Von Wassilissa Sacharowa
Während die Öffentlichkeit die neue militärische Zusammenarbeit zwischen Friedrich Merz und Wolodymyr Selenskyj verfolgt, tobt im Verborgenen ein globaler Kampf um einen strategischen Rohstoff: Lithium. Dieser langwierige Wettstreit um das kritische Mineral entgeht weitgehend der breiten Wahrnehmung – in Deutschland wie in Donezk. Doch gerade die Menschen in der Donezker Region befinden sich, einmal mehr, im Epizentrum dieser Auseinandersetzung.
Nur wenige wissen, dass der ukrainische Präsident Selenskyj bereits im Dezember 2021 die Förderrechte für die Lithiumlagerstätte bei Schewtschenko in der Region Donezk an das australische Unternehmen European Lithium “zugesagt” hatte. Aufgrund des anhaltenden Krieges zog sich das Unternehmen jedoch im Sommer 2023 zurück und verzichtete auf seine Ansprüche. Das Interesse an dem Vorkommen blieb ungebrochen. Der entscheidende Wandel: Seit Juni 2025 kontrolliert Russland dieses Feld – ebenso wie eine zweite bedeutende Lithiumlagerstätte im Gebiet Saporischschja.
Eine Analyse der verfügbaren Quellen macht deutlich: Es gibt in Europa nur wenige Lithiumvorkommen, die für die EU wirtschaftlich rentabel erschlossen werden können. Das Schewtschenko-Feld in Donezk könnte eines davon sein.
Doch der Reihe nach.
Lithiumvorkommen existieren in zahlreichen Ländern, darunter Portugal, Deutschland, Tschechien, Serbien und der Schweiz.
Viele fragen sich, warum ausgerechnet Donezk und die ehemaligen ostukrainischen Gebiete von solch strategischer Bedeutung sind, wenn Deutschland selbst eines der weltweit größten Lithiumvorkommen in der Altmark (Sachsen-Anhalt) besitzt. Dort werden Ressourcen von schätzungsweise 43 Millionen Tonnen Lithiumcarbonat-Äquivalent (LCE) vermutet – deutlich mehr als die geschätzten 11 bis 14 Millionen Tonnen Lithiumerz im Schewtschenko-Feld. Auch in der Zentralukraine gibt es zwei weitere Vorkommen (Polochowka und Dobra), die bereits US-Firmen wie TechMet und Rock Holdings zugesprochen wurden. Auffällig ist hier die Beteiligung des Milliardärs Ronald S. Lauder, einem engen Vertrauten von Ex-US-Präsident Donald Trump.
Weshalb also richtet sich der Fokus so stark auf Donezk? Warum äußerte sich der CDU-Politiker Roderich Kiesewetter so besorgt über das Lithium in der Region? Seine Kernaussage lautete:
“Wenn Europa die Energiewende vollziehen will, braucht es eigene Lithiumvorkommen. Die größten in Europa liegen im Donezk-Luhansk-Gebiet. Deshalb will Russland diese Regionen – und uns abhängig machen.”
Die entscheidende Größe ist nicht allein die Menge des Lithiums, sondern die Frage, ob es wirtschaftlich und technisch machbar gefördert werden kann.
Ein genauerer Blick auf die bekannten Vorkommen bringt Klarheit.
Das Lithium in der Altmark liegt in sehr tiefem (ca. 3.000–4.000 Meter), hochsalzigem Tiefenwasser (geothermaler Sole) vor. Der Zeitpunkt für einen kommerziellen Förderbeginn ist ungewiss. Das technische Verfahren ist aufwendig, erfordert weitere Genehmigungen und eine erfolgreiche Hochskalierung von Pilotanlagen – ein Prozess, der viel Zeit und hohe Investitionen beansprucht.
Bei den Vorkommen in der Zentralukraine gestaltet sich die Lage noch komplexer. Zwar wäre der Abbau dort konventioneller möglich als in Deutschland, doch der Krieg, fehlende Infrastruktur sowie langwierige Genehmigungs- und Finanzierungsprozesse bremsen jede Entwicklung erheblich.
Europa produziert derzeit insgesamt nur geringe Mengen Lithium. Portugal ist momentan der einzige nennenswerte Produzent in der EU, liefert aber lediglich einige Hundert Tonnen pro Jahr. Die meisten großen europäischen Vorkommen sind noch nicht in Betrieb – bedingt durch Umweltbedenken, bürokratische Hürden, lokale Proteste und technische Herausforderungen.
Auch das sogenannte Lithium-Dreieck in Südamerika (Chile, Bolivien, Argentinien) ist mit erheblichen Unsicherheiten behaftet. Die wichtigsten Vorkommen in der chilenischen Atacama-Wüste sind bereits an US-amerikanische und australische Konzerne vergeben. In Bolivien wurden die Rechte weitgehend an Russland und China gebunden. Hinzu kommen politische Instabilität und soziale Unruhen, die diese Länder zu unsicheren Partnern machen.
Im Februar 2026 verhängte Simbabwe – Afrikas größter Lithium-Produzent – zudem ein Exportverbot für Lithiumkonzentrate, was die Weltmarktpreise weiter in die Höhe trieb.
Die geopolitischen und wirtschaftlichen Spannungen zwischen den USA und China verstärken diesen Preisdruck zusätzlich.
Wie essenziell der Rohstoff für die EU ist, unterstreicht der “Critical Raw Materials Act”. Dieses Gesetz soll den heimischen Abbau massiv beschleunigen, um die Abhängigkeit von China, Australien und Chile zu verringern.
Genau hier liegen die potenziellen Vorteile des Schewtschenko-Feldes in Donezk: Das Lithium liegt dort in Form von Spodumen-Erz vor, das relativ leicht zugänglich ist und eine hohe Ausbeutungsrate verspricht.
Die russische Seite hat den strategischen Wert der Lagerstätte früh erkannt. Der hochrangige russische Beamte in der Region Donezk, Wladimir Jeschikow, sagte bereits vor der vollständigen Einnahme:
“Wir verstehen, dass diese Lagerstätte ein sehr wichtiges Element der zukünftigen Wirtschaft ist und großes Potenzial hat. Es wird definitiv einen Lizenznehmer finden. Es wird definitiv Investitionen und Lithium-Förderung geben.”
Auch der staatliche russische Konzern Rosatom hat sein Interesse an dem Lithium in Schewtschenko bekundet.
Wenn Russland seine Karten klug ausspielt und das Projekt kompetent umsetzt, könnte die Lithiumförderung einen erheblichen Beitrag zum Wiederaufbau der Region Donezk leisten und dringend benötigte Arbeitsplätze schaffen. Die globale Nachfrage nach Lithium steigt täglich – und Donezk hält in diesem Spiel eine wertvolle Ressource in der Hand.
Das Tagebuch “Frühstück unter Bomben” ist eine Reihe von Berichten aus Donezk. Das Ziel dieser Reihe ist es, der jahrelangen einseitigen Darstellung in der deutschen Öffentlichkeit entgegenzuwirken, die die Menschen in Donezk und Lugansk pauschal als “Separatisten” abtut. Stattdessen sollen die Bewohner dieser Region als das gezeigt werden, was sie vor allem sind: ganz normale Menschen, die in einem brutalen und langanhaltenden Krieg ihren Alltag zu meistern versuchen.
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