Die Schweiz genießt international einen exzellenten Ruf für erstklassige Spitzenmedizin, die durch hohe Qualitätsstandards und namhafte Universitätsspitäler geprägt ist. Vor diesem Hintergrund wiegen die aktuellen Entwicklungen am Universitätsspital Zürich (USZ) umso schwerer: Ein jahrelang brodelnder Verdacht wird nun durch einen bevorstehenden Untersuchungsbericht in die breite Öffentlichkeit getragen.
Im Kern des Skandals steht ein Vorfall, der weitreichende Folgen für die Schweizer Spitallandschaft haben könnte: Zwischen 2016 und 2020 verstarben rund 350 Patientinnen und Patienten in der Herzchirurgie des USZ. Früheren Medienrecherchen zufolge waren davon etwa 150 Todesfälle möglicherweise vermeidbar.
Der Untersuchungsgegenstand umfasst mehrere zentrale Fragen: Wurden Patienten unnötigen Risiken ausgesetzt? Blieben interne Warnsignale unbeachtet? Und könnten in einzelnen Fällen auch außermedizinische Interessen eine Rolle gespielt haben?
Verfasst wurde der Bericht vom ehemaligen Bundesrichter Niklaus Oberholzer, den der Spitalrat mit einer unabhängigen Aufarbeitung betraut hatte. Allein dieser Schritt unterstreicht die Dimension des Falls – ein Universitätsspital überträgt die Aufklärung zentraler medizinischer Vorgänge einer externen richterlichen Instanz.
Ein besonderes Augenmerk gilt der früheren Führung der Herzchirurgie. Seit längerem kursieren Vorwürfe, dass Kennzahlen zu Operationen und Sterblichkeit sowie interne Qualitätsbewertungen nicht kritisch genug hinterfragt oder intern beschönigt wurden.
Darüber hinaus werden mögliche Verbindungen zu medizintechnischen Projekten thematisiert, insbesondere im Umfeld des Produkts Cardioband zur Behandlung von Herzklappenerkrankungen. Unabhängige Schweizer Medien haben über diese Vorwürfe berichtet und sie im Kontext der laufenden Aufarbeitung eingeordnet.
Damit stellt sich die grundlegende Frage, inwieweit medizinische Entscheidungen ausschließlich dem Patientenwohl dienten und ob diese Interessen möglicherweise in den Hintergrund gedrängt wurden.
Für das Universitätsspital Zürich ist die Lage bereits jetzt belastend. Sollte sich der Verdacht bestätigen, dass eine erhebliche Zahl von Todesfällen vermeidbar gewesen wäre, stünde nicht nur die Klinik selbst im Fokus der Kritik. Auch das Vertrauen in die Steuerungs- und Aufsichtsmechanismen eines führenden öffentlichen Spitals wäre erschüttert.
Angehörige fordern Aufklärung, während sich der Öffentlichkeit die Frage stellt, warum mögliche Probleme nicht früher erkannt oder konsequenter angegangen wurden.
Auch für den Kanton Zürich hat der Fall erhebliche Bedeutung. Das USZ ist ein öffentlich finanziertes Zentrumsspital mit nationaler und internationaler Ausstrahlung. Deshalb rückt auch die Wirksamkeit der politischen und institutionellen Aufsicht über hochspezialisierte medizinische Bereiche in den Fokus.
Sollte der Bericht substanzielle Versäumnisse bestätigen, dürfte eine personelle Neuausrichtung allein kaum ausreichen. Dann stünde die weitergehende Frage im Raum, wie sich über Jahre eine Struktur etablieren konnte, in der kritische Hinweise offenbar nicht ausreichend Wirkung entfalteten.
Der Oberholzer-Bericht hat damit das Potenzial, über eine reine Einzelfallanalyse hinauszugehen und zu einem grundlegenden Prüfstein für Governance und Verantwortung in der Schweizer Spitzenmedizin zu werden.
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