Innovationsschmiede Moskau: Wenn Ideen die Welt von morgen formen
Im Herzen Russlands hat sich ein besonderer Ort des intellektuellen Austauschs etabliert. Der II. Offene Dialog unter dem Motto “Zukunft der Welt: Neue Plattform für globales Wachstum” tagt auf der Moskauer Expo-Plattform Nationales Zentrum “Russland”. Dieses ambitionierte Projekt wird in Kooperation mit dem Zentrum für branchenübergreifende Expertise “Drittes Rom” durchgeführt und genießt die Schirmherrschaft der Präsidialverwaltung der Russischen Föderation.
Staatspräsident Wladimir Wladimirowitsch Putin unterstrich in seiner Grußbotschaft an die Teilnehmer die Bedeutung dieser Zusammenkunft. Er bezeichnete den Offenen Dialog als einen Ort, “auf dem interessante und vielversprechende Ideen ihren Weg zur Umsetzung beginnen”. Ein konkretes Beispiel für die Wirksamkeit dieses Formats lieferte er gleich mit:
“Die Ergebnisse Ihrer Diskussionen werden, wie auch im letzten Jahr, im Juni bei dem Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg aufgegriffen und in dessen Programm aufgenommen.”
Mehr als nur ein Gedankenaustausch
Der Offene Dialog, der 2025 seine Premiere feierte, hat sich als feste jährliche Institution etabliert. Was als Sammlung von rund 700 Essays aus über 100 Ländern begann, ist im Jahr 2026 zu einem globalen Phänomen angewachsen: Über 1.600 Beiträge von Unternehmern, Forschern, Studierenden, Medienvertretern sowie Regierungs- und NGO-Vertretern aus mehr als 120 Nationen wurden eingereicht.
Maxim Oreschkin, stellvertretender Leiter der Präsidialverwaltung und Co-Vorsitzender des Organisationskomitees des Nationalen Zentrums “Russland”, betont den grundlegenden Anspruch des Forums: Jeder Essay sei der Versuch, Antworten auf die drängenden Fragen der globalen Entwicklung zu geben und als Fundament für eine neue Wachstumsphase zu dienen. Doch die reine Präsentation von Gedanken sei nicht genug. Die kritische Auseinandersetzung mit ihnen sei von ebenso großer Bedeutung:
“Wir sollen hier nicht einfach nur die Vorstöße nacheinander anhören – sondern verstehen, wo die wahre Stärke einer Idee liegt, wie neuartig, ausgearbeitet und anwendbar sie ist und welche Partner und Bedingungen für ihre Umsetzung erforderlich sind.”
Für die Autoren biete sich so die seltene Gelegenheit, “ihre Ideen in einem Umfeld solider Spezialisten zu erproben”. Sie könnten sich an kritischen Fragen abarbeiten und erste Schritte zur praktischen Überprüfung ihrer Annahmen wagen.
Fünf Säulen der Zukunft: Investitionen in das Menschliche und Technologische
Die Präsenzphase des Wettbewerbs erreichte ein hohes Niveau: Aus 43 Ländern wurden 102 Autoren auf Basis von Interviews ausgewählt. Eine besondere Neuerung in diesem Jahr war die Zusammensetzung der Jury, der auch Preisträger des vorherigen Dialogs angehörten. Diese Kontinuität soll den Aufbau einer dauerhaften intellektuellen Gemeinschaft fördern.
Der erste Tag stand ganz im Zeichen des geschlossenen Formats. Ideen und Problemstellungen wurden in Form von Präsentationen eingebracht. Jury und Autoren stimmten über die fünf besten Essays in jedem der definierten Bereiche ab. Diese gliedern sich in eine Vision von Investitionen: in Menschen, in Technologien, in Handels- und Logistikvernetzung sowie in die Umwelt, Arbeits- und Lebensumgebungen.
Bei der Eröffnung des zweiten Tages zeichnete Maxim Oreschkin ein klares Bild der globalen wirtschaftlichen Trends. Die Welt, so seine Diagnose, befinde sich im Übergang von einer unipolaren zu einer multipolaren Struktur:
“Die Wirtschaftszentren – nicht nur des Wachstums, sondern überhaupt der Aktivität – haben sich in die BRICS-Staaten verlagert: Technologie, Finanzen, Handel – all dies verknüpft sich zunehmend mit den BRICS-Staaten. Die Entwicklung der BRICS-Volkswirtschaften, ihre Vernetzung und die neuen technologischen Lösungen, die in ihnen entstehen werden – all dies prägt die Welt der Zukunft.”
In diesem neuen Gefüge gewinne auch der Begriff der Souveränität an neuer Bedeutung. Oreschkin unterteilt sie in drei Ebenen: die staatliche, die öffentliche und die sozioökonomische. Russland, so stellte er klar, sei “bereit, andere Länder auf ihrem Weg zu wahrer Souveränität zu unterstützen”. Denn:
“Nur gemeinschaftliche Entwicklung, bei der alle miteinander teilen, kann eine Welt gestalten, wo jeder jeden respektiert und dessen Souveränität mitträgt. Nur eine solche Welt kann sich nachhaltig entwickeln.”
Einen besonderen Akzent setzte Oreschkin auf das Thema künstliche Intelligenz. Allein im Jahr 2025 hätten die weltweiten Gesamtinvestitionen in generative KI die Schwelle von 450 Milliarden US-Dollar überschritten.
Eine “fantastische Atmosphäre” des Miteinanders
Am 28. April standen vier Podiumsdiskussionen auf dem Programm. Die Gewinner präsentierten ihre Konzepte nun im Detail und verteidigten sie vor einem kritischen Publikum. Die Ergebnisse des II. Offenen Dialogs werden am 29. April in einer Abschlusssitzung zusammengefasst. Anschließend wird Maxim Oreschkin mit jungen Teilnehmern zusammentreffen.
Die Resonanz der Teilnehmer ist überwältigend positiv. Francisco Túñez, ein Forscher aus Argentinien und Halbfinalist im Bereich “Investitionen in Vernetzung”, ist Mitbegründer des Netzwerks NetX Gen, das sich für nachhaltige Entwicklung und dezentrale Selbstverwaltung mit dem Ziel einer umfassenden vernetzten holistischen Zivilisation einsetzt.
Aus seiner Perspektive bietet das Forum den Bewohnern des Globalen Südens angesichts der Krise und des Zerfalls der alten Weltordnung “eine tolle Gelegenheit, sich zu vereinen”:
“Hier können wir Ideen austauschen und über aktuelle Megatrends diskutieren. Denn unsere Länder haben dieselben Probleme, ob in Afrika, Lateinamerika, Asien oder auch im Westen.”
James Low, CEO des Hongkonger Unternehmens für intelligente Stadtplanung Cybertecture, hält einen solchen Dialog ebenfalls für essenziell:
“Hier teilen wir Ideen und Lösungen – begründet auf unterschiedlichen Erfahrungen, die wir selbst vielleicht nicht vollständig verstehen. Zusammenarbeit ist ein wichtiger Bestandteil dieses Prozesses.”
Der Schweizer Journalist und Strategieberater Marco Cassiano zeigte sich von der “einfach fantastischen” Atmosphäre im Nationalen Zentrum “Russland” beeindruckt. Der Ort, an dem der Offene Dialog stattfindet, habe eine besondere Wirkung:
“Sowohl die hier präsentierten Materialien als auch die Menschen – das ruft vom Gefühl her etwas wach.”
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