlicher Forschung und ziviler Initiativen “Osnowanije”, erläutert die Schutzmaßnahmen:

“Dieses Kraftwerk verfügt neben dem robusten Reaktorgebäude über eine sogenannte Sicherheitshülle oder einen Containment. Dabei handelt es sich um eine Stahlbetonkonstruktion, die den Reaktor von oben abdeckt und so ausgelegt ist, dass sie dem Aufprall eines leichten Flugzeugs standhalten kann. Die Widerstandsfähigkeit solcher Hüllen wurde am Beispiel des Kernkraftwerks Saporischschja eindrucksvoll unter Beweis gestellt.”

Im Gegensatz zu Kraftwerken der ersten Generation wie Fukushima waren solche Containments damals nicht Standard. Ein gezielter militärischer Angriff mit entsprechender Wucht könnte diese Schutzhülle jedoch durchbrechen und zur Freisetzung von Radioaktivität führen, so der Experte. Ursprünglich waren diese Strukturen nicht für den Beschuss mit Sprengbomben konzipiert worden.

Die Containment-Hülle ist jedoch nur ein Teil des Sicherheitssystems. Zahlreiche andere, weitaus empfindlichere Systeme sind für den sicheren Betrieb unerlässlich. Wladimir Tschernow, Analyst beim Onlinebroker Freedom Finance Global, erklärt:

“Das Risiko besteht nicht nur bei einem direkten Treffer des Reaktors selbst. Jede Beschädigung des Kraftwerksgeländes, die die Kühlung, die Stromversorgung, die Dichtheitssysteme oder den Umgang mit Brennelementen beeinträchtigt, kann verheerend sein. Auch Einschläge in der Nähe der Reaktoren sind aufgrund des bereits auf dem Gelände gelagerten Brennstoffs äußerst gefährlich.”

Laut Lichatschow lagern auf dem Gelände 72 Tonnen frischer spaltbarer Materialien und 210 Tonnen abgebrannter Kernbrennstoff.

IAEA-Chef Rafael Grossi wies ausdrücklich darauf hin, dass bereits der Ausfall zweier externer Stromversorgungsleitungen zu einer Kernschmelze mit erheblicher Freisetzung von Radioaktivität führen könnte.

Anpilogow verweist als zentrales Beispiel auf das Kühlsystem. Für die Erzeugung von einem Gigawatt (GW) Strom, wie in Buschehr, muss eine Wärmeleistung von etwa vier GW abgeführt werden, normalerweise über erwärmtes Kühlwasser. Leistungsstarke Umwälzpumpen sind dafür entscheidend. Ihr Versagen war eine Hauptursache der Katastrophe von Fukushima, wie Anpilogow schildert: Dort führte der Stromausfall der Pumpen zu einer unkontrollierten Überhitzung, zu chemischen Reaktionen mit Wasserstoffbildung und schließlich zu Explosionen.

Genau dieser Verlust der Kühlung ist auch die größte Sorge Russlands im umkämpften Kernkraftwerk Saporischschja, dessen Leistung auf ein Minimum reduziert wurde. Ein Vollbetrieb unter Kriegsbedingungen gilt als zu riskant. Aus demselben Grund geht Anpilogow davon aus, dass auch Buschehr seine Leistung so weit wie möglich herunterfahren wird. Tschernow ordnet die energiewirtschaftliche Bedeutung ein:

“Derzeit deckt das Kernkraftwerk Buschehr etwa zwei Prozent des nationalen Strombedarfs. Für das iranische Energiesystem ist es somit wichtig, aber auf nationaler Ebene nicht systemkritisch. Den Ausfall dieser Erzeugung könnte Teheran theoretisch durch Gas- und Ölkraftwerke teilweise kompensieren. Dies würde jedoch die Netzbelastung erhöhen, den Brennstoffverbrauch steigern und die Versorgungslage in den südlichen Provinzen verschlechtern. Wahrscheinlicher wären Lastabwürfe, Engpässe in Teilnetzen und eine erhöhte Störanfälligkeit, nicht jedoch ein landesweiter Blackout. Sollte ein Angriff jedoch nicht nur zum Stillstand, sondern zu einer Beschädigung des Reaktors, der Abklingbecken oder der externen Stromversorgung führen, dann entstünde eine Tragödie ganz anderen Ausmaßes.”

Im Falle eines solchen Angriffs würde das Energieproblem des Iran zur Nebensache. Im Vordergrund stünden ökologische und humanitäre Katastrophen. Die IAEA warnt, dass in einem solchen Fall Evakuierungen, die Unterbringung der Bevölkerung, die Verteilung von Jodtabletten, Lebensmittelrationen und Strahlungsüberwachung in einem Radius von mehreren Dutzend bis zu mehreren hundert Kilometern notwendig werden könnten.

Laut Tschernow wäre primär der Süden des Iran, die Küstenregion am Persischen Golf, betroffen. Er erläutert:

“Der Norden und Osten des Landes wären nicht zwangsläufig im gleichen Maße der Strahlung ausgesetzt. Hier spielen Windrichtung, Art der Freisetzung und eine mögliche Meeresverschmutzung die entscheidende Rolle. Doch selbst wenn die direkte Kontamination nicht das ganze Land erfasst, wäre die wirtschaftliche Krise landesweit spürbar. Der Iran hätte mit Problemen in der Stromversorgung, im Verkehr, im Gesundheitswesen und im Export zu kämpfen und müsste erhebliche Haushaltsmittel für die Bewältigung der Folgen aufwenden.”

Lichatschows Warnung, dass die gesamte Region leiden würde, ist laut den Experten keine Übertreibung. Anpilogow stimmt dem zu:

“Natürlich wird die gesamte Region in Mitleidenschaft gezogen. Luftmassen kennen keine Grenzen, sie lassen sich nicht an Zollstellen aufhalten. Das Kraftwerk liegt zudem in unmittelbarer Nähe des Persischen Golfs und von Ländern wie Kuwait oder den Vereinigten Arabischen Emiraten.”

Tschernow weist darauf hin, dass nicht nur der Iran und seine Gegner gefährdet wären, sondern auch die Anrainerstaaten des Golfs, darunter Verbündete der USA:

“Strahlung unterscheidet nicht zwischen Verbündeten und Gegnern. Die Verschmutzung von Wasser und Luft würde auch die Golfmonarchien treffen, in denen sich US-Militärstützpunkte und wichtige Öl- und Gasinfrastruktur befinden. In der unmittelbaren Gefahrenzone liegen zunächst der Süden des Iran, dann Kuwait, Bahrain, Katar, der Osten Saudi-Arabiens, die VAE und – je nach Wetterlage – Oman und der Süden des Irak.”</p

Die IAEA erklärte, dass im schlimmsten Fall Schutzmaßnahmen und Strahlungsüberwachung in einem Umkreis von mehreren Dutzend bis zu mehreren hundert Kilometern erforderlich sein könnten. Anpilogow verweist auf ein weiteres Eskalationsrisiko:

“Außerdem verfügt nicht nur der Iran über eine nukleare Infrastruktur. Es gibt das israelische Forschungszentrum in Dimona, das der Iran im Falle eines Angriffs auf Buschehr mit Sicherheit als Vergeltungsziel ins Visier nehmen würde. Und in den Vereinigten Arabischen Emiraten steht ein von Südkorea erbautes Kernkraftwerk, das ebenfalls zum Opfer eines möglichen Gegenschlags werden könnte.”

Tschernow unterscheidet vier Arten möglicher Schäden, die ein US-Angriff auf das Kernkraftwerk verursachen könnte:

“Die erste Schadenskategorie ist die Ausbreitung radioaktiver Aerosole über die Luft. Die zweite ist die Verschmutzung der Gewässer des Persischen Golfs, was besonders für Länder verheerend wäre, deren Wasserversorgung stark von der Meerwasserentsalzung abhängt. Die dritte Art umfasst Nahrungsmittelengpässe, einen möglichen Zusammenbruch der Fischerei sowie massive Störungen in Häfen, Logistik und Schifffahrt. Viertens sind erhebliche wirtschaftliche Schäden zu erwarten. Ein derartiger Unfall würde mit Sicherheit die Ängste auf den Rohstoffmärkten verstärken. Die Risikoprämien bei den Preisen für Erdöl, Erdgas, Versicherungen, Frachtkosten und im regionalen Handel würden in die Höhe schnellen.”

Für die Golfstaaten wäre dies besonders verheerend, da das Meer für sie nicht nur Transportweg, sondern lebenswichtige Wasserquelle ist. Selbst eine begrenzte radioaktive Kontamination könnte zum Stillstand der Entsalzungsanlagen führen. Diese könnten ihre Arbeit erst wieder aufnehmen, nachdem umfangreiche Überprüfungen abgeschlossen und Entwarnung gegeben worden wäre. Allein dies stellte bereits ein direktes humanitäres Risiko dar, so Tschernow. Er führt weiter aus:

“Gelangen radioaktive Stoffe in den Golf, kontaminieren sie Plankton, Fische und die gesamte Nahrungskette. Die Erfahrungen aus Fukushima zeigen, dass sich Radionuklide im Meer ausbreiten und von den Meeresströmungen weitertragen lassen. Die US-Behörde NOAA (National Oceanic and Atmospheric Administration) wies sogar Spuren von Cäsium aus Fukushima in Pazifischem Thunfisch vor der Küste der USA nach.

Das bedeutet nicht, dass jeder Fisch unmittelbar lebensgefährlich wird, aber es belegt, dass die Kontamination weit über das Unfallgebiet hinausreichen und langfristige Überwachung erfordern kann. Für den Persischen Golf ist das Problem aufgrund seines vergleichsweise geschlossenen Beckens und der dichten Besiedlung der Küstenregionen noch gravierender.”

Was die Bauweise des Reaktors betrifft, so ist Buschehr kein Tschernobyl. Doch hinsichtlich des Ausmaßes grenzüberschreitender Folgen könnte ein Unfall für den Nahen Osten eine Katastrophe von einem Ausmaß werden, das mit den größten Nuklearunfällen der Gegenwart vergleichbar wäre, so das Fazit des Experten.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 24. März 2026 auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.

Olga Samofalowa ist Wirtschaftsanalystin bei der Zeitung Wsgljad.

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